Der endlose Weg.
Roman aus Sibirien. Von I. Oxenham.
Autorisiert — Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Er kann nicht rechtzeitig kornmen. Zehn Tage hin! ^ a 9 e her! Zehn Tage — zehn Tage!" murmelte er schläfrig vor sich hin rrnd mit einemmal lachte er schallend auf. Nun wusste er, wie Jline bestraft werden mußte!
„Das ist es! Das ist das Richtige!" kicherte er. „Zehn Tage! Zehn Tage!!"
Und vergnügt schlief Gouverneur Paschkin ein.
Als der Konvoi gestern eingetrossen war, hatten die Räte gefragt: „Sollen wir Stepan Jline zurückholen lassen, Exzellenz?" und er hatte brummig geantivvrtet: „Nein, die Reise wird ihm das heiße Blut abkühlen." Jawohl, Reisen war das Richtige für Jline! Schorr früh am nächsten Morgen beschäftigte Seine Exzellenz sich eifrig mit der Ausfertigung gewisser Dokumente und amüsierte sich bei dieser Arbeit so, daß er mehr als einmal in ein schallendes Gelächter ausbrach. Sofort nach dem Frühstück dann ließ er sich den besten Reiter unter feinen Kosaken holen und sagte zu ihm:
. „Du wirst sofort nach Wersinsk abreifen und diese Papiere dem Chef der dortigen Polizei übergeben. Du reitest. Jline hat die große Hauptstraße eingeschlagen. — Du wirst den Nebenweg durch die Hügel nehmen. Zwar ist der Weg länger, doch bietet er keine besonderen Hindernisse. Du wirst dein Möglichstes tun, um vor ihm in Wersinsk anzukoiw- men. Solltest du ihm unterwegs begegnen, so wirst du ihm nichts davon sagen, daß der Konvoi angekommen ist. Hast du mich verstanden?"
„Jawohl, Exzellenz."
„So reite. Mache keinen Fehler, oder beine Haut soll mir dafür bezahlen. Gehe und reite schnell!"
Und Taras, der Kosak, mit seiner Haut in Gefahr, ritt mit solcher Schnelligkeit, daß er Wersinsk am elsten Tag erreichte — mit vier Stunden Borsprung vor Stepan Jline.
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Stepan Jline jagte unterdessen dahin, Verzweiflung im Herzen, maßlose Bitterkeit im Hirn. In den allerersten Stunden hatte er an nichts denken können als an Katia unb Ka- j tittfa und den Zusammenbruch seines Lebens. Hoffnungen wachte er sich nicht. Einem Mann wie ihm lag jede Selbst- täuschung fern. Er war mit Paschkin zusammengeraten, und Paschkin vergaß nichts und vergab nichts. . .
Dann stieg der Haß in ihm auf: der fressende bitterd Daß gegen den Zerstörer seines Glücks, ein Haß, der ihm das Blut heiß durch die Adern trieb und ihn sein Leid vergessen Ueß, das ihn schwach machte, während der Haß ihn stählte und ihn sich daran erinnern ließ, daß er ein Mann war. Mftl Paschkin batte den Teufel der Rachsucht in Stepan Jlrne erweckt«
> ? r und grübelte in ohnmächtigem Zorn und
ging den Durgen auf den Grund in diesen Stunden des Nach, denke ns. -Weshalb mußte er so leiden: er, und viele andere Männer m Rußland? Weshalb wurde einem einzelnen Mann eme so unumschränkte, eine so furchtbare Gewalt übertragen, daß es rn fernem Belieben lag, mit einigen geschriebenen Worten mrt einem kurzen Befehl, ein Menschenleben zu vernichten? War das recht? Es war immer so gewesen in Rußland. Es würde wahrscheinlich immer so bleiben. Man konnte Nichts tun dagegen . . .
So mußte er sich an Paschkin halten.
Vielleicht gelang es ihm einmal, Paschkin zu toten, derm Paschkin war doch schließlich -nur ein Mann wie andere Männer, und alle Menschen sind sterblich. Uber dann kanr eben ein anderer.Paschkin! In dumpfem Unterbewußtsein ahnte Stepan, daß nicht der Mann Paschkin es war, um den es lt ^ Jr handelte, sondern ein System! Immerhin gedachte er,. Paschkin zu töten, wenn ihm DelegenKit dazu ward. Linderem würde eine solche Tat ja wahrscheinlich nichts nützen, aber ihm — ah, ihm Würbe das Herz im Leibe lachen bei seiner Rache. Langsam würde er Paschkin iliorden, ganz langsam, Stuck für Stück, damit er leidet: mußte, wie andere durch thn gelitten hatten!
. Nach und nach aber brannte das Feuer seiiies Hasses nieder, nw erlöschend zwar, nur langsam weiterglimmend, und seine Gedanken wandten sich seinem eigenen Sein zu. M belästigte sich damit, wie er es anstellen mußte, Pasch- kms Faust zu entschlüpfen — sich mit Katia und Katinka wieder zu vereinen — wohin zu fliehen — mit welchen Mitieln — auf welchem Weg . . .
Vor allem mußte er ben Weg nach Wersinsk fortsetzen, denn erst dort konnte er sich! der beiden Kosaken euuebigcn, me ihn begleiteten. Und dann lag Wersinsk dicht an der Grenze, über die hinaus, so hoffte er, Paschkins Macht nicht reichte. .Von Wersinsk wollte er sich auf irgend eine Weise fortstehlen. Daml gedachte er, auf großeil Umwegen und mit größter Korsicht, nach Selemsinsk zu wandern, wo Katia und Katinka ihn erwarten sollten. Von dort aus wollte er mit den Seinen nach Norden fliehen und mit dem Geld, das Katia aus dem Jrkutsker Wrack retten würde, irgendwo ein neues Leben beginnen, gleichviel wo, gleichviel wie bescheiden^ wenn nur weit entfernt von Paschkins Machtbereich.
Gr wußte, daß dieser Plan, der ihnr nur in ganz schattenhafte:: Hntriffcn vorschwebte, sehr gefährlich war und daß er auf viele Schwierigkeiten stoßen würde. Denn sogar inr öden Sibirien beburfte man eines Passes, um zu reisen. Aber er konnte ja Städten und der Polizei aus dein Wege gehen, bis er weit genug von der Provinz Irkutsk entfernt war, und dann könnte er sich irgend eines falschen Namens be- dieneii und irgend eine Geschichte erfinden, daß seine Papiere verloren gegangen oder gestohlen worden feien. Dieser Weg war sehr gefährlich!, denn Männer ohne Pässe wurden Verbrechern gleich geachtet in Rußland. Doch nichts anderes blieb ihm übrig. Gerade in Sibirien mußte es ja viele Orte geben.


