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Mmälchst' MichekS Friedfertigkeit, für die die Zipfelkappe immer als Symbol gegolten, und zeigt die Kraft, die trotzdem in ihm wohnt, und fahrt dann sort: „Diese harte Zeit ist eine schwere Prüfung, ob wir die Eigenschaften haben, die den Bestand eines Volkes rechtfertigen, ob wrr vor Gott und der Welt als Volk bestehen können. Die Not is!» plötzlich übeer rms gekommen, daß die Haupt- vigensichiast, die ein Volk mm einmal h.iben muh, wenn es bestehen will, die Wahrhaftigkeit, schon vorhanden sein muhte, die Tapferkeit, die Treue, der trotzige Mut, nichfl nur für sich, sondern für seine Volksgenossen sich, gegen eine Welt von Feinden zu behaupten; das ist es, was den Kampf adelt, ihn aus der niederen Mordgier zum Heldentum erhebt. Ajus der Tiefe der Volksseele traten diese Eigenschaften hervor, stärker, als wir in der Zeit des üppigen Friedens erwarten formten. Ans unbekannten Tijesen, aus unermesstsnen! Zeiten tauchten ßiiese Tugenden hervor; sie sind Volksgut; wir haben fie ererbt, nun erkennen wir sie wscader und nahmen teil an ihnen i jeder kann empfinden, wie seine Seele mit der gemeinsamen Seele- des Volkes, die aus dem Zeitlosen hcrstammt, verbunden ist. Schon fürchteten viele, dah wir zu einem.' Volk der ewigen Neider und Nörgler- gesunken seien, zu Splitterrichtern, verwirrten Kritikern- Nechthabevn voll HockMiut und zu Spöttern geworden seien. Spötter führten das Wort und verlach,den alle noch vorhandenen Spuren, die zeigten, daß wst ein Volk von .Melden und Heiligen sein lolltenj lunb könnten. Der Sturmwind des Krieges hat viele Nebel des Geschwätzes hin weg gefegt, und das Deutschtum erschien ,nieder in seiner glänzenden Herrlichkeit. Mr haben Wluinder erlebt, die aus tiefster Not uns aufjauchKen liehen. Wir haben wieder Helden gesehen, die den Krieg rechtfertigen. die uns das Wunder des Opfertodes offenbaren. Man denkt und sinnt, und wohl manch,? reden, auch mit heiligem Ernst darüber, wie aus dieser uothaften Zeit heraus das Volk, die kranke Menschheit, die eine Erblast wie eine Schuld mit sich schleppt, in einen glücklicheren Zustand geraten könnte. Wir stehen vor den tiefsten Problemen der Menschheit.
In was mag das Glück eines Volkes wohl bestehen? Vielleicht doch nur darin, dah es seiner Wesensart entsprechend sein Dasein hat, dah es überhaupt da ist. Für seinen Bestand setzt ein Volk sein Leben ein; jeder einzelne tritt in den Kamps und ist zum Opfer tode bereit: denn es handelt sich, im tieff'm Grund nicht um daH Glück, sondern um das Dasein, um die Erhaltung des Volkes. .
Die söhne.
Bon Peter S che r.
Sonntagabend ans dem Bahnhof. Drei Viertelstunden vor der Stadt
Menschenmassen „stehn" Billette.
Vor mir ein eleganter Jüngling. Zur Seite eine Lady, die ihm zu ruft:
„Fredy.— selbstverständlich Erster!"
Fredy nimM erster Klasse.
Ich, neugierig urtb auf Sensationen bedacht — auch Hinein!
Wer ist jichon erster Klasse gefahren?
Verschänttes Schweigen. Verstehe!
Aber es hat ivas! Teufel auch!
Rote Plüschmöbel. Spiegel — und so.
Doch das ist nichts. Mles ist: Die Stimmung, der Ton, das Milli öh.
Teufel! Teufel!
Also ich hinein: stolpere über den Hund der Lady.
Feines Tier. Blendheim-Spaniel — zweitausend Ei^m.
