Ausgabe 
24.4.1918
 
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heraus zu sagen der Vulkan meiner Gefühle den Eisblock meines Verstandes in seinen Feuern begrub.

Und da Mylady leider in diesem Augenblick, veranlaßt durch eine unbedachte, aber harmlose Aeußernng von mir, eine Vermutung aussprachen, die ich als britischer Offizier nicht zu ertragen imstande war, konnte ich zu meinem lebhaften Bedauern nicht mehr aussprechen, was mein Herz zutiefst bewegt, und muß nun in diese Sätze quälen, was sich gestern noch mit drei kurzen Worten Hütte sagen und fragen lassen.

Mylady, es wird vielleicht vermessen, vielleicht unge­schickt klingen. . . aber ich habe die Ueberzeugung ge­wonnen, daß Ihnen die Gefühle, die ich für sie hege, nicht gleichgültig geblieben sind. Ja, die Küsse, die beseligend auf meinen Lippen brannten, ließen mich beinahe glauben, als könnten Mylady diese Gefühle erwidern.

Mylady, ich kann keine schönen Worte machen, ich bin kein Dichter, sondern ein Mann der Tat. Ich weiß, was ich der Ehre einer Dame, was ich der eigenen Ehre schuldig bin. Ein Mann wie ich bleibt nicht auf halbem Megei stehen. Man bricht nicht einen Edelstein aus einer Krone, solange die ganze Krone noch zu erstreiten ist. Und darum kenne ich keine anderen Folgen der trotz des abschließenden Mißklangs herrlichen Stunde dies gestrigen Dages, als die zwei Fragen, die den Zweck dieses Briefes bilden:

Wollen Sie meine Frau werden?

Darf ich bei Ihrem Vater uni Ihre Hand anhalten?

Ich möchte diese Frage aber nicht aussprechen, ohne noch einiger persönlicher Einzelheiten Erwähnung getan zu haben.

Sie wissen ja aus beit Zeitungen das Meiste über mich, daß ich Kanadier bin, in der Gegend von Ottawa eine Farm besitze, nicht reich, aber wohlhabend bin, wissen auch, daß ich jetzt im Generalstab eine aussichtsreiche Stellung be­kleide. Sie brauchen als meine zukünftige Frau nur den Wunsch zu äußern und ich kehre nie mehr nach Amerika zurück. Die Farm wird verkauft und ich bleibe Offizier im Generalstab, wo man mich wohl weiter verwenden ivird.

^ Ich bin auch der Meinung, baß Sie in den wenigen Tagen, die es mir vergönnt war, mit Ihnen unter einem Dache zu atmen, schon Gelegenheit hatten, über die rein menschlichen Garantien iyß Reine zu kommen, die ich zu bie­ten vermöchte.

Wenn ich heute bereits die entscheidenden Fragen atr Sie zu richten wage, so mag dies vielleicht übereilt erschei­nen; aber der Krieg und die hierdurch bedingten außer­gewöhnlichen Begleitumstände, die uns zusammengesührt, rechtfertigen dies ebenso sehr wie der tatsächliche Umstand, daß man'sich in wenig Tagen ununterbrochenen Beisammen­seins wohl rascher kennen lernen kann, als ioenn matt sich alle paar Wochen in festlichen Gesellschaften gesehen und nur flüchtig gesprochen hätte.

Ich selbst, Mylady, bin nicht mehr jung genug, um wie ein Zögling von Eton College Feuer zu fangen, noch ichon zu alt, als daß meine Liebe wie ein Strvhfeuer ver­wichen könnte.

Mylady, der Bvte wartet auf Antwort. Sagen Sie bitte nicht nein! Und wenn -Sie heute noch nicht durch ein Ja sich binden können, wenn Sie mich länger prüfen wollen, dann rauben Sie mir wenigstens die Hoffnung nicht! Sind 'Sie aber über mich im klaren, so bitte ich, sich, versichert hal­ten zu wollen, daß Ihr Ja zum Halbgott macht t Ihren getreu ergebenen Longford,

Hauptmann im Großen Generalftab."

Gr uberslog die Zeilen mehrtnals mit ingrimmiger Be- frredtgung.

Bei Gott, das war der sonderbarste Liebesbrief, den er stch denken konnte. Er war nicht ungeschickt, und würde seinen Zweck bet einer Brrtin sicher nicht verfehlen. Sv nebensäch-- lich mußte das Vorkommnis behandelt werden, als Wune ihm! gar keine ernste Bedeutung beigemessen werden; so schaffte man's am befielt aus der Welt.

Selbstverständlich würde sie ihm eine Absage erteilen. Daran war nie und nimmer zu zweifeln. Er war für sie die Laune einiger Stunden, Tagebuchblätter eines Backfischs, Ausflugserinnerungen einer Sommerfrischlerin. Sie würde schon als Erbin des Zeitungskönigs niemals die Hand einem oürgerlichen Offizier ohne Namen und Beziehungen reichen. Äolme Herren lädt, man sich zu Tisch, mit solchen Herren tändelt man. man liebt sie vielleicht und läßt sich von ihnen

lieben, aber . . . man heiratet sie nicht, am wenigsten dann» wenn man Lady Edith heißt, oder... er müßte ein schlech­ter Menschenkenner sein. . . .

