' Flieger über London.
Bfoe Londoner Erzählung ans den Spätherbsttagen 1915. Kon Justus Schoenthah (Fortsetzung.)
12. Kapitel.
lieber den 'Dächern Londo ns.
Bmtgforb fühlte fii Ohne Marianne Erträgen.
Der Zufall hatte es gefügt, daß der Visoount an ihm großen Gefallen fand. Dem Obersten behagte die sichere, ruhige Art, mit der sein Untergebener arbeitete. Und oa von der beruflichen zur rein menschlichen Zuneigung öfter nur ein kleiner Schritt ist, so hatte sich's wie von selbst ergeben, daß der Visoount ihn bald zum Lunch, bald zum Dinner und wieder kleine Spazierfahrten unter- n Eigennutz war wohl dabei. Der Bis-
Nun fuhren sie p dreien im Kraftwagen des Obersten Mm Flugplatz.-—
Um diese Nachmittagszeit war auf dem Flugplatz' fast stets die Welt vornehmer Müßiggänger, Damen und Herren der besten Gesellschaft, versammelt. Die meisten Leute rannt« Longsord; er sah dieselben Gesichter nun feit mehreren
hen fast täglich. Er half “
einlud und sie hin und wieder kleine nahmen. Ein bißchen Eiaennutz war count fürchtete sich vor dem Alleinsein mit Marianne und seiner Trauer.
So verging fast kein Tag, ohne daß Longsord nicht Wenigstens eine Stunde mit Marianne hatte plaudern kön- nen. Ihm war, als zöge er in ihrer Gegenwart den britischen Uniform r ock ans, — als sei er wieder Mensch. . . Go mochte wohl einem Schauspieler zumute feilt, wenn er sich im Ankleideraum nach getaner Arbeit abschminkte . .
Me hatte er seine Muttersprache so edel mrd schön, den Zauber ihrer seltsamen Worte so ttef, ihren Klang so vein und gehaltvoll empfunden, wie in diesen Sttmden, da er Marianne und sich das Fest der deutschen Sprache rüstete.
Der Viscount beteiligte süh zunieist nur wenig an der Unterhaltung, obwohl er alles verstand, was gesprochen Wurde. Er freute sich, wenn Marianne etwas lebhafter und wärmer ivard. Gerade für sie dünkte ihn etwas Zerstreuung nötig zu sein.
Als Longsord daher vor mehreren Tagen davon sprach, ier werhe nun bald so weit sein, daß er einen Begleiten ohne Gefahr für dessen leibliches Wohlergehen in sein Flugzeug aufznnehmen wagen könne, und schüchtern die Bitte vortrug, Marianne möge sich ihm zn einer Fahrt über die Dächer Londons anvertrauen, ttmr der Bis count der erste, der seinem Beifall Ausdruck gab. Marianne zögerte Zunächst. Sie war etwas ängstlich. Man hatte doch schon so vielerlei von Fliegerunfällen gelesen. Wer Longsord bekämpfte alle ihre Bedenken und schilderte ihr die Fahrt im Flugzeug so überwältigend schön, daß sie am Ende selber Lust bezeigte und Ar sagte, um 10 mehr, als chr die beiden Herren begreiflich machtest, daß es ihrer Gesundheit zuträglich sei, wenn sie sich einmal über ihre Trauerstimmung ! dr des Wortes buchstäblicher Bedeutung erhebe. '
half Marianne aus dem Wagen und geleitete sie zum Fliegerschuppen. Der Visoount mischte sich unter dis cm- wesenden Offiziere.
Das Wetter war nicht sonderlich verlockend. Von 8er düordsee herüber pfiff ein unangenehm schneidender Ostwind. ~ mgsvrd musterte die Kleidung seiner Dame.
sie erst vor ztvei Tagen bekommen. Bisher hat mir'einer! der anderen ausgehotfen, da mich cber Schneider so ungebührlich lange warten ließ . . . Und dann versuchen Sie am besten, statt des gewiß anerkennenswert festen Damen« Hutes eine Fliegerkappe aus Ihr Haar zu priesen. Me Hutnadel brauchen wir dann nicht. Ehe der Wind Ihnen die .Lederkappe vom Kopfe reißt, wirft er ganz London über den Haufen."
Marianne lachte. 'Er freute sich darüber.
„Wissen Sie, Baroneß, ich bin in einer Stimmung, ähnlich der, die ich als Junge hatte, wenn unser Lehrer an einem heißen Sommertag sagte: „Heute machen wir einen Schulausflug!" — Haben Sie eigentlich noch Angst?"
Sie schüttelte lachend das Haupt.
„Nein, gar nicht mehr. Ihre Sicherheit scheint auf mich übergegangen zu sein. Die Selbstverständlichkeit, mit der Sie alles tun, heißt die Furcht schweigen. . . obwohl ich eigentlich noch aus einem andern Grund ängstlich war. Ich' hatte so eine böse Ahnung: Mteine Schwester ist hier in London umgebracht worden: vielleicht soll auch mir London zum Verhängnis werdend'
„Aber dann nur in gutem Sinne zum Verhängnis!" unterbrach er frohgelaunt. „Seien Sie nicht abergläubisch?
■— So, nun reichen Sie mir Ihre Hand, Kamerad der Lüfte! Wenn es Ihnen recht ist, tn einer Viertelstunde starten wir."
Sie sah ihn voll an und schlug in die därgebotene Rechte ein.
„Dann darf ich Sie vielleicht bitten, sich da drüben an den eisernen Ofen zn stellen, und wenn Sie Mut schwitzen sollten, — weichen Sie nicht von der Stelle! Jeder Arzt wird Ihnen das vielleicht für eine Dummheit erklären. Ich sage Ihnen aber: Sie müssen Wärmeeinheiten in sich ausnehmen, soviel Sie können! Wenn wir erst droben sind, —j es wird ziemlich kalt sein. Verlassen Sie sich draus! Und nun entschuldigen Sie mich, bitte! Ich muß noch ein paar Anordnungen treffen."
Er verließ den Schuppen und stieß auf Lady South-,


