66
haflsnVer Mensch fmtftfonferte, aber er lebte nicht. Ir: den langsamsten Zirqerr traf nran oft das echteste Leben.
,-tz einige Stunden beschaulich und zufrieden in seiner Ecke. Seine Zufriedenheit war sogleich erwacht, als der Zrrg die letzten Häuser Berlins hinter sich gelassen hatte. Nur ein grauer Nebel schwebte noch über der Gegend, wo der Häaserhattset: war. Zwar streckte der Bamptw feine Fänge rwch imt ans. Bunte Schilder, mitten ans vergewaltigte dlecker gepflanzt, schrien sich heiser in ansdringlicher Reklmne für ihn. Doch 'der Zug ftrhr nichtachteud au ihnen vorüber. Kiefernwaldnngen tauchten auf und ftröniten einen Geruch von Natürlichkeit und Gesundheit ans. Wellige Wiesen zogen sich sanft hin, Kornpnppen grüßten, auf den Uecker u arbeiteten gebückt Männer und Mraueu. llnd der Hiunncl überdachte alles mit tvachenber Göttlichkeit.
In der Nähe von Lüneburg verließ Behrens den Zug. Eine kleine Sommerfrische toar in der Nähe. Er nahm seine braune Segeltuchtasche in die Hand und machte sich auf den 3Reg, der chrrch eirreu niedrigen Kiefernwald führte. Er hatte eine halbe Sümde zju. gehen.
Roch nie war-ihm ein Weg so leich t geworden ime dieser. Er ging langsmn, genoß jeden einzelnen Schiritt, den er tat. Eine ttefe, heilige Stifte uncgab ihn. lind doch! war diese Stille erfüllt dort einem ftuiumeit Gesang. Taufende Stimmen riefen ihnr m: Du bist frei!
Er war es feit vielen, vielen Jahren zum ersten Mal. Er war lvahrhaft frei. Es gab keinen Mett schert , dem fer Körperlich anhirrg, und doch gehörte er mit dem Herzen allen. Eine tnächtige Liebe lebte in ihnr. Dieselbe, die ihm aus den dunklen Bäumen entgegenatmete, die ans jeder Blume tzu ihm sprach Es war die edle, toahrhafte Liebe jeder Kreatur zur Welt. Und die Welt gehörte ihnr. Und er gehörte der Welt. Denn er war frei. So frei wie das Tier o«S Waldes, dessen Wünsche rrnd Särgen nicht irber die Stunde der Gegenwart hinausgirrgcn.
Noch ehe er an den kleinen Ort kam, mußte er an einer» Äandgasthos vorüber. Es war Abend, und er kehrte ein. Hier sah man ihn «rst nicht groß au und prüfte auch nicht feine Kleidung nrrd sein Gepäcks Ob er hier überuachteir köntce, fragte er die Wirtin. Ein rascher Blick irrs Gesicht, und damr hieß es: Ja.
Es gab Wrrrst, Butter, Käse und Schwarzbrot und dazu Wer. Marr soupierte hier nicht, aber es gab kein Nachtmahl, das besser schmecken konnte als das einfache Abendbrot hier auf dem Dorf. Am runden Stammtisch saften ältere Leute in festen. Joppen. Ihre Gesichter waren gebräunt, ihre Haut schien gegerbt, ihre Bärte glichen einer struppigen Wildnis, und ihre Worte waren bedächtig und doch hart und ktrorrig.
Ein junges Mädchen bediente, eine Jungfrau des Nordens: blond, blauäugig Und voll junger Kraft. Sie gab sich mit einem freundlichen Glotz. ES tvar kaum derrkbar, daß es jemand ioageu Sonnte, ihr zweideutig zu komnrem
Behrens schlief bei offenem Fenster. Der Duft des Waldes und der Heide kam bis an sein Bett. Er träumt« dorr leichten und hellen Dingen, so, tote er in seiner frühesten Jugend geträumt hatte: sorgenfrei, unbekümmert, nur dem Airgenblick hingogeben. Ws er erwachte, lag fein Kopf schon in dem warmen Bad der Gönne.
Er stand auf, frühsnrckte und wunderte weiter. Es war noch fri'cher Dtorgen. Und doch hatten die Landleute schon Kloei Stunden Arbeit hinter sich, saßen an den Feldrain eit und nähmet: ihr ztveites Frtihstück ein. Die Sonne heizte mit zunehmender Kraft die Erde. Noch glitzerte au den Gräsern Tau. Die Blnmett vsfneteu ihre Kelche urtd trauten gierig das Licht. Der Boden strömte heimlichen Danrpf ans. Es roch allenthalben nach Reife.
Bon dem kleinen Ort sah man nur eirrzelne Häuser. Die NLehrzabl toar zerstreut, hrnter Gebüsch versteckt: blanke Fiensterschnben bli.uteu in der Gorme, stiegen sartber und jung ans Wellen bunter Blumen empor. Friedliche Gärten träumten, Hühner pickten blinzelnd im Gras, Gänse schnattern schläfrig, Spatzen balgten sich tvild herum
Da und dort sah mau ein steinernes Landhaus mit grütreu Fettsterläder: und luftigen Balkonerr. In eine» Hängematte lag eine junge Frau imb las in einem Buch Zu ihren Füßen spielten ztoei Kinder.