Lady sieht mich an . . .brr: wie hoch Menscl)en stehn rönnen, daß so blicken müssen! Kalt, eiskalt!
Fredy, gwer Kerl, hat Mitleid, lächelt — fast herablassend Ich — ihm gegenüber . . . Lady, neben mir, rückt leickst ab. Drei ganz junge Gents aus den Polstern. Alle irr vornehmer Haltung — höchst vornehm.
Wenn ich das Bein ausstrecke — natürlich, loie Gott es gemacht hat, sehn mich alle an — betroffen, strafend, ungewiß.
Tie jungen Gents am üngewissesten.
Ich schleudere die Asche mit einer Sicherheit von meiner Zigarette ... ich grinse hin und wieder aus eine Art . . hm Sie beobachten von der Seite — sind auf dein Sprung, 'alles nachzumachen, verharren, von Zweifeln gequält, mit Blick nach Lady.
. .???> Problem ist: bin ich vielleicht doch der vornehmere — obgleich? . . .
... ist sicher. Kontrolliert Fredy. Fredy hat Ansätze,
sich Blotzen zu geben. . ’
^•agt: „ . . . wo wir Tee getrunken haben . . ."
Woraus fle: ,,s)lch ja — wo imr den Tee genommen haben/^ Sie hält die Berne übereinairder. Linke Handschiihstulpe ist umgeschagen — toflchick: n.nbelmndscliuhte Hand hält spannlange Zigaretten)pitze aus blauem Glasstein: kleiner Finger weit ab- Ubogen; langer zugespitzter Nagel. Als die Zigarette ausgesucht rst, blast fte durch die Spitze: Reit sitzt festgeklevimt.
„Bitte — Fredy!" sagt Lady müde. ,
Fredy: hoch, erfaßt die Spitze, nimmt aus her Westentasche
— ernen Zahnstocher, stochert den Rest fort, reicht Spitze in verbindlichster Haltung zurück.
Lady gähnt.
Die jungen Gents verfolgen atemlos die Vorgänge. Augen ttnikeln. Weihrauch von Bewunderung über rotem Plüsch. Ehr- surchsschaner.
Ich werfe mich zurück, daß die Beine hochfliegen, lache — wiehernd nne ein Pferd. I
Fredy, Lady, Gents sind starr, fassungslos, umgefchmissen. Sogar Hand, Blendheim-Spanrel, zwettausend Emm, glotzt erschüttert.
Ich richte mich auf, fasse Fredy ms Aicge, fest — mit einem MeNschelnblick — v-on oben bis unten, durch und durch — daß et zusammensackt, errötet, rutscht.
Mein Blick sagst:
Fredy ! Tein Vater ist ?lgent in Lebensniitteln!
Tu hlfst ihm inr Geschäft! Keine Widerrede! Du möchtest tn der Nase bohren und nach dem Essen die Zähne lutschen
~ warum plagst bit dich, vornehm zu werden!
Tu gehörst gehauen. Fredy, Gentleman — Gent Lehinann
— bis du wieder ein Alfred bist, ein Mfred Lehmann. Wegtreten!
Und ihr jungen Gents! Aus Euren Augen sehe ich nur eine Sehnsucht funkeln —: die: einen Vater zu haben, der es versteht, den Frauen und Kmdern der Soldaten draußen den letzten Bissen vom Munde wegzureißen, um ihn für zehnfachen Preis an Gutgestellte zu verschachern! ,
T a s habt ihr, während die ungeheueren Schlachteil donnern, m euren jungen Seelen als Gewinn dieser großen Zeit empfangen
Letztes Ziel: eine Sttmde erster Masse
Fredy, von meinem Blick enthrcklt, ist klein geworden Ich sagt es ja: er ist im Grund ein guter Kerl.
Aber die Lady?
Sie ist hochgepufft, blitzt mich an, durchbohrt Fredy, faucht:
" it v öcrrn ' baß er dich nicht fixieren soll!"
