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Mittwoch, den 20. Februar
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Die Radier.
Roman von Hermann Wagne«.
, (Fortsetzung.)
27 Kapitel.
Einen vollen Tag und eine Nacht war Reisner in Berlin innhergeirrt. Nun wurde es langsam Morgen. Er saß im ersten Stock eines Kaffeehauses m der Friedrichstadt. Die Frauen, die den Saal reinigten, Hattert ihn schon einmal
lte der Kellner aber- rückwärts bemühen,
Reisner ging nach rückwärts und saß ganz allein Er war sehr schwach und konnte sich kaum noch schleppen. Er Hatto nichts gegessen, nur getrunken und geraucht. Und auch geschlafen hatte er nicht, — nun schon die zweite Nacht
barsch: „Nicht schlafen, mein Herr!"
Da sah er auf und erkannte, daß es sonniger Morgen war. An einzelnen Tischen saßen schon Gaste, frisch, aus- sch,lasen und gesund, und tranken den Morgenkaffee, bereit, Arbeit nachhugehen.
sch muß fort, dachte Reisner, aber wohin? Vs war ihm unmöglich, noch einen zweiten Tag in Berlin um her zulaufen. Jedes Geräusch, das er vernahm, verursachte ihm Uebelkeit, der Anblick eines jeden Menschen tat ihm weh. Erdachte an die vornehm-ruhige Abgeschiedenheit feines Zimmers daheint, und es legte sich wie ein eiserner Ring um sein« Brust. Aber er uberwand das, preßte trotzig die Lippen aufeinander und trat auf die Straße.
Die Geräusche der Straße waren, erwacht und brüllten mit neuer Kraft in den jungen Tag hinein. Kein Mensch achtete des andern. Man hasttete vor- und rückwärts. Eiserne Rolläden wurden hochgezogen, eine Geschlecht der Arbeit machte sich breit. Die Müßiggänger schliefen noch, sie hatten hier nichts zu suchen.
Aus alledenr bin ich ansgeschaltet, dachte Reisner. Ich bin ein Rad, das gebrochen ist, das man beiseite geworfen und durch ein neues ersetzt hat. Es vollzog sich alles so schnell in dem Fieber dieser Zeit. Gestern stand man noch rm Mittelpunkt einer Bewegung, heute brach man zusammen, und die Welt redete gleichgültig davon, morgen war man vergessen. Man lag am Weg, kein Vorübergehender wandte den Kopf nach einem, denn niemand hatte Zeit.
Er überschritt den Fahrdamm, überquerte die Leipziger Straße send flüchtete in eine Nebengasse.
Dort hingen Schilder au den Türen, die möblierte Zim> Mer anboten. Er ging wahllos in das erste Haus.
Ein urrrasierter Mann in Filzpantoffeln öffnete ihm und führte ihn durch einen finsteren Flur in ein Eckzimmer, das die gute ©fcu&e der Familie war.
Plüschmöbel, die nach Kampfer rochen, ein bronzierter Lüster mit nie angebrannten Kerzen, ein Vertiko, auf dem zahllose billige Nippes standen, ein Schreibtisch aus weichem Holz, ein Teppich, über den znm Schutz ein Hader gezogen war, ein Bett, das Kilt und feindselig anssah, —? das war das fein möblierte Zimmer.
Reisner fragte nach dem Preis.
Der Mann tat, als müsse er erst überlegen, und rief schließlich seine Frau.
„Vierzig Mark," sagte sie in einem Don, der verriet, daß sie in der Familie die Herrin war, „aber den Kaffee extra."
Reisner zahlte und bat, man möge ihn allein lassen, er wolle schlafen. Er verriegelte die Tür, entkleidete sich und warf sich auf das Bett, dessen roher, gestärkter Ueberzug ihn gruseln machte.
Draußen lärmten erbarmungslos die Kinder und trampelten mit den Füßen, die Frau schimpfte im rohesten Berliner Dialekt, man hörte das Klirren von Kaffeetassen, wie aus weiter Ferne kamen die Glockensignale der Elektrischere und irgendwo krächzte ein Grammophon das Lied: ,Ach, das haben die Mädchen so gerne. . .*
Von diesem Lärm, der ihn. feindselig anbellte, umstellt, schloß Reisner die Angen und schlief ein.
Er erwachte durch ein Klopfen an der Tür und sah auf die Uhr. Es war zwei Uhr nachmittags.
Er fuhr in die Kleider und öffnete. Me Wirtin schpb ihre Fülle durch die Tür ünd verlangte, daß er den Anmeldeschein ausfülle.
Er tat es, und sie stellte erstaunt fest, daß er in Berlin- Grnnewald zu .Haufe war. „Sind sie auch ein Dauer- Mieter?" fragte sie voll bösartigen Mißtrauens.
Erst jetzt bemerkte er den gemeinen Zug in ihrem Ge sicht. Die Art, wie sie sich aufgedonnert hatte, die Fülle Ihres überquelleriden Körpers gewaltsam zusammenpressend, ließ ihn noch deutlicher hervortreten.
Reisner setzte sich an das Fenster und brütete vor sich hin.
Die Kinder lärmten noch immer, besonders die Stimme eines Knaben tat sich hervor, frühreif, brutal und ordinär. Die Zeit schlich mrt schleppender Langsamkeit. Reisner war es, als stecke er in einem Sack, den man oben fest zugeschnürt hatte. Vom Flur her kamen leise, langsam schlürfende Schritte. Der Wirt, schien es, machte in seinen Filzpantoffeln einen Spaziergang. Wie eine Wache, die man vor meiner Tür postiert hat, dachte Reisner.
Er iiberdachte seine Lage. Er tat es zum ersten Mat und sah zum ersten Mal auch klar: sie war trostlos, sie war verzweifelt.
Wohin er sich auch wandte, er sah die Wege, die er gehen wollte, verstopft. Die Idee, daß er eine kleine Agentur übernahm, war einfach lächerlich. Gefetzt den Fall, daß er eine ^kommen hatte, er ivar nicht imstande, ihr vorzu stehen. Er konnte nicht reden, kein Mort. Und er


