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Roman von Hermann WagneL,
(Fortsetzung.)
„Lieben Sie Ihre Frau?"
„Ja."
„Und doch^
Er unterbrach sie rasch. „Sie müssen Dinge, die leicht gemLint sind, auch leicht aufnehmen... Kränkt es Sie. wenn ich Ihnen sage, daß Sie mich reizen, während ich meine Frau liebe?"
Sie sah ihn prüfend an, als erwäge sie, ob es möglich fern würde, gegen die Frau, die er zu lieben vorgab, mit Erfolg anzukämpfen. „Ich muß mich damit zufrieden geben, sagte sie sodann. „Es ist mein Los, von Ihnen nrcht verwöhnt zu werden..."
„Und doch möchte ich gerade Sie verwöhnen. Oder verwöhnt mail eine Freundin nicht gern mehr, als man das der seiner eigenen Frau nötig hat?"
,Me," rief sie gekränkt und zugleich geschmeichelt aus, „oh Sre —!" —
Das Unternehmen kam zustande, mit einer Leichtigkeit, dre rhu in früheven Tagen in Staunen versetzt hätte, die er aber jetzt gleichmütig als etwas Selbstverständliches hinnahm, weil er es inztvischen gelernt hatte, an seine Kraft mid an sein Glück zu glauben.
Er hatte nun freilich — es war inzwischen August geworden — seine geplante Erholungsreise ausgeben müssen und fühlte sich, jetzt, nach den erneuten aufreibenden Arbeiten und Mühen, doppelt eiend mit> ausgepumpt.
Seine Frau erklärte: „Du mußt ernstlich fort, — ich bestehe daraus!"
„Und du? Kommst du nicht mit? Das Kind könnte sehr wohl unter gewissenhafter Pflege hier bleiben, — oder auch mitkommen, warum nicht?"
Sie verneinte entschieden. „Nein, ich bleibe hier. Wir ireyerr int nächsten Frühjahr."
Sie erfuhr mich von feinem neuen Unternehmen und auch davon., daß eine reiche Frau Deilhaberin an ihm war.
ihr von Frau von Marisch erzählen, und sie wünschte, daß er sie zu ihnen erulade, bäumt sie Gelegenheit hatte, sie kennen zu lernen.
. „Sobald ich zurückkomme," tvich er aus, „nicht früher,
ca) £>iu zu abgespannt."
Keine Spur von Eifersucht war an ihr zu entdecken, es schien, als komme ihr nicht im entferntesten der Gedanke an du Möglichkeit, daß ihr ihr Mann untren werden könnte.
Sie lebte still und gleichförmig dahin, nur der Pflege ihres Töchterchens hingegeben, das min zusehends wuchs Md dessen Wangen sich rundeten.
Sein Gesicht war ausdrucksvoller geworden, Mid es machte der jungen Mutter eine tiefe Freude, wenn sie sah, Me es allmählich für mancherlei Interesse offenbarte. W
griff schon zögernd nach einem seidenen Band, das rmm ihm etwa hinhielr, oder lachte ein richtiges lautes Lachen, wenn man über seinem Gesicht in die Hände klatschte.
Es schien mrch schon verschicdene Personen zu unterscheiden und schrie, wenn es allein gelassen wurde. „Luere ist verwöhnt," sagte das blonde Kindermädchen, „sie will nicht allein sein!"
Reisner opferte dem Kinde nur wenige Minuten im Tage, was er: damit entschuldigte, daß er allzusehr gehetzt sei.
Aber er liebte es und küßte gern den süßen Mund, der jick) weinend verziehen wollte, wercu er den Bart des Vaters spürte. Zuweilen trug er es auch oder setzte sich mit ihm m erne Ecke, um zu warten, bis es eingeschlafen war. Dann legte er es behutsam und zärtlich in das Bett.
Das Verhältnis zu seiner Frau war wieder das alte geworden und hatte doch etwas Neues, das sich nicht mehr verlor. Es ist das Kind, dachte er und beruhigte sich damrt.
Er hatte auch keine inneren Hemmungen wehr zu überwinden, wenn er an Frau von Marisch dachte. Was bedeutete diese Frau für ihn? Ein duftiges Nichts, das verwehen würde, wie es gekommen war.
Aber er gestand es sich nun doch ein, daß ihn ihre Küsse reizten, und er sehnte sich sehr nach zärtlichen Stunden, me ex mit ihr verleben könnte. Es sollte ein halbwacher dünner Traum sein, nach langer, schwerer und erfolgreicher Arbeit, dachte er, aus dein er frisch und gesund wieder erwachen würde, um dann alles lachend zu vergessen.
Er traf sie und sprach ihr davon, daß er einige Wochen verreisen wolle, nicht wert, etiva in den Harz oder in den Taunus oder ins Riesengebirge, und daß doch auch sie das Verlangen haben müsse, dem stickigen Dunst der Stadt für einige Zeit zu entweichen. Er sagte: „Liehe es sich nicht nracherr, daß wir einander irgendwo träfen, wie zufällig, — so, daß es niemandem anffiele?"
Sie verstand ihn, und sie verhehlte es sich nicht, daß er nur ihrem eigenen Wunsch entgegenkam. „Ich bin dabei," sagte sie, „aber ich schlage den Böhmerwald vor. .Das ist ein Winkel, den niemand auffucht."
Sie verabredeten sich, und schieden daun beide mit einem Händedruck, der ein stummes Versprechen war.
Zu Hause aber erklärte Reisner: „Ich gehe in den Böhmerwold, dort bin ich allein und Habs dis Ruhe, dis ich. brauche."
Er verabschiedete sich, zärtlich von Lucie und hob feilt Kind zu sich empor, um es zu küssen.
Prokop blieb diesmal daheim.
Vierter Dell,
Behrens.
18 . Kapitel.
Aus dem Bahnsteig der kleinen Stadt Tiefurt ging ein Mann auf und ab, mit langsamen, schüchtern auscholenderi Schritten, die sich! anscheinend nicht genug darin tun konnten^


