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Kerl . . . Derjenige Mann, auf den ganz Germanien stolz sei, der Wnigsberger Philosoph Kant, sei nachweislich ein geborener Brite gewesen; denn seine Eltern hätten, sich Cant mit C geschrieben und feiert aus Schottland erst in Ostpreußen eingewandert. In der Dichtkunst seien ^Goethe und Schiller im Nebermaß angehinttnelt worden.; Schiller fei aber ein Phrasendrescher und Goethe überhaupt kein Dichter, sondern nur ein Bersemacher, dessen Bedeutung darin besiehe, es zunr Minister eines kleinen deutschen Fürsten trotz seiner schlechten Verse gebracht zu haben; Fürsten trotz seiner schlechten Verse gebracht zu haben;« darum Hütten auch die Deutschen, die vor allem, was Regierung heiße, auf den Knien lägen, vor Ihrer Exzellenz Goethe so unbegrenzte Achtung . . , und so weiter . . , Stets das gleiche Rezept: Entweder war er eigentlich kern Deutschs oder er wurde bislang überschätzt."
Longford lachte lustig auf.
„Wer das ist ja entzückend. Besser brachte es Lern Witzblatt fertig."
Lady Edith war ernst geblieben.
„Ich kann diese Deutscherchetzen wenig witzig sindem Sie werden setzt einer Dante aus unseren besten Kreisen das Leben kosten."
Der alte Herr horchte teilnahmsvoll auf.
„Ach ja, du wolltest doch heute morgen bei Viscount Brauch einen Besuch machen . . . Wie geht es der Vrs- coimtefr?" v . „ „
„Schlecht! Leider sehr trostlos. Es soll wemg Hoffnung bestehen, sie am Leben zu erhalten, und wenn doch, dann wird sie geistig umnachtet und ans dem rechten Auge blind bleiben."
Der Lord wiegte das Haupt.
„Schade! Schade! Eine so liebe, prächtige Frau! -~ Aber vielleicht, liebes Kinö^klärst brr unfern Kapt'n etwas aus?" . . .
„Du hast recht, Papa. Stecken Sie sich eine der kleinen FrühstücksMarrett an, Kapt'n, und hören Sie zu!"
Sie schritt nach dem elfenbeinfarbenen Kamin, griff nach einer Dose, deren Deckel in Silber getriebene Arbeit zeigte, entnahm eine Zigarette und ließ darauf aus einem sinngeschtifstnen Parfümzerstäuber ein paar Tropfen Lavendel fallen.
Der junge Offizier beeilte sich, ihr Feuer zu. reichen.
Dann erzählte sie, mit beut Rücken an den Kamm gelehnt und den rechten Arm nachlässig über den. Bord geschoben.
Longford verwandte keinen Blick von ihr. Er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, als -oerbe sie mit aller! Mitteln weiblicher Bersührungskunst um ihn. Er mußte sich gewaltsam zwingen, nicht wieder eine Torheit zu begehen. Er kniff die Mundwinkel scharf zusarumen . . . Aber -- es nützte nichts. Er mutzte wieder und wieder nach der zartgebildeten Kinderhand blicken . . . Ob das alles Absicht war? — Er hatte einmal gelesen, daß es Frauen gebe, die so gute Männerkemlerinn-cn seien, daß sie auf den ersten Blick wüßten, was einem Mann gefiel. Sollte es ihm wirklich an der Stirn geschrieben stehen, daß er für schone Frauenhände schwärrn te?
Er betrachtete sie nachmals.
Das meergrüne Seidengewand fiel in edlem Faltenwurf hernieder und ließ den ebenmäßigen Wuchs feiner Trägerin mehr ahnen als erkennen. Blondes, fast rötlich schimmerndes, etwas krauses Haar umrahmte das blasse Oval des Gesichts mit den Rätselaugen unter schöngeschweiften Braven, mit der griechisch-edlen Nase und den! etwas
durchbrochenen Strumpf schimmern; den Fuß umschloß ein
eher groß als klein . . . Min, das alles war weder gefähr- «ch, noch verführerisch. Nur diese wunderbare weiße Hand, die noch tausendmal schöner schien auf dem elfenbeingelben Hintergrund des Kammbords . . . Sie war ganz schmucklos, die Hand, nur den kleinen Finger zierte ein mattgoldenev Meis in Form einer Schlange, und wo Kopf und Schwanz- «che zusammentrasen, da trugen sie in hohler Fassung einen seltnen Smaragd. . .
Und Lady Edith erzählte ...
Wie Longford fand, war im Grunde genommen weder
die Geschichte unterhaltsam noch die Vortragsweise eigene tümlich.
