- Die Radier.
Roman von Herrnann Wagner.
Fortsetzung.)
Er errötete, weil er jetzt gezwungen war, ihr seine Verhältnisse zahlenmäßig klarzulegen. Er wußte, daß ihr, die selbst ein großes Vermögen besaß, Geld nicht imponierte. Urn so stolzer machte es ihn jetzt, daß er ihr zeigen konnte, auf wie festen Füßen er stand. Noch, nie war zwischen ihnen vom Geld die Rede genresen.
Sie brachen aus, um nach der Fabrik hinausznfahren.
Der Wagen durchquerte die Straßen, bahnte sich bald einen Weg durch wimmelnde Menschenmasseu und ratternde Fuhrwerke aller Art, bog wieder in enge Nebengassen ein, in denen vornehme Häuser still träumten, ließ prunkvolle Paläste ebenso gleichgültig hinter sich wie die kahlen, hohen Mietskasernen der Arbeiterviertel, sah in den Laubenkolonien lustige Fähnchen flattern und hielt schließlich, seinen Laus mit verblassendem und dann jäh sterbendem Geräusch, und ohne ermüdet zu sein ei?!stellend, vor einer» großen Fabrikgebäude, in dessen blinden Fenstern sich die Sonne spiegelte.
Im Fabrikkontor begrüßte Lucie zunächst der neue Direktor, ein noch junger Mann, dessen Umgangs formen jene verhaltene, spröde Eleganz gilt erzogener Menschen eigen war, die sie liebte.
Sie dankte ihm mit ein paar freundlichen Worten mw bat ihn, sich dem Rundzang durch die Fabrik anzuschließen.
Die Beamten erröteten alle, sobald Lucie sie ansah oder cnrsprach, und in ihren Verbeugungen und in ihren gestammelten Antworten war viel des Ungeschickten und Lächerlichen, so, als drücke der Anblick der schönen jungen Frau ihre Demut ebenso herab, wie sie ihren Stolz darüber, daß sie sie sehen durften, steigerte. .
Der Direktor erwies sich bei seinen Erklärungen nicht als ein nüchterner Fachmensch, der langweilte, sondern als ein scharmanter Plauderer, dem es gelang. Trockenes interessant urrd dennoch verständlich zu machorr und Zahlen einen Hauch von Leben einzuhauchen, und Lucie lvar dankbar genug, ihm aufmerksam zu folgen.
Lucie entzückte alle, die sie sahen, wohingegen es zu werken war, daß Reisner, der neue Chef, es noch nicht verstanden hatte, sich die Sympathien der Leute zu erwerben, denn man begegnete ihm überall mit einer Höflichkeit, der ein gut Teil Zwang und Furcht beigemischt war.
Selbst der Direktor verhielt sich ihm gegenüber leis zurückhaltend, wenn such in einer Form, die Ueberlegenheit genug befaß, es kaum zn zeigen.
Er tvar ein Mann der verbindlichen und beherrschten Geste, während Reisner dort, wo er zu befehlen hatte, starr Mid finster war und jene bewußte Wortkargheit zeigte, die Feinde, ebenso wenig fürchtete, wie sie Freunde wünschte.
Seine Haltung war die eines ewig defensiven Kämpfers, der doch, um einem etwaigen Schlag zuvorzukommen, immer bereit ist, anzugreisen.
Lucie entging das nicht und sie stellte auf der Heimfahrt ihren Mann dieserhalb zur Rede: „Du kennst noch nicht die beste und leichteste Art, die Menschen zu nehmen. Man soll ihnen mißtrauen, ja, aber man soll es ihnen rächt zeigen. Denn ein Mißtrauen, das im vorhinein da ist, ruft oft Angriffe, die nie erfolgt lvären, hervor. Man soll die Menschen mit einem spielenden Läch.eln überwinden, das um Verzeihung zu bitten scheint. Dann entgeht man ihrem Hatz."
„Das liegt im Blut," entgegnete Reisner, „man kann es oder man kann es nicht."
„Man lernt es auch," schmeichelte sie, „und ich werde es dich lehren."
Der Einzug in ihr Heim gestaltete sich ebenso phrafeu- uüd prunklos, wie der ganze Tag verlaufen war. Sie trafen ein und waren da, das war alles.-
Prokop machte seine stumme Verbeugung so wie immer, nur daß er sich jetzt nach zwei Seiten hin verbeugte. Allem die weiblicher: Bediensteten hielten es für angebracht, ein Besonderes zu tun, doch Lucie schnitt ihrer feierlichen Begrüßung lachend das Wort ab, indem sie erklärte, sie habe Hunger und fragte, ob es etwas Eßbares gebe.
Sie begaben sich in das Speisezimmer, für dessen Tisch man die Rasenstücke im Garten geplündert hatte. Der Duft der Blumen hatte etwas Schwül-Kaltes, doch ging ein starker Reiz von ihren Farben aus, die in ihrer Schattier rung vom blässesten Weiß bis zum dunkelsten Rot ein Bild erstarrter urrd unbefleckter Schönheit gaben.
Prokop bediente, und es machte den Eindruck, als ob er, der bislang .immer innr Herren, .das Dasein bequemer gemacht hatte, seinen Ehrgeiz darein setze, auch eine Dame zusrieden- zustellen, was ihm auch vollauf gelang.
„Das ist ein Mensch, um den ich. dich beneide," sagte Lucie, „denn es wird mir nie gelingen, ihn ans meine Seite zu ziehen."
„Ich hoffe es," erwiderte Reisner, und sein Scherz hatte diesmal eine kaum merkliche Beimischung von Ernst.
Das Mahl war einfache aber es mundete, weil es bei ihm darauf aukam, wirklich zn essen und nicht bloß zu kosten.
Ms Tischgetränk gab es alten Rheinwein, rnit dem sich Reisner den Keller gefüllt hatte, seit er es in Tirol gelernt hatte, zu. trinken.
. Sein Duft vermengte sich mit dem der Rosen und nahm auch die Würze an, die die reine Nachtluft durch die offenen Fenster hereinwehte: den süßen Geruch der draußen vor dem Hause blühenden Linden.
„Ist es wahr, waren wir im Mai lvirklich rroch unter Fremden," sagte Reisner, „unter Menschen, die uns gleichgültig waren uub die uns höchstens interessierten, wenn wir sahen, tvie ungeschickt sie uns bestahlen-"
, „Wir werden es wieder sein," antwortete Lucio, „läng-


