Schlechtes von dem „verhungerten und erschöpften" Deutsch- taub berichteten?!
Er hatte sich für den Dienst, den Lein Mensch von chm gefordert, freiwillig erboten. Er konnte wohl euch freiwillig znrücktreten, nachdem er ein wenig genützt und im übrigen eingesehen, daß das Unterfangen doch zu kühn. Sollte er wirklich abw-arten, bis seine körperliche Gesundheit unheilbaren Schaden genommen, bis sein Geist unheilbar zerrüttet war?!
Niemand konnte ihn: Feigheit Vorwürfen, Wenn er sich in Sicherheit brachte, solange es noch Zeit war ! Niemand wußte darum, wie es in'Wahrheit in seiner Seele anssah. Niemandem stand das Recht M, sein Ehrgefühl und seinen Mut in Zw'eifel Kn zieheil! Und doch. . . nein, es ging nicht...
„Wenn Sie so weit sindl" hatte die Exzellenz gesagt. Er war nicht so weit! Noch durfte er nicht! Und dann . . . da war es wieder, was im Dunkel feiner Seele schlummerte. Ihr: fesselte noch eine Aufgabe hier,-deren er sieb vorher nicht bewußt gewesen, zu deren Bewältigung er mcht ausgezogen war. Und doch eine schöne Aufgabe, wie ihn dünkte.
Er wollte Marianne voll Roggerchusen ertölsen.
Sie sollte nicht mehr leiden! Wenn er England verließ, sollte sie mit ihm ziehen. Der Gedanke an fie sollte seine Stütze sein in den Aengsten, deren Flammen ihn umzüngel- tell. Er ahnte, lu.ie sie sich fort ans diesem Lande sehnte, wo man ihr die Schwester erschlagen, ahnte, wie ihr Herz für das Land empfand, dessen Sprache sie sprach, in dessen Zunge sie betete, dessen Dichter sie verehrte, dessen Kultur auch die ihre war — trotz aller räumlichen Trennung.
Das Denken an Marianne beruhigte ihn wunderbar. Es glitt wie Oel über die erregten Wogen seiner Seele. Ein Teil ihrer fast mütterlichen Ruhe und Sanftmut schien in sein Herz überznströmen.
Nein, sie blendete nicht wie die eitle Tochter des Zeitungskönigs, sie würde ihn nicht zu Torheiten verleiten, sie würde ihm Freundin und Schwester sein, vielleicht auch r— aber er dachte nicht zu Ende.
Narretei! Einfältiges Hirngespinst! Allsall von echtdeutscher Romantik! Daß er sich solche Schwärmereien noch immer liicht abgewöhnen konnte, wo es doch ernstlich galt, nur mit den gegebener: Wirklichkeitein zu rechnen!
Wer sagte ihnr, daß Marianne einen Menschen brauchte gleich ihnr? Wie sollte er sich überhaupt ihr nähern? Wie sollte sie Vertrauen zu ihm schöpfen, der ihr als britischer Offizier genaht? Sich ihr offenbaren? Er stieß ein heiseres Lachen hervor und faßte sich all die Brust.
„Ich denke, alter Junge, wir ließen es bei der einen Weibertorheit bewenden! Kannst froh sein, wenn du da glimpflich davvnkonrmst!"
Aber unter der Asche glomm der Funkv weiter.
Nein, es war nicht Mitleid, was ihn zu ihr zog. Auch nicht die gemeinsame Muttersprache, noch das Bewußtsein^ der Zufammeugehörigkeit, da sie beide eine Insel gleichsam mitten im Lager der Feinde bildeten. Es war doch wohl mehr als das.
Er dachte an seine vor Jahren Verstorbene Mutter zurück, deren sehnlichster Wunsch gewesen war, er mochte ein eigenes Heim gründen. Er solle nicht so lange zaudern; schließlich werde er alt und grau, dabei und habe den rechten Anschluß verpaßt.... Die gute alte Dame. Was sie wohl KU Marianne von Rogaenhnsen gesagt hätte? War das nicht galrz sein heimliches Götterbild von der Frau?
„Sie braucht nicht allzu schön zu fein, sie braucht nicht allzu geistreich zu sein, wenn sie nur gesunde Glieder und einen gesunden Verstand hat. Aber Vornehmheit des Herzens suche ich als erste Himmelsgabe in der deutschen Frau und Mutter!" Das war immer seine Antwort gewesen auf die Fragen der Mutter. Und ehe er noch die rechte Wahl getroffen, hatte die gute alte Dame ihre Augen zum ewigen. Schlummer geschlossen ....
Wer . . . was sie wohl zu Marianne von Roggenhusen gesagt hätte?
Er durchmaß das Zimmer mit gewaltigen Schritten.
Nein, er mußte sich's aus dem Kopfe schlagen. Nach dem F,-reden vielleicht, da konnte er zurückkehrsn mib in aller Dorm um Mariarme werben. Mer bei Gott, jetzt war die Zeit nicht für Herzens gejMchten!
Was geschah überhaucht, wenn Lady Edith chm ihr Jawort gab?! Dann fiel ein eiserner Vorhang zwischen chm ' und Marianne nieder!
