Roman aus Sibirien. Von I. O xe n h a nt. Autorisiert — Nachdruck verboten- (Fortsetzung.)
I line, der Schmied, siedelt sich in Irkutsk an und er sch mied et sich ein neues Heim.
Doch auch die Längste Straße muß ein Ende nehmen. Nachdem sie über ein Jahr lang gewandert waren, erreichten die Verschickten endlich die sibirische Stadt Irkutsk, und es kam dem kleinen SLepan sehr sonderbar vor, nun Nacht für Nacht zwischen festen Holzwänden und unter einer rveiß- getünchten Decke schlafen zu müssen und nicht mehr in die Sterne gucken zu können, wenn er aufwachte. Und jetzt standen auch immer Häuser im Weg, wenn man etwas sehen wollte! Ganz anders als in der Steppe! Doch auch Irkutsk hatte feine Vorzüge in Stepans Augen: Es gab immer etwas zu essen und man fror niemals; da waren auch Mädels und Buben, mit denen man spielen konnte, und vor «allem gab es teiuerlei schwarzen Schlamm! So gewöhnte Slep.au sich denn an die neue Ordnung der Dinge und wuchs.
Iwan Jline aber, der Schntied, hatte bald alle Hände voller Arbeit. Er war gerade der richtige Mann für ein neues Land und eine rasch ivachfande Stadt; ein unermüdlicher'Arbeiter und einer, der seine Arbeit gründlich verstand; ein Tüchtiger, dem der Erfolg vom ersten Augenblick an in der rasch errichteten Schmiede die Hand hinstreckte. Zwölf Stunden im Tag glühten die Feuer und wurden die Hämmer geschwungen, und vielleicht beschwichtigte das lustige Klingen von Hammer und Amboß die innerliche Bitterkeit über erlittenes Unrecht in Jline, dem Schmied; doch ganz vergessen konnte er wohl nie, denn bis zu seinem Tode 'blieb er ein stiller, schw-eigsanver Mann. Fleißig war er. Vs -mochte sein, daß er Gedanken, die zu gefährlich waren, unr ausgesprochen zu werden, ingrinnnig hineinhämmerte in seine Pflüge und Hufeisen und Hacken und Schaufeln, aber das schadete diesen nicht utcd dig plauderten gewiß nichts ans. Sie legten nur Zeugnis davon ab, wie tüchtig der Schmied war, und weithin verbreitete sich sein Ruf.
So vergingen die Jahre, und ans den: kleinen Stepan wurde ein Mann. Der Tag kam, an dem er sich Schmied nennen durfte und von dem ab er mit fernem Vater, Pen er nur manchen Zoll überragte, Seite an Seite arbeitete, bis er auch den schwersten Hammer schwingen konnte mrd so geschickt war wie der alte Schmied selbst. Doch nicht nur an - Esse und Amboß lerttte Stepan Jline, sondern dam: und tvann sprühte wie ein seltener Funke eine Idee, ein Begriff, eine harte Lebenserfahrung von dem alten Mann herüber zu ihm; ein wenig konfus manchmal, immer
kreuzehrlich- und auf diesen karger: Werter: baute er weiter, bis er zu ganz bestimmten Begriffen von Recht und Unrecht, von Welt und Leben kam. Kreuzehrlich alles. Schweigsam war er wie sein Vater —;
Denn es konnte einem ja noch viel Schlimmeres Pas» sieren im heiligen russischen Reich, als nur ikn der Verbannung im sibirischen JrÄmtsk lebet: zu müssen. Vorsichtig mußte man sein — schweigen!!
Von seiner Mutter lernte er Ehrfurcht vor gewissen großen Dingen; das, was Mütter ihre Söhne lehren dürfen. Man hatte ihn gern in Irkutsk, und er befaß vrele Freunde, denn aus natürlicher Veranlagung heraus neigte er zu frischem, frohem Lustigsein. Zu jener Zeit, da er mit seinen Eltern iu die Verbannung wanderte, war er noch zu sehr Kind gewesen und hatte zu viel Zeit gehabt seitdem, zu vergessen, als daß dies Ereignis sein Gemüt hätte verdüstern können. Sein junges Leben wurzelte eigentlich im neuen Land.
Ganz vergaß er freilich die Schrecken jener furchtbaren Wanderung von vielen Monate:: nie; doch sie erschiene« ihm nur wie ein schwarzer verschwommener Schatten in weiter Ferne — wie ein böser Traun:, ein 'Alpdrücken, möglichst schnell zu vergessen. Eine Erinnerung jedoch verblaßte niemals in ihn:, uno das war das schüchterne rosige Gesichtchen eines kleinen Mädchens, halb versteckt zwischen Vater und Mutter, mit großen Augen voller Erstaunen und Mitleid und einer kleinen Hand, die zaghaft dem hungrigen, kleinen Buben ihr eigenes Stück Brot hingehalten hatte..... . r m .
Das war seine große Errnnerung vom endlosen Weg!
Stepans Mutter wachte in fast angstvoller Erwartung über ihn, wie es Mütter tun, und fragte sich in immer? neuem Grübeln und Wundert: von Tag zu Tag, welches der Mädchen von Irkutsk es wohl sein könnte, das er chr als Schwiegertochter ins Haus bringen würde, aber sie wartete vergeblich. Und da ihr'bies sehr sonderbar und irrt* natürlich schien, so hätte sie gern ein wenig geholfen-!
„Bist gar wählerisch, mein Junge," sagte sie wobt. „Da ist Nadescha Markosf! Macht sie nicht Augen an dich hin so groß wie ein Wagenrad, und du tust blind wie euns
Eule!!" _ t . ,
„Macht sie wirklich Angen, Mutter? ^:e hat auch wunderschöne Augen, die Nadescha! Wer Natalie Murow auch und — ja — Mascha Kozlo erst recht, Mittler!
sind alle so hübsch!!" , t
„Und gesäSl denn keine dir besser als alle anderen?« Die Mabl würde aar m schwer sein, denn sre gefallen
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, Ja, ja — gefallen! Aber es ist an der Zeit, mein Junge, daß du dir eine aussuchst zur Frau, denn ich,möchte dich .gern verheiratet sähen, ehe ich sterbe. Und vielleicht noch Enkel auf meinen alten Knien schaukeln!"
. Wer wird ans Sterben denken; du wirst ra alle Tage