Behrens ging in den Gasthof und fragte, wo er hier eine Wohnung bekommen Wune, am liebsten allein in einent kleinen Haus, das ohne jederr Komfort sein dürfe. Man ***tote8 ihn zur Frau. Sanitätsrat Mrting, der Witwe eines
vor Jahren verstorbenen Landarztes, die einen Teil ihres! Hanfes zu vernürten pfleate.
Das Harts lag ein Stuck abseits vom Dorf, am Rand des Waldes. Behrens mutzte über einen kleinen Bach, den Weidenbüsche nmsäumten. Eilt schmaler, wenig ausgetretener Fußsteig führte über eine Hddewiefe hin.' Hinter zwei ui alten Buchen stand das Haus: braun, mit totem Ziegeldach, heiter mit feinen vielen Blumen, einsam und rncht ohne Stolz und Selbstbetvußtseiu
Es war voit rneznau.dein bewohnt, als der Witwe, einer etwachüufundfünfzi-gjährigeu Frau, und einer sehr jungen Dienstmagd. Die Witwe zeigte Bohrens bereitwillig die Zmrnrer. Wenn es ihr» beliebte, dann stand ihm der ganze obere Teil des Hauses zur Verfügung: ein großes Wostrt- Zinnner mit Balkon, ein Schlafzimmer und außerdem eine kleine Stn.be, die als Arbeits- oder Lesezimurer gedacht lvar^ Herrn es toar ein Schreibtisch darin und ein Schrank, der mit! Büchern und Zeitschriften aller Art gefüllt war.
Auch verpflogt konnte Bohrens rverdeiu Und Ruhe würde er haben — geroiß, viel Ruhe. Der Wald hinter dem Hans stand wie eine efemrurranktc dicke Mauer eines heiteren mittelalterlichen Klosters.
Behrens nahm sofort an Ec halte irr. Berlin vielerlei einge-kaust, Kleider, Wäsche, Bücher nrrd zahllose Kleinig- Leiten, bte eitt einsames und beschauliches Leben verschönen. Er gabtmn den Auftrag, daß man ihm alles an feinem netten Wohnort sende Auch aus seiner Billa in Hamburg trollte er sich rnanches kominen lassen, vor allem sein gutes Klavier. Und noch atn gleichet Tage fanfte er sich eittert schörren jungen. Wolfshund, den er ganz an sich getvöhnen wollte. Er hatte ein tiefes Bedürfnis nach einem Gesellschafter, der nie sprach
In der Ruhe dieser Tage lebte Behrens nun dahin. Eine Helle Zufriedenheit kanr über ihn und hüllte ihn ein wie fin duftiger Schleier, durch den hindurch er das Leben mir in sanften Tönmtgen sah.
Er brauchte sich nicht dort Borwurf zu nrachett, daß er sich feig von: Lodert ab kehre, denn seine Liebe zu den Merl- schon war irr seiner Mgeschiederthert rricht geringer getvor- dort. Er hatte auch einer: spärlichen Verkehr, derr er sorgsam pfleg io. Er sprach mit Bauern, die sich trach aufäng- licherrt Mißttaner: langsam anffchloffen, toar du Freund der Kirtder und tourde zum nnausdringlrcher: Vertrauten dev Witt re, die ihren fortderbarert Mieter mit herber Zrrtraulich, keit in ihr Hwrz schloß.
An manchen Men derr saßen sie int Garten in der Lattbe. Ueber dett Tisch war ein weißes Tuch gebreitet, und jdas warme Licht einer Petroleum lmnpe gab dem Raum eilte goldige Helle.
Sie sprachert taftertd von derr kleinen Dinger: des Lebetrs, die das wahre Leben, das in jedent Menscher: ist, wie ein eilfertig übergeivorfenes Kleid verhüllten. Und dann wagten sich ihre Worte auch ari das wahre Leben selbst.
Was war es? War e® ein Kampf, eine Hofsnmrg> eine Enttäuschung, eine Erfiillnng — oder beides Wgleich?
„Alles zugleich," sagte Behrens, „aber durch eins zw. sammeugchalten urtd nrcht nur erttäglich, sondern auch schär: gemacht."
„Und toas ist dieses Eine'?"
„Denker: Sie nach"
Urtd da sie schoieg rrno Verleger: schiert, niefte er ihr M und sagte: „Ja, Wrrch die Liebe."
„Was tvisserr Sie vort ihr^ fragte sie vergrämt.
„Dies, daß ich sie habe. Irr mir habe. Und daß ich sie nie verlieren kamt."
„Die Liebe zu mau?" fragte sie. „Zu einer Toten?"
„Zu einer, die lebt und der ich treu bin, tveil sie auch dem treu ist, derr sie liebt."
„So werdet: Sie immer sehr cinfam sein, in dieser Treue," sagte sie verwrrndert. „Und es ist nicht leicht, ern- sanr zu lebet:."
„Nicht für der:, der alt wird," ertviderle er. „Das Alter ist nie einsam. Gs hat seine eigene Jugend zur Gesellschaft, über bte nachzudenken es nie müde wird. Es lebt: seine Jttgerrd noch eimnal. Mer es lebt nur ein Teil vottz ihr, den schönet:. Der häßliche ist für sie tot."
Ans donr Schreibtisch in seiner kleinen Stube stritte Beh- rens in einem Rahmen eit: Bild stehen. Ec hatte es einmal enttvendet. Es war das Bild der kleinen Lu, dio sich vor ihm so sehr gefürchtet hatte.
Gr dachte, während er es betrachtete: Du bist rricht :«W


