Die Reicher.
Roman von Hermann Wagner.
(Fortsetzung.)
„Kommen Sie in meine Wohnung," lud er sie ein, ohne im geringsten einen frivolen Ton anzuschlagen.
Sie sah ihn lauernd an, als versuche sie es, in seinem Gesicht zu lesen. Aber ihre Mühe war umsonst, sie fand nichts, sein Gesicht blieb ausdruckslos. Da ries sie aus: „Ich komme! Ich komme bestimmt, und Sie müssen mich empfangen! Sagen Sie, wann!"
(„Da ick) den Tag über .ehr beschäftigt bin, empfehle ich Ihnen, abends zu kommen. Um sechs."
«„Abgemacht," sagte sie, „ich komme. Ich komme in Geschäften. Nur!"
Sie gab ihm die Hand, unb er lüftete förmlich den Hut, so daß es aussah, als ob zwei schieden, die wirklich über Geschäfte gesprochen hatten.
Reisner setzte seinen Weg fort und dachte bei sich: Wie kommt es, daß itchi igar nicht einmal weiß, ob sie schön ist? Und warum habe ich gar kein Verlangen nach ihr? Nein, nicht nach ihr und nach keiner anderen. Sie fühlt das. Und weil sie das fühlt, kann sie mir nicht entrinnen. Sie ist mir sicher.
Daheim aber sagte er zu seinem Diener: „Prokop, morgen abend, Punkt sechs, wird unten am Gartentor eine Dame läuten. Du läßt sie ein und führst sie in mein Zimmer. Jch will dann ungestört sein."
*
Am nächsten Abend, pünktlich auf die Minute, läutete Frau von Marisch am Gartentor seiner Vil^
Die steinerne .Höflichkeit deö Dieners machte sie be-
S an gen, sie bewies ihr mehr als eine malitiöse Miene, wie ihr Hesilch aufgefaßt wurde. Sie machte bcu Weg aus dem Garten bis ins Haus mit leicht gesenktem Kopf, als ob tausend Augen auf sie gerichtet wären. Erst als ihr Prokop die Tür zu Reis- ners Zmrmer öffnete, gewann sie einen Teil ihrer Haltung -urück.
„Was denken Sie jetzt von mir?" fragte sie Reisner, rot vor Erregung und nach) einer Heiterkeit suchend, die sich nicht finden lassen »vollte.
„Daß Sie in Geschäften zu mir kommen," antwortete er gemessen, „was sonst?"
Sie warf zornig den Kopf hoch. „Gewiß. Obwohl Sie Ls nicht glauben . . . Denn Sie glauben es doch nicht, wie?" „Doch, doch."
„Jawohl!" Sie warf sich mit einer Unbefangenheit, die sie noch nicht ganz beherrschte, auf die Chaiselongue, ließ sich von Reisner eine Zigarette und Feuer reichen und musterte anerkennend den Raum. „Jalvohl! Ich komme zu Ihnen, um Sie zu bitten, sich meiner anzunehmen. Denn ich vertraue 8bnen. Gerade Ihnen und just deshalb, weil mau mich vor
Ihnen gewarnt hat. . . Sagen Sie mir, daß ich mich in Ihnen nicht täuschen werde, — bitte, sagen Sie es!"
Um ihrer Befangenheit Herr zu werden, fing sie plötzlich an, eifrig zu reden, ununterbrochen, ohne daß sie ihm Gelegenheit gab, ihr ins Wort zu fallen. Er tat das auch nicht. Die Arme über der Brust gekreuzt, stand er einige Schritte vor ihr und^sah sie unverwandt an. Es war unmöglich, zu erkennen, was er dachte.
Ja, sie sei gekommen, um von seiner Börsenwitterung zu profitieren, da es ihr Spaß machen würde, Geld zu verdienen. Er solle ihr raten und Helsen. Sie wünsche ein Papier zu kaufen, für eine hohe Summe, für hunderttausend Mark. Aber eines, von dem er überzeugt wäre, daß es steigen müsse, und das er auch selber besäße. Sie glaube nun einmal an sein Glück.
„Wollen Sie mir also raten?" bettelte sie.
„Es fragt sich nur, ob ich das darf. Auch das Börsen- spiel ist ein bloßes Spiel. Mau kann auch verlieren."
„Ich glaube nicht daran, daß Sie verlieren," warf sie, ihn bewundernd, ein. „Sic verlieren nie. Ich vertraue Jhnev blindlings."
„Und wenn Sie doch verliere»:?"
„Ich fürchte mich nicht!"
„Und wenn ich Sie betrüget
„Ich glaube nicht, daß Sie den Mut haben, es zu tun!"
Sie spielte mit ihren Gedanken und Worten, als seien es glitzernde Bälle, mit denen sie jongliere. Sie hatte Furcht, ja, aber diese Furcht »var prickelnd. Es,gruselte sie, doch dieses Gruseln glich einem süßen Kitzel.
„Es müßte Ihr Ernst sein," sagte er zögernd.
Sie bat ihn um ihr Täschchen, dem sie ein Scheckbuch entnahm. Auf seinem Schreibtisch füllte sie einen Scheck über hunderttausend Mark aus. Diesen überrckchte sie ihm. „Glauben Sie nun, daß e§ mein Ernst ist?" fragte sie, bemüht, eine halbe Geste, ein leises Sichverfärben an ihm zu erhaschen, das ihr verriete, ob er triumphiere.
Er wendete das Papier lässig zwischen seinen Fingern. „Es ist doch nur ein Spaß, den Sic sich da machen," sagte ^ er, „ein Spaß, den Sie sich etwas kosten lassen, das gebe ich zu. Sie wünschen, zu spielen, ja, — aber nicht aus der Börse, sondern mit mir!"
„Lehnen Sie ab?" fragte sie bestürzt.
. v,3m Gegenteil, ich nehme an, — ich nehme das Spiel an, das Sie gewillt sind, mit mir z»l treiben! . . . Welche Papiere wünschen Sie zu. kaufen?"
„Die, die Sie mir empfehlen. Nur die."
„Sie wünschen zu gewinnen, — viel zu gewinnen?"
<^a."
pwut der," belehrte er sie, „hat Aussicht, viel zu ge-- winnen, der auch beit Mut hat, viel zu »vagen. . . Haben Sie diesen Mul?"
„Darf ich ihn haben?"
>,Jch hatte ihn," sagte er trocke»». Er schloß ein Fach seines Schreibtisches aus und entnahm ihm ein Bündel Pa-


