Flieger über London,
Eilte Londoner Erzählung aus den Sp ä tyerbsttagen 1915.
Bon Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.) .
„Ich habe, ehrlich gestanden, noch nicht darüber nach«
Öti>a ,%at'r ich dann vielleicht eine unmaßgebliche Meinung aussprechen?"
„Ich bitte sogar darum!" ^ .
„Also, ums frei herauszusagen, ich halte dre Maßnahme für ganz unzulcnrglich, ja abgrundtief verfehlt. Nach drei, vier Wochen wird der alte Trott Mieder da fern und dre Beschwerden von der Front werden wie Hagelschauer hier im Amt niederprasseln. So geht es piusach mcht! Die Sache muß von Grund aus anders angepackt werden. Sonst nützt aller girier Wille nichts.'"
“ „Und welche Borschläge lhitten Sre hu macheri? ^
Dis Politik des Mügelns und Wägens und Prvoens, vor allem die Mitik des MßtrauenZ den Stabsossizreren gegenüber müßte ein Ende nehmen. Wir nriißten, dachte ich, nicht Wochenberichte bekommen, die uns doch kerne E^esamt- übersicht geben, sondern einmal ganz genau ersah-en, wie- viel Mann unter der Masse stehen, nebst genauen Einzelheiten, wann der und der Truppenteil verfügbar tft; dann müßten ivir bis aufs letzte Granatenhütchen genau dre Austräge kennen, die die Regierung vergeben hat, dre Uo- garrge an der Fvont mrd so weiter, und so werter^ . Alles aridere sind nnr halbe Maßnahmen. Wenn dre Erfahrung der Frontoffiziere nützen sott, muß man lnus mcht wra Maschinen behandeln oder wie kleine Bureauangestellte, denen man ihr Arbeitsperrsmn Woeist."
„Was Sie sagen, Kapt'm hat Hand und Fuß Aver warum sagen Sie das nur und Nicht der ^ Exzellenzr drei sehr naheliegenden Gründen. Einmal wollte ich vir Ex^llsnz nicht unbescheiden erscheinen; auch hatte ich mir selbst den Gedanken noch nicht so ganz k.ar gemacht, ich wotttö erst Ihre Ansicht hören, Herr Oberst. Und dann konnte es in keinem Falle meine Absicht sein, nwmemBor- — * l "" r — des
von
uvl/1 „v.„, __M„ ^ „ treffen."
Der' Bisöonnt dachte nach Gr konnte sich des GestchlS
ivnßte, ivelchen. Die Gründe, die er dafür angab, daß er dem Oberst, dem „Vorgesetzten", die ersten Schritt» uberlasM wolle, waren gewiß stichhaltig- es schien zwar fast so, als wolle er die Bürde der Verantwortung von den eigenen Schultern ab auf den Oberst wälzen . . . Trotzdem . . . recht .hatte er auf jeden Fall. ^ r v
,Jn der Tat . . . Ich werde nur bie Sache noch einmal durch den Kops gehen lassen Und. dann wahrscheinlich bei der
Exzellenz dahin vorstellig werden, daß man uns nicht ein Rädchen, sondern das ganze Räderwerk der Maschine sehen läßt. Ich muß Ihnen beipslichten, mit törichten Befehlsmaßnahmen kommen wir tatsächlich nicht vom Fleck. Sollten uns ein Beispiel an der großartigen Präzision der deutschen Maschine nehmen. Sie sagten soeben, daß die deutschen Miauen weniger Verstand als die britischen hatten . . . von den deutschen Männern läßt sich das uicyt eben
behaupten." t ^ .
„Es fveut mich von Herzen," warf Marianne cm, „daß Sie soviel Anerkennung für die Deutschen übrig Habens
Und niemand merkte das Leuchten des Trmm'ph.s, das sich in Longsords Zügen spiegelte.
„Noch einen Augenblick, gnädiges Fräulein! Ich bw ^gleich zu Ende... Ich muß Ihnen, Herr Oberst, eine streng vertrauliche Mitteilung etwas verfänglicher Natur machen. Zuvor bitte ich Sie beide !um Ihr unbedingtes Stillschweigen."
Der Bisoonnt und Marianne bejahten.
Longsord sah sich um. Der alte Diener War verschwur!- den. Dann begann er:
„Ich habe von Seiner CMettenz nämlich noch einen diskreten Auftrag bekommen, und dessen Ausführung lehne ich ab . . . Ich soll Sie, Herr Oberst, überwachen!"
Der Oberst fuhr zusammen. .
„Ueberwachen? Mich? — Ja, bin ich denn ein Hochstapler oder ein Spion? Weshalb beim?"
„Weil . . . Wdt Sie zwei deutschsprechende Dame« unter Ihrem Dache beherbergend"
Marianne schnellte z- amMhend hoch.
„Das ist eine unerhörte Gemeinheitk"
Doch der Bisoonnt lächelte nur, ohne den Ausdruck seines Gesichts sionft zu verändern .Sein Lächeln sprach Verachtung und Ekel aus. Er brauchte ja oem Wauptmann nicht mehr zn sagen, daß auch er den Mistrag erhalten hatte, jemanden zu überwachen. Das ahnte der junge Offizier ivvhl «ohnedies.
^ „Ich sagte Ihnen ja bereits, Kept'n> was ich von den heutigen Briten hielte. Wir sind verderbt an Haupt und Gliedern, mehr aber noch am Haupt als an den Gliedern. Hoffen wir, daß der Krieg rrnsero sittliche Gesundung herbeiführt! Niemand wünscht dies inniger als ich!"
Zwei Hündepaare drängten sich Longsord entgegen. Der aber wußte, daß er nun das Vertrauen, ja dre Freundschaft der beiden Menschen errungen hatts.
Und in gerümpftem Halbslüstertone, wie er Trauer- Häusern eigen ist, plauderten sie weiter.
Und attmählig schmolz die Rinde des Lews von den Herzen der Trauernden. . . .
7. Kapitel.
Lady Edith.
Lord Sonthrisfe brach das Gespräch ab und erhob sich.
„Wenn Sie auch jetzt unser Haus verlassen, Kapt'n. sq