Aber ob er wirklich mit diesem geheuchelten Liebesbrief den Eindruck der verräterischen deutschen Worte verwischen würde? Ob sie ihm nun glauben wurde, daß er ein briti­scher Offizier fei?

Er zog die Uhr . . . Zu dumm! Der Bote mußte doch längst zurück sein. . . .

Dies Warten war entsetzlich ... Er hatte das Gefühl, als würden seine Nerven zwischen zwei Mühlsteinen zer­rieben.

Dicke Rauchwolken paffte er vor sich hin, als wollte er sich in einen Nebelschleier einspinnen. Dann schüttete er den Inhalt des Pfeifenkopfes in einen Becher des Rauchtisches und stand ans.

Wenn's nicht um Hals und Kopf ginge, wäre die Sache eher luftig gewesen. Teufel auch! Es war doch spaßhaft, einer Dame einen Liebesbrief zu schreiben,.nur um einen Korb zu bekommen. Aber er erblaßte wenn er nun Gefühle durch diesen Brief in ihr erweckte, die er niemals aufrichtig für sie gehegt, wenn sie ihm nun ihr Jawort gab, durfte' er, um Hals und Kopf zu retten, das gleisnerische Spiel so weit treiben? Sich womöglich gar amt ihr verloben. Frei­lich, au den Verlobten der Lady Southriffe wagte sich so leicht kein Verdacht heran. . . . Aber ... in diesen Dingen heucheln?!

Geroiß, im Kriege war jede List erlaubt, versteht sich, im Kampfe, Manrr gegen Mann. Wenri man mit einer Lüge, mit Verstellung und Tücke das Leben von tausenden braver Landsleute retten kann, sei s drum i Man führte den Krieg nur um des Friedens willen, Und um den herbei­zuführen, war jedes Mittel recht, jawohl jedes! Un­bedenklich! v . Nur, . . . nur das nicht!

! Er sträubte sich dagegen, um solcher Männerzwecke willen den Ruf einer Dame zu gefährden, obgleich . . . Das mußte wohl der alte, unausrottbare Thusnekdaglaube der Deutschen sein, der dem Zioeifel in seinem Herzen zum Durch­bruch oerhalf. Und da erwachte mit einem Male Groll und' Haß gegen dieses Weib in ihm, das ihm sein Geheimnis zu ' entlocken gewußt. Geschähe ihr recht! Das sollte seine Rache sein! Seine Rache!

Das heißt . . ..nein, er wollte nicht darüber Nachden­ken. Nicht darüber! Wer denkt, zweifelt. Wer Zweifelt, strau­chelt. Wer strauchelt, fällt. Und er mußte, sollte, wollte blindlings-aufrecht den Weg verfolgen, den zu beschreiten ihm die Vorsehung auserlegt.

Seine Gedanken ivcnrderten ab.

Vielleicht schlurumerten im Hintergründe seiner Seele gleich unverschlossenen Blüten andere Pläne.

Er erinnerte sich des alten Palastes am-Hydepark, wo .'Jumamte von Roggenhusen ihre Tage der Trauer um die Heimgegangene Schwester hinbrachte.

War's wirklich rmr Atttleid rnit der Trauernden, Mit­leid mit der einsamen Seele, die hier dürstete? Oder watts . . . mehr?

Nein! Nicht denken! Nicht denken! Er wollte es nicht Missen, durfte es nicht!

Er stand mitten im Zimmer. Ein schwerer Atemzug hob seine Brust . . .

Bsi Gott, er hatte früher kaum geahnt, wie schwierig das Werk sich anlassen werde. Das schien alles' so selbstver­ständlich einfach: Man arbeitete im (Btahe und spähte alle Gelegenheiten aus, seinem Vaterlands zu nützen, 'schrieb harmlose Briefchen an die Vertrauensleute nach Holland, ... das war ja kaum heldenhaft.

Aber diese Qual schlafloser Nächte, dieser Alpdruck be­ängstigender Traume, diese an Wahnsinn grenzende Be­herrschtheit in Blick und Miene, dies stete Fieber der Erre­gung, das nicht nachließ, nicht eine Minute, nicht eine Se­kunde, nicht Tag und Nacht, dieser fürchterliche Schmerz rn der Brust, als wollte das Herz, ins Riesenhafte gewachsen, die Bande der Rippen sprengen, dem widerstanden die besten Nerven nicht. {

Er war entschieden krank geworden, von gestern auf heute . . . das heißt, vielleicht war ihm die Krankheit erst jetzt zum Bewußtsein gekommen, vielleicht war das . . . war das der Anfang des ... Irrsinns. Grausen erfaßte ihn.

Er dachte des Tages von Careucy. Im Mai Watts ge­wesen. Mit seiner Maschinengewehrrotnpanie war er in vorderster Stellung gelegen, Stunde auf Stunde im wütend-