Roman ans Sibirien. Von I. Oxenham.

Autorisiert Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Marya Petrowua weinte, als müsse ihr das Herz zer­brechen, denn jedes Kind in Irkutsk wußte, daß, die Straße nach Wersinsk voller Gefahren mar; überschwemmt fast immer von reißenden Flüssen, so mrwegsmn, daß Pferde wrd Kutscher oft -Fenug sich die Hälse brachen; belagert von Räuberbanden. Aber sie verbiß ihren Schmerz und machte sich mit Katta an die Reisevvrüereitungen, während Jlvan Mine in die Schmiede ging, um mit Stepan zu sprechen.

-Könnte nicht ich'' an deiner Stelle gehen?"" fragte Stepair sofort.

Nein, mein Sohn. Das ivürde Paschkirr nicht dulden. Und auch ich will es nicht. Denn ich bin eine Ärt Henlker und muß Männer arrfhängen lassen aus Paschkins Befehl. Zum mindesten bringe ich Todesrrrteile nach Wersinsk.""

Wirst du es tun, Barer?""

Ich muß sehen und hären. zuerst."

Ah, dieser Puschkin! Wir sind hilflos in seine Hände gegeben.""

Es gibt noch einen Gott. Und einer: Zaren!"" sagte der Vater.

Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit," knurrte Stepan.Welche Pferde nimmst du, Vater?""

^Die beiden Braunen. Paschkins Name genügt, um mir überall weitere Pferde zu verschaffen.""

,i,Zweifellos,"" sagte Stepan, sich an feine eigene Reise für Paschkin erinnernd.Trotz alledem es ist eine furchtbare Reise, Vater. Auf alle Fälle mußt du mich mitneymen, wenn ich nicht an deiner Stelle gehen kann."

Nein, du wirst zu Hause bleiben. Du bist nötig hier, wenn mir etwas zustvßen sollte"

Eine furchtbare Wut kam über Stepan.

,,Mein Gott, dann werde ich

dann wirst du für deine Mutter und dein Weib und dein Kind sorgen!"" sagte Iwan Jline, der Schmied, ruhig.

Binnen einer Stunde war er fort.

. . . Die Tage vergingen, und in der Schmiede rechnete man klopfenden Herzens jeden Tag aus, welche Wegstrecke der Vater schon zurückgelegt haben konnte. Schwere Zeiten waren es für alle, und wie ein dunkler, schwarzer Schatten hatte es sich Mer das jonnijge Glück im Hause gelegt.Eine Reife von sechshundert Meilen war an und für sich gar nichts so Unerhörtes in diesem riesigen Land, in dem Entfernungen und Zeit so gar keine Rolle spielten. Aber obgleich die sechs­hundert Meilen nach Wersinsk unter günstigen Verhältnissen in zehn Tagen ganz gut zurückgelegt werden L>nnten, so war doch gerade diese Straße nach dem höchsten Norden von ge­fürchteter Gefährlichkeit. Da waren die Flüsse, die Wegsen­kungen. die Tungusen . . .

^.Jetzt ist er dort!" versicherten sie sich gegenseitig am zehnten Tag.

Aber im innersten Herzen fügte ein jeder in heimlicher Angst hinzu:

/,Wenn er nur dort ist? Mein Gott, wenn ihm nur nichts vassierte. . ."

Marya Pctrvwna wurde fast trübsinnig und lächelte nicht einmal,- wenn sie die kleine Katinka in ihren Armen hielt. Um ihretwillen bemühten sich Stepan und Katia, frohe Gesichter zu machen und ihre Angst nicht zu zeigen, aber aus ihren Herzen lastete es wie schwere Bürde und bang» Sorge. Am zwölften Tag kam der Konvoi mit den Silber­barren aus Wersinsk in Irkutsk an, und Stepan rannte vol­ler Angst nach dem Gouvernementsgebäude, um sich zu er­kundigen, ob die Männer seinem Vater begegnet seien.

Das erste, was er sah, waren zwei furchtbare schwarze Schatten, die hoch droben vom Dachgiebel herabbaumelten, hin- und herschwankend im Winde zwei der Führer des Konvois. Paschkin hatte sie kurzerhand aufhängen lassen. Ein

Exempel mußte statuiert werden-. Diese Hinrichtung

würde zweifellos starken Eindruck machen in Wersinsk. Die anderen Männer zitterten vor Entsetzen und konnten kaum Antwort geben aus Stepcms Fragen in ihrer Angst und Ver­wirrung. Einen nach dem andern fragte Stepan, konnte aber nicht das Geringste über seinen Vater erfahren. Die große Straße nach dem Norden hatte Nebenwege hier und dort/ Schleifen, die für schwerüeladene Delegas wie diejenigen des Konvois ruit den Silberbarren als besser passierbar galten. Der alte Jline dagegen mit seinem leichten Tarantaß hatte wohl den kürzesten Weg gewählt. Gesehen hatten die Män­ner vom Konvoi ihn nicht. Dagegen berichteten sie, daß die Straße stellenweise überschwemmt sei und in den Hügeln tie­fer Schnee liege.

Der Schnee würde seinem Vater ja vorwärts geholfen haben, dachte sich Stepan; er hatte dann statt des Tarantaß einen Schlitten benützen und so weit rascher reisen können. Trotzdem sorgte er sich und mußte sich sehr zusammenneh­men, um zu Hause nicht zu verraten, wie sehr er sich darüber ängstigte, daß der Konvoi dem Vater nicht begegnet war.

Nun tritt er den Heimweg an!"" sagten sie am zwan­zigsten Tag und taten ihr Möglichstes, auch wirklich über­zeugt davon zu sein. Doch vermieden sie es, einander irr die Augen zu sehen, damit sie sich nicht verrieten, und Marya Petrvwnas mütterliches Gesicht wurde hager und faltig. Dann schöpften sie wieder Hoffnung, und endlich hieß es:

^Hn zwei Tagen wird er hier sein."

Die Stunden verrannen.

pEr sollte eigentlich heute ankommen; kommt er aber wirklich nicht, so bedeutet das noch lange nichts Schlimmes. Was ist ein Tag bei einer so langen Reise!"

Und wieder verrannen die Stunden.

Der Tag verging, und die Hausarbeit ruhte, und Ste­pan tat keinen einzigen Hammerschlag in der Schmiede; die drei Menschen lebten nur in dem einen Gebanken, in dem