Die Rächer.
Roman von Hermann Wagner.
(Fortsetzung.)
Reisner steckte sein Exemplar in die Tasche, ohne daß sein Gesicht etwas anderes als Gleichgültigkeit ansgedrückt hätte. „Das wäre abgemacht," sagte er, indem er eine Zigarette in Brand setzD. „und wir hätten jetzt wohl Grund, uns ein wenig zu erholen."
„Wie?" fragte der Geschäftsführer, der Reisner nicht verstarrd.
Reisner blies eine dichte Ranchmolße vor sich hin und blickte ihr starr nach. „Ich meine, daß wir uns vielleicht etwas erholen könnten, inoem wir ein Lokal aufsuchten... Oder geniert es Sie, wenn man Sie mit mir sieht?"
«Mich?... Mer bestimmt nicht!"
Reisner lächelte, als berühre ihn das Ueberlaute des Protestes nicht im geringsten. „Gut," sagte er, „so gehen wir.. /'
Es dämmerte schon, und Reisner schlug eines der Vornehmstert Restaurants vor, in dein sie anständig soupieren könnten.
Ein Auto brachte sie in tvenigen Minuten hin.
„Dt)," sagte Reisner, indem er iiber die Schwelle de- Lokales trat, „tvelch ein Leben?"
Er hob seine Stimme, als wünsche er die Aufmerksame feit auf sich m leufeit, was ihm auch gelang, denn an mehreren Tischen tvandie man sich nach ihm um!.
Sein Begleiter zeigte auf einen Eckttsch, der frei war. „Wollett wir vielleicht hier —?"
„Warimi hier?" gab Reisner zurück. „Soll ,nan uns nicht sehend'
Und er sch ritt, alle Anwesenden musternd, nach der Mitte des Lokales, nahm geräuschvoll Platz und befahl dem 'Kellner in lautem Don, die Wein- und Speisenkarte m bringen.
Er schien sich außerorderrtlich wohl zu fühlen und sprach den Speisen und dem Wein tüchtig zu, ohne sich freilich dadurch davon abhalten zu lasten, die Unterhaltung laut weiterzuführen.
Es war, als reize es ihn, den gepflegten und vornehmen Leuten, die rings um ihn saßen, zu zeigen, daß er ihre Formeil verachte. Mer er ging darin doch nie so weit, daß er die Grenzen dessen, was gerade noch zulässig war, überschritten hätte. So machte er alles irr allem den Eindruck eines lebhaften Temperamentes, dessen Blut durch den Wein iir Wallung geraten lvar. )■
„Die Dumm köpfesagte er, indem er mit einer hoch- mittigen Bewegung seines Kopfes auf einen Tisch zeigte, an dem Leute saßen, die ihn offenbar erkannt hatten und die mm, die Köpfe zu ja Minen steckend, miteinander tuschelten. „Jetzt starren sie mich noch an! Wollen Sie tvetten, daß ich kie in einigen Monaten dahin bringe, mich zr' grüßen?"
Er dämpfte seine Stimme und sprach mit der Mien» eines Menschen, der in seine eigenen Worte verliebt ist, von seinen Plänen.
Was er erstrebte, war vor allem eines: viel Geld es» tuedven. Nicht ans 5>absucht stellte er sich dieses Ziel, nicht toeil ihn ei,re schnnitziae Neigung zum Gelbe hindrängte, nein, nur um srch und der Welt zu beweiserr, wie hoch ein Mensch, der harttiäckig, zäh und kalt seinen Willen aus ei« einziges Ziel eingestellt habe, steigen könne.
Um seinen Mund lag, während er so sprach ein Zug bitterer Härte. Wieder rnusterte er mit einem Spott, der in sich selbst versessen schien, die Leute ringsum.
Nein, es gab nichts, nicht das geringste mehr, doS ihn noch mit ihrren verband. Er stand' allein. lhti> er wollt« allein stehen, denn er wußte, daß genug Kraft dazu in ihm war. Und diese Kraft verdankte er dem Gefängnis, daS ihm die vier nützlichsten Lehrjahreseines Lebens geliefert und irr dem er zudem den einzigen Menschen keimen gelernt hakt«, der ihm Respekt einflößte.
Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. als denke es angestrengt nach. Und seine Stimme >var völlig verändert als er dann sagte: „Können Sie es sich vorstellen, daß es einen Väenschen gibt, der, um ein Ziel m erreichen, zwölf Jahre Gefängnis in Kauf nimmt? Und der die Riesenkraft in sich spürt, diese Strafe ungebrochen zu übersahen? Der Stunde zu Stunde, Tag zu Tag, Woche zu Woche legt, der die Wochen zu Monaten forrnt urtb die Monade M Jahren, und der darin zählt: noch elf Jahre, noch pcht Jahre, nur noch sechs, nur noch vier Jahre — ?. .. Und der warten kann? Immerzu warten?"
Er machte eine haßerfüllte Geste. „Einen solchen Man« kenne ich. Ich habe mit ihni im Gefängnis aelebt, und ich habe es von ihm gelernt, Geduld zu haben und zu warten ... Urid wissen Sie, was ihm die Kraft gibt, so lange geduldig Zu sein?... Der Haß! Der Haß, der: jeder Gefangene gegen die in sich trägt, die in Freiheit leben dürfen. Urü) mit tent er den Tag erwartet, an dem er sich rächen kann!"
„Racken? Au imnr In der Stimme des Geschäftsführers zitterte das geheirne Widerstreben des braveil altern^ gesessenen Bürgers, der seine ererbten Ideale gegen den brutalen Einbruch eines Frenrden verteidigen möchte.
„An rvem? An der Welt! An der ganzen Welt, die sein Feind ist und die er haßt!"
„Wieso ?' fragte mit dem sanften Augenaufschlag de- Biedermannes der Geschäftsführer. „Was kann die Welt dafür, daß einer bestraft wird, der sich gegen die Gesetze vergangen hat?"
„He? Wer hat derm den einett dazu getrieben, sich gegen bie soaenamtten Gesetze zu veraehen?"
„Die Wett?"
Die Augen Reisners verdrehten sich auf höchst mer^ lv-ürdige Werse, so daß inan einen Moment nur das Weiß« in ihnen sah. „Ja, die Welt! Sie loax es, nur sie! Don« alles, was einen dazu treibt, etwas Mt tun, tvas gegen dt«


