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Nein, jetz ist etwas anderes. Etwas Unbestimmtes, für das es keine Worte gibt! . . . Ach, mir ist so bang!"

Er war an solchen Tagen beständig um sie, obwohl ihm die Fabrik kaum noch Zeit ließ, Atem zu schöpfen.

Aber einmal glaubte sie, eine Erklärung gefunden zu haben, die Erklärung dafür, was es war, das sie so lähmte. Es sind die Fesseln, die ich trage," sagte sie zu ihrem Mann, die Fesseln der Mutterschaft, die der Mann der Frau auf­erlegt und mit denen er sie wehrlos und seinem Willen unter-

Wenn das Fesseln sind, dann binden sie beide Teile, den Mann und die Frau," entgegnete Reisner,sie binden beide so fest zusammen, daß sie unlöslich werden."

Das wäre richtig, wenn der Frau dann noch, etwas bliebe außer ihrem Kind. Aber das Kind ist dann ihr alles, ihr Leben, denn sie ist Mutter, während der Mann neben dem Kind no(ch ^echt viel hat, woran er hängt . . . Für die Mutter ist das Kind das Ausschließliche und Große."

Das, wovon wir einmal sprachen?" fragte er.

Sie wurde rot und sah versonnen vor sich hin:Viel­

leicht..."

Gegen Ende Mai trat dann das Ereignis ein, das er­wartet wurde, und gegen abend schrie die Stimme eines winzigen Kindleins durch das Haus.

(Fortsetzung sotgt.)

Zur wlttm Ratze.

Von (ö 1 . S che d e-Helle r.

Was das friedliche Cafe in dem Weinen Nest in Nordfrankreich mit einer wilden Katze gemein hatte, wußte keiner der Feldgrauen, die dort der Küche der alten, Margot alle Ehre machten. Dickst unter dem grauen Dach,, auf dem der Straße zugekehrten Giebelfeld prangte in grellen Farben, denen Sturm« und .Sonne scheinbad nichts hatten anhaben können, eine wilde, zum Sprung bereite, Katze, und darüber in einem flammenden Bogen der Name des Wirtshauses:Au chat sauvage".

Ms die ersten deutschen Soldaten nach der Einnahme des Ortes in dem Hjruse O'uartier machen wollten, erschien ihnen das drohende Tier wie ein. böses Omen, das M Vorsicht und Mißtrauen mahnte. Aber es ließ, sich nichts Verdächtiges finden. Alles war freundlich und hell, der von Rlosstn duftende Sommergarten, die! Gaststube mit den Keinen Tischen und weißen Mullgardinen, die behäbige Margot in ihrer Spitzenhaube blauen Schürze, die es mit den berichmtesten französischen ,,cordonsbleus" aufnehmen konnte. Mährend sie, die erfahrene Köchin, alle rnateriellen Wünsche der Feldgrauen zu befriedigen suchte, sorgte Jeannette, die l 4 jährige Tochter des Besitzers, für ihre geistige Unterhaltung und trug ihnen alle Abende auf ihrem Harmonium ihre schönsten Lieder vor.

So lief das Räderwerk, ohne Au knarren, obwohl Jeannettes Vater seit der Mobilmachung im Felde stand und eine schwere Krankheit den Großvater ans .Bett gefesselt hielt. Ueber das wilde Tier ans dem Giebelfeld wurde nur noch gelacht, derchat sauoage" bildete seit bald einem Jahr die beliebteste und fröhlichste Soldaten-- kneipe. An einem Jnlitage sogen neue Truppen in das französische Städtchen ein.

Am andern Morgen erschien vor dem Gasthaus eine Patrouille! mit dem Befehl, das Haus von,oben bis unten untersuchen, zu lassen. Es war der Heeresleitung ausgefallen, daß der Feind auch dieses Mal wieder von der Truppeuverschie'bmtg Kunde erhalten und ent­sprechende Maßregeln getroffen hatte, und der Hauptnrann hatte seinen! tüchttgen Leutnant, einem jungen Philologen, den Auftrag gegeben, das Spionennest aus'zustöbern.

