Flieger ober London.

Eine Londoner Erzählung aus den Spätherbsttagen 1915.

Von Justus Scho ent hat.

(Fortsetzung.)

Aber warum haben Sie denn dann cmgeniommeit? 1 "

Er kreischte auf. Seine Stimme klang düster und rauh.

Stellen Sie sich doch, einen Menschen vor, der irr einer Leichenhalle spazieren geht, mit dem festen Ent­schluß, sich in: nächsten Augenblick auf die Babre zu legen unb ins Jenseits zu entschlummern. Und in diesem seeli­schen Zustande begegnet der Mensch einem Mitmenschen, einem lebensprühenden Draufgänger, und der bläst von seinem Geiste ihm Odem ein. So ist m r gerade aut Vorabend meines Selbstbegräbnisses der Hauptmann begegnet. . .. Und dann habe ich am Rande des Grabes nochmals fiebernd nach dem lockenden Himmelsmanna Leben gegriffen. Aber was ich möchte, was ich im geheimsteil Hintergründe meiner Seele hoffte, das ist ausgeblieben . . ."

Er reckte die Arme schwer seufzend.

Wissen Sie, Lady Edith, was ich mir träumte? Ein. Jahr lang möchte ich sorgenfrei gestellt sein, um während dieser Zeit ein Werk zu schaffen, mein Werk, etwas ganz Großes, Erhabenes, Gewaltiges. Nicht solche Zwitter­dinge, die in jeder Zeile die zitternde Angst des Schreiben- den vornl Mißerfolg verraten, oder solche Alltagsware, die man mit Ekel und Abscheu für die große Menge zurecht­feilt . . . Nein, item, um schreiben zu können, so, wie ich schreiben möchte, müßte man frei sein, da mühte inan seine Vergangenheit toie eirr rtnreinss Hemd ansziehen und in einer Springflut der Vergessenheit sich wieder jung baden Wunen . . . Ja, ich war einmal ein feuerspeiender Berg, heute bill ich ein leergebrannter Krater."

Seill Kopf fiel schwer aus den vor gestreckten Arm nieder.

Aber, James Atterley, seien Sie doch nicht kleinmütig. Sehen Sie, jetzt haben Sie so wundervoll viel freie Zeit. Jur Kriegsamt sind Sie gewiß an keineinTag länger als bis Mm Lunch beschäftigt. Dann können Sie arbeiten, soviel Sie lustig sind."

Mylady, Sie meinen es sicher gut mit mir. Aber jetzt im Kriege, finde ich noch weniger Sammlung als? sonst. Ich kann keine Beziehung zwischen mir und den: Krieg entdecken. Ich stehe dem Kriege wie einem unfaßbaren, mich angruseln- beu Rätsel gegenüber. Ich kann das wirklich Heilige, Große, Gewaltige, Erhebende, das die andern am Kriege rühmen, nirgends sehen, hch weiß nur, daß der Krieg die zur Methode erhobene Menschenschlächterei, eine hirnlose Raserei des'kerlvahnsinns, eine Tragikomödie internationaler Tollwut ist ..."

Edith schüttelte mißbilligend den Kopf.

Sehen Sie, von Carry Watton habe ich schon drei oder gar vier spannende Kriogsromane gelesen. Wenn Sie Ihrem

Herzen einen Stoß gäben und einen oder zwei solcher Ro­mane schrieben, hätten Sie plötzlich einen Namen und einen hübschen Haufen Gold und könnten schaffen, wonach Ihnen der Kopf stünde."

Atterley beachtete den letzten. Einwand nicht.

Wie heißt die strebsame Kriegsdichterin, die schon drei oder vier spannende Romane geschrieben fyctt?"

Carry Watton," gab Edith etwas befremdet zur Ant­wort.

Nun, ich kenne die Dame Watton nicht," höhnte er beißend.Sie kann trotz ihrer Fruchtbarkeit ein ganz an­ständiger Mensch sein. Ein Bekannter von mir hat schon 32 Krregsnovetlen verzapft urrd ist auch noch nicht einge­sperrt."

Ach, spotten Sie nicht, Atterley, Sie haben es am wenigsten nötig."

Ja, da haben Sie recht," bemerkte er. bitter,in meiner Lage hat man es wirklich nicht nötig, andere zu verspotten . . . Wirklich nicht. Aber selbst wenn das alles nicht wäre, selbst wenn das alles nicht wäre . . . wie soll man beim zur Ruhe des Schaffens kommen, wenn der innere und äußere Friede mangelt. Es ist nicht allein der Prozeß mit derLabonr Post" und ihrem niederträchtigen Advo­katen, diesem Bnrnham ; es laufen auch noch andere bissige Köter herum, die sich ein Vergnügen daraus machten, mir ans Bein zu springen oder mich wenigstens mit ihrem Geifer zu besudeln."

Er schüttelte wütend die Fäuste und knirschte zwischen den Zähnen das WortLumpenpack" hervor.

Auch das könnte man schließlich ertragen, auch das noch . . . Wenn man wenigstens ein Heine hätte, eine Burg, an bereit Schirmwehr alle Angriffe wirkungslos abprallten .... und nicht einmal das Hab ich mehr!"

Er stöhnte, daß es ihr zu Herzen ging. Sie legte die Gerte fort und trat auf ihn zu. Leise strich? sie mit der Hand über seinen Scheitel.

Mein armer Junge? Mein armer Junge!"

Er erfaßte ihre Hand und flüsterte leidenschaftlich mit wildznckenden Lippen:

Wenn man nur fort, fort aus diesem Morast des Ekels und des Widerwillens könnte! Nur fort! Gleichgültig, wohin. Auf eine einsame Insel, w!o einen nieumnd kennt/ wo keine Pcht mich erreicht, am liebsten dahin, wo man keinen von diesem Schurkengezücht mehr sehen muß!"

Sie liebkoste ihn streichelnd.

Lassen Sie mich ein paar Tage Nachdenken, James. Ich will sehen, ob ich nichts für Sie tun kann. Vielleicht kamt ich irgendwo hundert Pfund zusammentromineln und Sie machen damit eine Reise in die Einsamkeit. Sie brauchen eine Erholung, armerA Junge!"

Er küßte ihr in auswalleuder Dankbarkeit die Hand und zog sie ganz nahe an sich Iheran. Dann preßte er seine üinpen ans ihren Mund.