. Teufels auch Fredy geht los, schnellt auf, schnarcht: „Was erlauben Lne sich . . . wir haben erster Klasse bezahlt!"
Asr Zag rollt. Ich bin geschlagen. Die Jugend triumphiert.
Tie Jugend triumphiert.
hiride.
Von Ilse Reiche.
Wie eine vergessene Krone, bunt und spitzig, liegt das litauische Staotchen auf einem Hügel inmitten der weiten, reichgewellten Landschaft. Grün, rot. blau und golden über Lrlkweitzen Mauern ragen seme ZwiebeMcppeln und Kirchtürme gen Himmel: die griechischen Kirchen der Weißrussen, die römischen der Polen, die Mo,chee der Tartaren uitd die Synagoge der Juden. Tie Synagoge fleht immer du meflten Andächtigen, denn von den achttausend Seelen, die das Städtchen mit den vielen.niederen bunten Häusern beherbergt, zählen sich über sechseinhalbtausend zu dem auserwähl- SJ” Jehovas. Wie vor Jahrhunderten schon liegt dies kleine Mo,a kiiück des Oltens verloren in der litauischen Weite — und boilj i)t es Inders geworden: weiße Taubenschwärme haben sich aus den Tacherri da und dort niedergelassen — weiße Tcncbenschwärme von Pvrzellanisolatoren, deren Kupserfäden nun das Städtchen mtt aller Welt verknüpfen, und aus dem großen, schrägabfallenden Ge- vrert des Marktplatzes mit der flachen Tnchhalle in her Mitte, schallt der Tritt feldgrauer Tettlscher. Die Töckcher Israels du tagsüber trag vor den Auslagen ihrer winzigen Ladeil hocken und am Abend schön geputzt und schwatzend mii den Freundinnen auf imd nieder promenieren, die Töchter Israels wenden den Kopf nach ihnen, und die dunklen, asiatischen Augen Tie Teilt scheu winken ihnen zu — denn man kennt sich, ivenn man zwei >zahre lang in denselben engen Mauern beieinanderwohnk und man wird Frermd miteinander. Tie dort über den Martt gehl mit einem grellblau quadrierten Kleide, das ist Hinde Sie geht mit einem geduckten Lächeln die schlanken, großen Offiziere grüßend Freuen sie alle, die schone Hstnsoe. seit der blondbärtig« deiitich« Maler, der hier haust, sie mit seinem Rötelstift gezeich- rrkt hat: das flache, breite Gericht mit dem eiförmigen Uebergang der Schlcflen in die Wangen, die lang gezogenen, etwas traurigen Augen unter sclIveren Lidern und flachbvgrgen Brauen, die gekrümmte Nase und den etwas spöttisck-en, etlvas selbstzufriedenen Mund mit den geschwungenen Lippen. Ein Kopf, noch irgendwie tierhast uiw nicht eigentlich schön, — aber von reiner, ausgeprägter Juaffe. Ömde itnrb purpurdiinkel bis zu den kupferfarbenen Haaren, als jie ihn grützt, den Rittnieister mit den vergißnleinnichtblauen Augen, die so blau sind, wie sie lwch nie Augeri gesehen: blau wie me Türkisen in ihrem Sck)>mucke,'aber auch so undurchdringlich und - 5 ört L^ rei es hei-, seit ihr Bräutigam mit den Russen
rii den Krreg gemußt und sie nie wieder ein Wort von ihm gehört — damals lvar sie ein alyrnngsloses Kind, und jetzt — ieyt ist sie erwachsen uiid hat zwei Jahre lang unter den deittschen Männern ge- mt^^lner chrer jungen Stammesbrüder' blieb zurück, nur die Een und Mißgestaltenen, die laut durcheinander plärrend und geyrkiiflerend in dein Synagogenliaus iliren Talmud lernen
Lne geht scheu und geduckt durch die Straßen, demr die Schwiegernrutter und der Rabbiner, denen Moses Gesetz ein unct.


