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5rau Zeineb.
Mus dem Türkischen des Jakub Kadri. überseht von C. .Frank.
,,Mutter, Sonun schnell, es klopft!"
bei, wer mag das n»>bl um diese Zeit sein?"
,vielleicht kommt Nachricht vvn Hassan! Mein Gefühl sagt Iren: k>. Kvnrm schnell, Mutter!"
Mls diese Worte ihrer Schwiegertochter hin sprang Krau Vnneb vvr Aufregmig aut und lief, sogar ohne die Holzschuhe «rzu ziehen, an das Hanstor. IN der Tat war der alte Torfgendarnr k^sman Efendi, der Zeineb immer Nachricht von ihrem Lohn oramte. da.
„Osman Efeiidi, ist ein Brief da?"
„Ja, aber nichit gerade für dich! Hüll deinen Kopf ein rull) voimi^cm wenig bis zur Moschee mit. Ich Hab dir was zu sagen!"
bes Vorgefühls einer mehr oder weniger ungünstigen Viachrrcht, well Osman Efendi sie aus diese Weise angeschrieir yatte, verlor Frau Zeineb nicht die Fassung. Sie erging sich nicht wre sonst Frauen in^überflüssiger Aufregung und umuitigem Gejllrn: denn ihre L^chstviegertrochter war im neunten Monat schwanger und lauschte an der Schsvelle der inneren Haustür, ftn Tunkeln.
„Mutter, was ist's? was hat sich zugetragen?"
^cm-eb nahm ruhig ihren Umhang und schlüpfte in die Lebuhe.
„Nichsts," sagte |te; Osnmn Efendi ist gäkoullilen, es ist ein Nn.es ca, sagte ex. Wir wollen setzt zur Moschee gehen imd ihn Uns durch den Imen vorlesen lassen." Während sie dies sagte, folgte fte Osman Efendi. Auf dein Wege fragte sie kein Wort, lleber die Art der Nachricht, die sie von ihrem Sohn erhalteir wurde, war sie letzt gleichsam unterrichtet. Mles kehrte soeben von den Nanrasaugsbeten in sein Haus zurilck. Im Hofe der Moschee brannte eine matte und rauchgeschwärzte Laterne. Sowie Frau Zeineb und der Gendarm Osman Efendi unter diese Laterne attUnlmcn waren, blieben sie stehen. Osman sagte, ohne Frau Znneb anzusehen: „Ter Brief ist ziemlich! lang; ich werde ihn Mt m ordentlicher Weise lesen können. Wart' du da ein wenig; «r, will den Hodscha rufen,; er soll ihn lesen und erklären."
Frau Zemeb war ihrerseits, da sie einen langen Weg zurück- Selegr hatte, schwach und hockte sich an dem Ort, wo sie sich be° xmd. nieder. „O Erlauchter, Ivas mag es wohl sein?" sagte fte in ihrem Innern, und stierte geistlos in die Finsternis Es dauerte nicht lange, und der Geiidarnl Osman Efendi kam nrit dem Jmanr; auch sie bockten sich leise bei der Laterne ganz nahe bn der alten Frau nieder.
Ter Imam las zuerst ganz genau die Aufschrift des Brief Umschlags, ^An Zeineb Hanym, die Frau des verstorbenen Orts° ^uslehers Atusa durch Vermittlung des Genbarmeriesergeaiiten Osumu Efendi mr Edtchieii X, zugehörig zum Tistrikt Kara Agadsch im Wilaset Aidin."
^-rcm Zeineb Hörte, währe, id sich ihre Augen mit Trauert Mlten, dem Verlesen dieses einen Satzes durch, den Imam zu, tzobald aber die Rerhc an deir eigentlichen Brief täm, fing ihr Herz zu llopseil an „Von tvem ist der Brief, Hodscha? Schau mal nach der Unterschrift, Imam! Von wem ist der Brief?"
* * f Ter Geistlich^ gab keine Antwort; er las-zuerst den Brief in ft leiser Ltimmc Wort für Wort für sich,. Bei der Unterschrift machitc er lange, lange Halt, dann wiederholte er iroch eunnal das lautlose Vorlesen. Frau Zeineb verlor die Geduld. „Imam Hodscha, mg, was ist's? Ist es von Hassan?"
