Flieger über London.
Ein« Londoner Erzählung aus den Spätherbsttagen 191Ü.
Von Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
3. Kapitel.
After Lunch.
Um ins Rauchzimmer zu gelangen, mußte man das Musikzimmer nochmals durchschreiten. Lady Edith ließ den Arm des Offiziers fahren und ging voraus. Sie klappte die Notenhefte zusammen und schloß den Flügel.
Longford hatte das Gefühl, sie tue das alles in der Absicht, von ihm über Musik befragt zu werden. Er tat ihr den Gefallen.
„Mylady sind Pianistin?"
„Pianistin ist vielleicht etwas zu viel gesagt. Aber ich gehöre jedenfalls zu den wenigen Engländerinnen, die ernsthaft musikalisch sind."
Longford warf einen Blick auf das Notenheft.
„Und Sie spielen, wie ich sehe, Beethoven, also deutsche Musik?"
Edith schob den schweren Perser zur Seite, der als Behang den Durchgang zum Rauchzimmer sperrte.
Das fahrbare Mokkatischchen stand bereits im Zimmer. Sie goß die schwarzbraune Flüssigkeit in drei der zierlichen Limoges-Taßchen und ließ sich dann in einen der schwerfälligen, saffianbezogenen Sessel nieder.
„Ja, Mister Longford, ich spiele deutsche Musik, am liebsten Beethoven."
Der Lord unterbrach: „Bekanntlich haben sie in Paris kürzlich festgestellt, daß Beethoven gar kein Deutscher war."
„Aber, Papa, er ist doch in Köln am Rhein geboren!"
Longford entfuhr es: „Verzeihung, Mylady wollten Wohl sagen: in Bonn."
Der Zeitungskönig lachte.
„Siehe da, die Schulweisheit der Herren von der Front!"
Longford errötete. Dieser alte Herr war ihm entschieden überlegen. Es hielt schwer, in seiner Gegenwart die Selbstsicherheit nicht zu verlieren.
Lord Southriffe schien die Verlegenheit des jungen Häuptmanns nicht zu bemerken; er beschäftigte sich weiter Unit Beethoven.
„Ja, Beethoven war der Abstammung nach nicht Angehöriger einer feindlichen, nicht eiirmal einer neutralen Macht. Er ist sozusagen unser Verbündeter. Er ist nämlich ganz simpler Belgier gewesen."
^Das ist wohl wieder einer deiner beliebten Scherze, Acrpn 7 "
„Ich berichte nur, was der Pariser „Figaro" über Beethovens Wstammung in Erfahrung gebracht hat. Der Rame selbst, „van Beethoven", kliMt ja allerdings nicht
deutsch, eher holländisch. Die Beethoven sollen aber eine alte Musikerfamilie sein, die schon im siebzehnten Jahrhundert in Löwen, demselben Löwen, dem unsere Herren Feinde im August vorigen Jahres so übel mitgespielt, ihren Wohnsitz gehabt haben."
„Muß man unbedingt glauben, was der „Figaro" erzählt?" fragte Lady Edith leichthin.
„Muß? — Nein!" erwiderte der alte Herr gutgelaunt, „es ist aber keinesfalls verboten."
„Nun, mir persönlich verschlagt es nichts, ob Beethoven ein Deutscher oder ein Belgier war; für mich ist er das größte aller musikalischen Genies seit Erschaffung der Welt. Ich sehe wirklich nicht ein, warum wir die deutschen Meister nicht spielen sollen. Nur, weil wir zufällig jseit über ein Jahr mit den Deutschen Krieg führen? Ja, könnten wir damit den Deutschen vielleicht irgendwelchen Abbruch tun? — Nicht im mindesten! Wir würden durch eine Verbannung der deutschen Musik nur uns selber schaden. Denn die englische Musik — Gott sei's geklagt — schön ist anders. Wie denken Sie darüber, Kapt'rtt?"
Auf Longfords Stimmung wirkte die Umgebung günsti«. Er empfand einen eigentümlichen Reiz darin, seine bis anfs äußerste angespannten Nerven im seichten Geplätscher einer Plauderstunde auszuruhen . . . Diese weichen Safsian- sessel, die Limoges-Täßchen, der würzige Mokkaduft, die mattschimm-ernden, weinroten Asghanteppiche, die Gemälde von Gobelius, die schweren Vorhänge, durch die das Tageslicht nur gedämpft eindrang . . . das alles erweckte in rhm eilt Gefühl wohliger Geborgenheit.
„Ja, um die Wahrheit zu sagen, Myladw ich kenne wohl deutsche Musik, aber von englischer Musir ist zu uns nach Amerika nicht der Ruf gedrungen . . . UebrigenS sttmme ich Ihnen durchaus bei. Die Kunst hat mit der Politik nicht das mindeste zu tun. Ich wüßte nichts, tvaS törichter wäre als die Berrufserkläruna fremdländischer Kunst, nur weil das fremde Land sich zufällig mit rms int Kriege befindet."
Der Zeiiungskönig nickte.
„Es freut mich, daß Sie ühlllich denken wie ich. In meinen Zeitungen bin ich von allem Anfang an der Treibjagd auf die deutsche Kunst entgegengetreten."
Longford fragte mit unverhohlenem Zweifel: „Ja, war derm das überhaupt nötig? — Mylord verzeihen wohl meine Frage: aber wir haben wenig Zeitungen im Schützew graben erhalten und diese wenigen kaum auf örtliche und unpolitische Nachrichten angesehen."
Lord Southriffe neigte sich vor.
„Ob es nötig war? Urteilen Sie selbst . . . Eins unserer größten Halfpennyblätter läßt seinen literarischen Mit- arbener, also den ersten Fachmann, den Wahnsinn nieder- schreiben, die deutsche Kunst sei minderwertige Nachahmung, aller geisttgerr Ursprünglichkeit bar, und bis zum heutigen Tage nur unsinnig überschätzt worden. Mit der deutschen Wissenschaft sei's nicht besser bestellt. Und so weiter im