Seine friedliche Stimmung verflog. Die Ruhe wich wieder aus seinem Herzen. . . Seine Äugen suchten abermals die Uhr. An vier Stunden war der Bote nun schon! unterwegs. Zum Kuckuck, was sollte das bedeuten??!!
Da plötzlich verfärbte sich seine Wange. Aschfahl ward sein Antlitz. Die Pupillen flackerten unruhig, und eine stäh- lerne Faust umpreßte sein Herz.
Gewiß. So war's. Sie hatte Anzeige gegen ihn erstattet!
Das war ihre Antwort.
In wenigen Minuten würden die Schergen kommen! und ihn iit Untersuchungshaft abführen.
Sein erster Gedanke war schleunige Flucht. Doch! im nächsten Augenblick verwarf er den Plan. Nein, wenn die Häscher das Nest leer fanden, dann spielte der Draht in alle Mästungen der Windrose, und sie würden schneller seiner habhaft werden, als er die schützende neutrale Festlandsküste erreicht. . .
Erschöpft ließ er sich in den. Großvaterstuhl sinken.
Schweiß perlte auf seiner Stirn. . .
Urw plötzlich überkam ihn eisstarre Ruhe.
Seine Lippen umspielte ein höhnisches Lächeln.
Es hatte natürlich keinen Zweck, sich abführen und wegen Hochverrats ab urteilen zu lassen. So ein Todesurteil besorgte man am besten selber ...
Sei's drum! Er hatte zwar noch einige Zeit leben wollen. Aber wxr sich auf einen Außenposten begibt, muß allemal mit seine in Dasein abgeschlossen haben. Er wollte ansetzen, den letzten Strich zu ziehen.
Er ging ohne Eile ins Neben st innrer und nahrn vom Nachtkästchen seiner: Dienstrevolver.' Er nurerfuc£)te die Ladung. Sechs Patronen. Das reichte. . für sie und ihn.
O,> seine Hand würde nicht zittern. Ans- die Fahrt ins Jenseits wollte er sich ein paar Feinde wenigstens als Begleiter m itnehmen.
Er sah sich im Zimmer um. So, durch die Tür würden sie Hereinkommer:, zwei, drei, wohl auch- vier Mann, und hier an: Schreibtisch würde er sitzen und seelmrruhig einen nach den: andern niederknallen, znn: Schluß sich selbst. Be- hutsam entsicherte er die Waffe uub legte sie auf die Schreibtischplatte.
Da pochte es zweimal schüchtern.
Seine Rechte nmspannte den Revolver, und- mit gewollt freundlicher Stirnme gebot er: „Herein!"
Das Zimmermädchen trat ein und reichte ihm auf einer kleinen Silbertafel einen Brief.
„Der Bote, den Herr Hauptmann weggeschickt, ist soeben mit diesem Brief eingetrofsen. Ladv Southrisfe läßt wegen der Verzögerung um Entschuldigung bitten. — Soll der Bote noch etwas bestellen?"
Er winkte ab.
„Nein! Es ist gut! Der Bote kann gehör:!"
Die Waffe entglitt seiner Hand.
(Fortsetzung folgt.)
M§ Desirs huö§r das AreuZ der EhreÄegisn bekam.
Von H. Schede-Helle r.
Desire Huber hatte es in seinem elsässischen Heimatdorf sehr weit gebracht. Darüber waren sich alle einig, die seinen Werds- aarrg von der bescheidenen Wirtsstube zum Storch vis zum stattliche!: Bürgermeisterhaus verfolgt hatten.
lieber seinem Elternhaus hatten seit zwei Menschenaltern die Stkrchc genistet, urw die gute Mama Huber war allen Familienüberlieferungen treu geblieber:. Sie hatte, ohne zu klüger:, ihrem Mann 9 Kinder geschenkt, und eines Tages, just, als die Langbeine sich zur Südlandsreise rüsteten und über cher Tür der frische Kranz aus Weinlaub hing, kam als zehnter Sprössling iwch ein Junge mx Welt. „Numme um d' Fiügerzohl voll ze moche," meinte der Vater urw narrnte allen Lachern und Spöttern zum Trotz seinen Jüngsten „Desiro", den Erwünschten. '
^ Es schien rrun wirklich, als sei an der Wege dieses Letzten! eine gute Fee Patin gestanden. Alles geriet ihm auf Anhieb, Ohne sonderliche Begabung kam er glatt durch die Schule, und mit 25 Jabren gelang es ihm, der keinen roten H-eller besaß, sich aus dem benachbarten Tors die reichste Bauerntochter heiiN- ruhvlen. Pon dem Arg an war er eir: angesehener Mann, vor dessen Glück man Respekt haben mußte.
Nach den ersten -Flitterwochen nahm Jossphine Benoit, die eine resolute Frau war, die Zügel in die Hand. Das' junge Paar hatte von den Eltern das kleine Gasthaus übernommen, undi Josäphines Ehrgeiz ging dahin, den leuchtenden Soleil d'Or, der den Storch immer in den Schatten gedrängt hatte, zu übertrumpfen. Sie ging dabei planmäßig vor und suchte dem biederen, van Politik gänzlich unberührten Desirß einige nützliche Grundsätzei