Ter Hodscha hob sein würdevolles Haupt und blickte der alten Frau lange Zeit starr in die 2lügcn. Tann sagte er plötzlich- „Hassan ist Märtyrer geworden, Gott erhalte dich'"
^rau Zeineb konnte zunächst nichts verstehen. Es war ihr, als ob die Laterne, rn deren Licht sie sich zusammengedrängt hatten, samt den Gläsern urid ihrer Flamme auf ihre Köpfe herabgefallen lväre. Lie drückte ihre Hände an die Schläfe und V Platz wo sie hockte, zusammen. Einem Haufen
alter Kleider ähnlich,, blieb fte eme ziemliche Zeitlang spvach- und regungslos sitzen, dann fing sie ganz leise mit langen und unregelmäßigen Uuterbrechn,igcii ans tiefster Seele zu schluchzen und zu seufzen an Ter Imam der Moschee und der Gendarm besten fte emigc Zeit in Ruhe, damit sie ihr Herz erleichtere- danach standen bc,de^ zugleich auf und sastteir die am Boden Kauer-nde her den Lchultern und wollten sie auftichten Ihr Körper genet immer mehr in die Erschütterungen erregten inneren ^chluchzens. Dazwischen Nagte sie: „O, .nein Junge o!" und machte eme Bewegung, als ob sie ihre Brüste zeiiei^en wollte ^ann verstummte sie plötzlich und, während sie den Kops nach bei- schüttelte, seufzte fte: „In zwei, drei Tagen wird noch dazu seui Kmd aus die Welt kommen. Der Junge meines Jungen!
^ imöe a , T fi gegangen, fein Junge kommt. Was ist o Allah, was ist das, o Hjer'r.'! . . '
. , diese Worte sagte der Sergeant Osuian mit fester und lauter Ltlmmc. „Wenn es so ist, ninim dich zusammen und schweig' denn Hort deine Lchwiegerlochwr von der- Sache, sind gleich zwei Leben auf einmal vernichtet. Bedenke einmal, der Gefallene ist zwar deur Kind, aber er ist ihr Mann uoid dazu der Vater des Kindes da^, fte unterm Herzen trägt. Wenn die Fraueii jung sind, wenn
fte gar noch dazu schn'anger sind, können sie dnrchaiis keinen ^tragen. Wenn du nach Hause zurückkehrst, tu alles. Tranen trocknen, deiik dir eine Lüge ans, ,vie „Wir haben gute Nachricht von Hassan" und Oeifc einige Tage
tu fl möf t ^vchst!"^ L>1 ' ^ rmi gerettet werden; danach
< „ Umr Zeineb erwiderte, während sie sich die Träne,! «rns den Hgen wischte: „Osman Eferrdi, du hast recht! aber cs zu tun, ist schwer! Tn weißt nicht, wie mein Herz bmuü " r wischte sich der Imam, der an der Seite in Gedanken r n -sSwh/ 1 * n f N"„Ten Gefallenen zu beweinen.