Der Gegensatz zwischen dem drohend fauchenden Tier über der Eingangstür und dem gutmütig-runden Gesicht der allen Margot ans'der Schwelle war so drastisch-komisch, daß der Offizier ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. Dann aber wurde gründlich^ Arbeit verrichtet. Nicht einmal vor dem, Zimmer des schwerkranken Mannes machte Leutnant Huber Halt. , . ^ .

Eine dumpfe, von Arzneien durchsättigte Lust schlug ihm beim Eintritt entgegen. Regungslos, mit seltsam blutleerem Gesicht, nt dem nur die fieberhaft funkelnden Atugen unter den buschigen- Braunen zu leben schienen, lag der Mte im Bett. Es war etwas m ihm, vielleicht der Mick, vielleicht das.struppige Haar und der ver­worrene Bart, das Leutnant Huber an die wilde Katze im Giebel­feld erinnerte. 1 1 ., ' . . ,

Der Kranke suchte sich mühsam aufzurichten.Je fürs tont ß votre service, Monsieur", sagte er höflich; aber man sah, wie s chwer sich die Worte von seiner Zunge lösten. Nun erst bemerkte Huber die Hilflosigkeit des Mannes und die großen, verängstigten Augen des halbwüchsigen Mädchens, das sich wie ein scheues Vögelchen ans Krankenbett drückte. Er ließ sich von Margot Schränke und^'Schub­fächer öffnen, stellte einige .Fragen, aus denen er erfuhr, daß der Mte, der Begründer des 'chat sauvage", seit Jähvcn gelähmt war, und zog sich dann zurück. Von einem Spßonennest konnte nt dem ganzen Städtchen nichts entdeckt werden, undsder Hanptmann mußte

wohl oder übel annehmgn, haß derWind auf andere Weise Er­kundigung einzvg. ^ i , . _

Huber mietete sich in etner Parterresvohnnng, neben dem Gast­haus, ein 'Zimmer smit dem Blich auf die Gärten, und lachend stackste er, ob vielleicht drüben unter den Rosenhecken der bösechat sauvage i schleiche

Am Abend in der Gaststube, als blaue und' rote Latnpions von der Decke hingen, Uh! er Jfiannette wieder. Sie trug ein werßeA Kleid und eine Mandoline mit vielen flatternden bunden Bändern.- Sie sang mit ihrem dünnen Kinderstimmchen. sin gebrochenen! Deutsch die Wacht am .Rhein und sogar Deutschland, Deutschland« über alles. Die Soldaten klatschten laut Beifall und spendetkA gern, als sie den Zinnteller herumreichte, ihre Nickelstücke.

Huber legte einen Franken aus die Platte. Das Mädchen tat ihm leid. Es tvrr etwas so seltsam Q.ualpolles und völlig Un­beteiligtes in dem schmalen Cichichjl. Der Blick schien wie erlosUft und nur in Furcht und Sorge aufftackern zu können. Er fühlte instinktiv, daß hier etwas nicht stimmte, und daß Margots Er­klärung, Jeannette sei seit einer Gehirnentzündung nie nrehr gantz normal geworden, nicht der einzige Grund für das scheue Wesen des Mädchens sein konnte. . ^ ^ ^ '

Eines Morgens sah er sie m aller .Frühe Strauße für Me Gaststube aus Rosen und Rosrnarm binden. Sie trällerte ein alt­französisches Kinderlied vor sich hin: , t

, J'ai deseendu dans le javdin. Pour tz cuetllir du routartn Zum ersten Mäl war etwas MMich-Fröhliches mt ihr.Jeannette! Huber war an den Zaun getreten und winkte sie 51t sich heran «ie »sschrak wie ein geängstetes Wild Oisammen.-und schien ms .Haus flüchten zu wollen.Brauchst dich nich>t zu fürchten'/, meinte Huber mit einem gütigen Lächeln Mid fragte dann immer 11t ihre« Muttersprache von wchu sie das schöne Lieid vomrourarm ' gelernt hätte und ob sie die Mumm gern hätte., / r .