Der Viscount Brauch Hatte vor mehreren Jahren, alH er noch Militärattachee Lei der britischen Botschaft in Petersburg war, in der russischen Hofgesellschaft das Freifräuleist Hildegard von Roggenhusen kennen gelernt. Die Roggenhusest waren jedoch nicht, rvie der Name schließen ließe, Deutsche^ wenigstens nicht Reichsdeutsche. Sonst hätte der Viscount wohl den Dienst quittieren müssen. Denn bei der Sicherheit, mit der man damals schon in englischen Regierungstreifen den Ausbruch eines Krieges zwischen England und Deutschs lünd vorausberechnete, hätte die Vorgesetzte Behörde die Heirat des Viscount mit einer Deutschen entschiedet! mißbilligt. Es stellte sich glücklicherweise heraus, daß die Roggenhusen uralter baltischer Adel aus der Gegend von Mitau in Kurland, also russische Staatsangehörige, waren, und so stand der Heirat nichts iru Wege. Aus Hildegard von Roggenhnsen ward die Visconuteß Brauch. Zwei herzige Kinder entsprossen der Ehe, ein Bübchen und ein Mädelchen. Aber — die Vis- counteß konnte sich niemals in London recht eingewöhnen. Sie war Wohl früher russische Staatsangehörige und durch ihre Heirat Engländerin geworden, aber im Herzen, nicht nur der Sprache nach, Deutsche geblieben.
So wußte sie es bei ihrem Gemahl durchMsetzen, daß sie alljährlich nach Deutschland reisen durfte, teils um dis alten Bekanntschaften in der Tilsiter Gegend wieder aufzn- frischen, teils um die unvergessene kuriscke Heimat wiederzusehen. Von ihrer Letzten Reife hatte sie überdies ihre jünger« Schwester Marianne mitgebracht . . . Sie war etwas schwermütig geworden und sehnte sich nach einer vertranten Seele aus der Heimat.
Da brach der Krieg aus, und es wurde bekannt, daß die Russen nicht eben glimpflich mit dem baltischen Adel verfuhren. Man erfuhr von dem Wort des russischen Staatsministers Goremykin, daß Rußland den Krieg nicht gegen Deutschland, sondern gegen das Deutschtum überhaupt führe, und das bewog Marianne von Roggenhustn, die schon beschlossene Rückkehr aufzuschieben.
Der Bisconnt halte ein Regiment schottischer Schützen bekommen und war zum Colone! ernannt worden. Ehe er sich nach Frankreich mit seinen Soldaten einschifste, vergaß er nicht, den beiden Damen einzufchärfen, nur ja in der Oeffentlichkeil nicht ihr MitgeftihL für Deutschland zur Schau zu tragen. Die Warnung wurde leider nicht befolgt; das Mitgefühl für Deutschland sollte der Viscounteß zum Verhängnis werden. . .
Bis p Beginn des Jahres 1915 hatte die Londoner! Bevölkerung eigentlich keinerr ausgesprochenen .Haß gegen die Deutschen einpfnnden. Man war des Sieges sicher. . . Wann hätte jemals Britannien einen Krieg verloren? Der Vergleich mit der Zeit von hundert Jahren wurde oft aus-
E 'rischt. Selbst ein Napoleon, der ganz Europa zn seinen! ßen sah, mußte schließlich in brittschein Gewahrsam sein ien oeschließen. Warum sollte den Deutschen gelingen, was den anderen Festlandsmächten im Lause der Jahrhunderte, den Spanier-.:, Holländern, Franzosen, der Reihe nach mißglückt war? — Die Stimmung schlug erst um, als die Teuerung hereinbrach, als die allgenteine Wehrpflicht drohte, die deutschen Unteresteboote das Meer ringsum befuhren und ihre Zeppelinschiffe sich sogar bis in di« nächsbr Umgebung der City wagten. Und als gar der Lnft- angriff inr Oktober im Herzen der Weltstadt ganze Straßen- züge in Trüntmer legte, da bedurfte es nicht mehr der aufstachelnden Worte der Halfpennyblätter. Wie ein Läufst uep verbreitete sich plötzlich die Nachricht: Int Ostert, in Whi^ techapel find die Häuser der Deutschen gestürmt worden. Selbst in den stilleit Palast am Hydepark, wo die Biscoun- teß mit ihrer Schwester hanste, drang das Gerücht.
Frau Hildearad ttingelte. Man möge ihr Auto bereit halten. Sie wolle auSfahren. Nach — Whitechapel.
Vergebens ivttrde sie von ihrer Schwester beschüwren. Ihre einzige Antwort war: „Ich muß beit armen Leuten helfen
Das kommende Unheil fast leibhaftig voraus ahnend, fuhr Marianne mit der Btsoonnteß nach den; Osten dev Stadt.
Man brauchte nicht lauge zu suchen. Das Viertel, tvo die Deutschen, wohnten, Mnteist biedere arme Handwerkers kleine Ladenbesitzer und derlei bescheidene Leute, war erfüllt von schreiendeut Volk. Aber es war rücht das „Volktz daH getrieben von Zorn und Haß mrd Wirt seine Rache nahm.