^ *¥> banu bat dir Gott tm,- besi>ndsrs nro&c
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Snnebä SfifMüen rersiegtc: humpelnd schlug sic brn Weg nach ihrem Hau-o em. Ov.nan Efeu di und der ">i!ia,'l folatcn Schritte hinterer. Tie alte als Ä
Lt n2 fÄ ^ ccm Vause vergessen hätte, alle Augenblicke ftp ^ < Q< t nh l ^ l j Lort u-a.ch ihrer Umgebung: dann fing Z ^npaitfielnbm Schrfttes zu gehen an. Sobald sie wr der Haustur angelaugt war, wuchs plötzlich ihre Verzweifluna schlu^nend^ ^ ^ ^lt dem Gesicht zu Boden werfen und laut ff Wnu i n "nsangen wollte, aber ihre Schwiegertochter erirartete fte gerade hinter der Türe: „Mutter, ,vas oibt'ä
Muttet M 6erBelSe Mr Aufregung! SpsM
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P vau Lcineb Iciofftc unmittelbar nach diesen Worten die lo furchtbar wie der Mtzenblick des 'Ber- schlNdcus, gesprochen wurde, vor der Tür zusammenbrechen Aber
Faftuna^ck?^ M £ ^ndhrfte und beherzte^7tL Me
Elf/’ fie oUN! ihre Trauer zu verbergen, folgende drollige List: „Gerade da," sagte sie da ich
Kw'Ses^In ist; als ob der Platz, ich hingetreten ^.^^Em^hätte, hat sich mein Fuß auf einmal \o Ul ‘SnS 1 ^ beinahe verrückt gemacht hätte"
Ö e ' M Sewohntermassjen dahin- Und ftng mit den Worten: „O Gott, weinenÄ' ^ bakte den Schmerz nicht aus!" zu
Frau Zeineb eine ganze Nacht und einen ganzen 4s?' «■ mettl Svbdr," O ntein Fuß" sagte
M!^a^fi! ü i e , 9ert r^! r * bn bemerkte nicht die List eines Armm- lu^iä.d^^^^^b^enen Lchmerzen mrd war damft beschäftigt, suchen ^ ^ b€V lhrer Schiwiegermutter Mittel zu
x Uebcr diese stacht waren kaum vier Tage vergairgen als
Iuiiq^n^^ zu^Welt'broä'i?"^L ^ramiköpsigen, strammen
öur Welt brachte, sobald Frau Zemeb das Kind auf den
^rl 0 ? 01 ?^b herzte, schien sie für einen Augenblick die groste Trauer in ihrem Herzen vergessen zu haben; und während l’Ji w C ?^n .voll Tränen, den Vtund dem Ohr des Neugeborenen nahertc, sagte fte leise mit schluchzender Stimnie: Kleiner Enael "us dem Paradies; sicher hast dir dort deinen Vater gettoffeip denn überall an dir ist sein Hauch. Sprich hrt er uns mchts sagen lassen; sprich, nrie ist's ihn:?" '
Kind und Gwßmutter singen beide auf einmal zu weinen
„Mehr Nächstenliebe!"
, 1U 11 ‘? §cht folgende Zuschrift zu, die wir unseren Lesern air BeherzrMiig empfehlen: ' *
^^€ 1 ] Ruf ist wohl zu keiner Zeit berechtigter als in der ^ü^",varttgen. Es soll sedoch hier nicht von größeren Werken wohltattger Nächste nlrebe die Rode senk, so.idern von jenen Au ft merksauikeiteu, die sich die Menschen gegenseitig häufig zu er- lmrsen Gelegenheit haden urrd die auf jene Nächstenliebe schlichen lasseii, nach der der e5k Charakter so sehr verlangt und aus ivelcl/c, ft?udigkeft"be^uht^' ^^n^ben schließlich allein die loahrc Ta seinA
f.^-??L?onuhung der Bahn nach der Arbeitsstelle h<ibe ich täglich Gelegenheit, BetrachtUNgeii in dieser Hinsicht anzustellen Zuiß ich bemerken, daß bei vielen Menschen da/i Mitgefühl und die Bereitwilligkeit zu helfen, wo es not tttt ia c ^ tld ' cn droht. Ja cs gibt sogar Fälle, Ivo für den .bedenn.e.ischeu unerquickliche ^ftuatioucu sogar belustigend auf manche Zuginsassen wirken und sic sich eines heimlichen Lächeln^ nicht erwehren können. ^Da steigt z. B. aus einer Zwischenshftiou eine -ältere ll-rau em. Sie hat eine Stunde Weg — von ihrem -chohnort zur Bahnstation — hinter sich und tm alle Plätze befek Uiu-, lehnt sich, sichtlich ermüdet an einem Fenster des Abtiäls Kemei- der ^nsaftcn richrt sich. Ich tvarte einen Monreut, txmll rch etwas wach meinem Nachbar zur Linken und ladend! mi-lnem rechten Nebenmann, das gleiche zu tun, und die Fra nimmt nun sofort den so geschaffenen Platz voll des Dankes an Dadurch, dag. die fiins wideren Pderrschn ctnxic- nnbequeincr saßen, hatte die ermüdete Frau nun auch einen Platz w'fuude'r — Ein andermal null eme tfrmi mit zwei »uwn Paketen einsteigen Si,