Stockend erzählte sie von ihrem Vater, der ste all die chamons mnv das Mandolinenspiel gelchrt und all biüe Blumpn un Garten gepflanzt hatte.Du hattest einen lieben Papa!" Sre strahlte. Auf einen Augenblick war das Wilde, Verängstigte von ihr-ab­gefallen. Der Blick wurde frei und vertrauend.Er wird siches wiederkommen," meinte Huber,bis dahin haß Dn ja Margot und

den grand-papa." . _ . , , ,,

Sofort wurde das Gesicht, das sich eben erst ausgehellt hatte, wieder finster und verschlossen. Das siel Huber auf, mb er fragte:

Hast du auch Margot recht lieb?" Ganz leise und rasch antwortete das Mädchen :Papp hatte sie entlassen; aber als er fort war, hot Großvater sie gleich wieder tzu sich! genommen."' Dann aber, als reuq es sie schon, so viel gesprochen M (haben, schloß Jieannette wie em,

Einige Tage darauf, als sre wieder,rm Garten stand, zetgte chr Huber zwei schöne bunte« Haarbänder, die er ihr aus der Stadt mit- gebracht hatte. Damit war die verängstigte Weine Seele wieder, zahm oeworden Offener und freier als das!M!al zuvor sprach sie mit dem! Offizier. Er erfuhr aus ihren Worten, daß der Großvater ihr drd deutschen Lieder beigebracht Md ihr befohlen hatte,, ste zu fingen.

Mais papa ne serait Pas content", meinte fie, Huber drang nicht! weiter aus sie ein. Es war ihm jetzt klar, daß sie tu einer ständigen, Furcht vor Margot und dem Großpater lebte, und daß sre ge­zwungen war, ihnen zu gehorchen. Noich «nt Weilchen Plauderten! sie zusammen. Da eptönte plötzlich vom Tachsenster her em.Psisf, der Jeannette wie Gsisinlaub erzittern ließtGpand-pöre sagte sie nur und raunte ins Haus. <

Am Abend traf er sie wieder vor her Gaststube. Ste hatte das weiße Kleid und die Mandoline. Wer das Gesicht war ganz schmal und verweint.Hat Großvater gescholten?" fragte er und strich, mtt der Hand über den dunklen Scheitel,.. Die dicken Dochten rollten ubeo ihre Backen, als ste die Liebkosung verspürte.

Er hat mich geschlagen"- sagte fie zitternd. Neckend, um sre auszumuntern, meinte Huber, sie sei wohl unartig gewesen., Enten Augenblick zögerte das Mädchen. Dann meinte sie rasch,, wie nach Befreiung ringend, der Großvater habe von seinemaus ge­sehen, wie sie mit deni Offizier gesprochen habe, und das habe er ihr doch immer verboten. ^ ,, .

Huber war an dem Abend sehr nachdenklich geworden. Ihm war, als laste hier irgendein Geheintnis, das er lüften mußte. Was für ein seltsamer Mann der Großvater war. Etn Schwer­kranker, der seine Enkelin schlug. Gn GhauviiM der ihr verbot, mit einem deutschen Soldaten hu reden, und ihr dennoch befahl, um des Geldes willen die Wacht am.' Khesir izjn singen. Wieder mußte! er an die tvilde Katze «ausf hem GMelseld denken, und er nahnt sich vor, jetzt auf seiner Hut Uu sein. 'Mein Mißtrauen ttwltte .nichh wieder einschlafen, und er beobachtete jetzt auchvdie alte KvMn, von der Jeaunette, die ganz zutraulich geworden war, ihm erzähl^ daß sie den Großvater alles sage Md ihn Nickst leiden könne. L 9 fiel ihm jetzt aus, daß sie das Deutsch sehr gut beherrsche und durch geschickte Frageti, scheinbar nur aus Teilnahme und Gttte, sich alles

mögliche von den Soldaten erzählen ließ., Q .

Dann aber kam eine Zeit, tvo der Dienst alle Kräfte des Leut­nants in Anspruch uahni und er all seine unklaren Befürchtungen^ als Hirngespinste bezeichnete. Die Heeresleitung hatte den Befehl ge­geben, vom Feind .unbemerkt, ganz unauffällig das, Gros dey Truppen ans dem Städtchen zurückzuzichen und nur geringe Strafte dort zu lassen. Huber hatte Order 'erhalten, Mrückzublerben. Den