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Wenn ihn 6er Garevalissiimis Cadorna mir nicht Mi in bie Dolomiten geschickt hatte, .Mt auf den Monte piano; lvenn er wenigstens nicht beständig dos Hotel 6a unten hätte sehen müssen, wo er vor drei Jahren/.-. . ^
Guiseppe Trentini 4var sehr ungern in diesen Krieg gegangen. Vicht bloß deshalb, weil ein «Beamter der Ban ca comerciale im Killen Benona tem rechtes Verhältnis zur nrännennordenden Feld-i Macht und gar feine Sehnsucht «danach hatte, die Bewohner anderer Länder zu erläsen — soachcrn vor allem darunr, weil seine Mutter Vis Bozen stammte und mit dem Mädchennamen Inn cito fflor hieß-
Wohin gehört der, dessen Vater Italiener und dessen Matter Teuttche ist?
Trentini sprach Deutsch so gut wie Italienisch. Wenn er frühmorgens über den Pon'teGaribaldi str sein Bureau ging und in das weih grüne Etschwasser hinab sah, das aus dem Herzen Tirols kam, war es ihnl, als hörte er aus dem Gemurmel der Wellen die Sprache seiner Mutter. In seiner Bibliothek stand der staust Neben der Tivina oomedia, die Novellen von Heyse neben Gabriele d'Annunzio. Alljährlich brachte er seinen Urlaub, wenn es in der Po^Ebene zu heiß wurde, in den Tiroler Bergen zu.
Und darum fand er mit vielen, vielen seiner Mitbürger diesen Krieg einfach wahnsinnig und ein Verbrechen an allem, was Kultur hieß. Lider den Herren von «der hohen Regierung- ivar das sehr gleichgültig-'Und «eines Tageis mußte-er doch als Tenente oder Leutnant die Uniform seines Regimentes anziehen, von seiner jungen
f vau Abschied nehmen und auf diesen Felsen hinaufllettern^ ort konnte er der Vergangenheit nachgrübeln, soweit der Krieg das Nach,grübeln überhaupt gestattete.
Diese Vergangenheit lag drei Jahve zurück, hatte wunder- schöne dunkle Augen, einen roten «Mund und hieß Annita.
Dort unten, aus der Terrasse des zerschossenen Hotels hatte er sie zum ersten Mal gesehen. Es war noch tiefer Frieden. Ter geschlissene grüne Edelstein des Misnrinasoes spiegchte das verlorene Paradies der ivunderbareu Tolomitemvelt. -Aber Trentini folgte mit seinen schwarzen Blicken der reizenden Mädchengestalt, die jetzt in das Auto «stieg, pm wohlverwahrt zwischen Papa. Mama und Dante Kathrein zum Misurrnasee zu fahren. War es Zufall !oder Mbstcht, daß er Tags darauf in dem großen Speisesaal an ihrer Seite saß?
Jedenfalls schien ihm dieser Urlaub «in den Dolomiten der schönste seines Lebens. Und nach wenigen Tagen hatte er es richtig w weit gebracht, daß er mit den: Fräulein Anna. Perathvner ans Innsbruck und einem tüchtigen Bergführer den Monte piano besteigen durfte, wog,egen nicht einiual «Tante Kathrein Einspruch erhob.
Ten alten Führer Klaus, der mit seinen grauen Bartstoppeln wie ein zorniaer Igel aussah, «fand er allerdings bei dieser leichten Dour überflüssig. Llber Papa und «Mama hatten durchius darauf bestanden. Und eigentlich störte er nicht viel. Taktvoll hielt er sich immer fünf Schritte vor oder hinter dein plaudernden Pärchen Und tat erst droben ans dem Gipfel des Monte piano fernen Mund auf, um die herrliche Aussicht zu erklären. Schön war er nicht, dieser Mind — die Oberlippe durch eine mächtige Hasenscharte entstellt, die Zähne gelb «vom Tabak und abgekaut wie die eines Elefanten. Aber was er sagte, klang so gut und treuherzig, daß den beiden da droben noch Würmer ums Herz wurde, als es ohnehin zu geschehen pflegt, wenn keimende Neigung mitten in der gewaltigen Natur fteht, vom Sonrienglanz umflossen, vom Bergwind umweht.
Und daß er keineswegs überflüssig war, das zeigte sich deullich genug auf den: Abstieg. Tem Leutnant Trentini lief noch hente ein Schauer über den Leib, wenn er daran dachte.
Von einer Felswand, die sichi gegen das Auronzotat fast senkrecht in die Tiefe stürzt, flammten ein paar Büschel Alpenblumen ewswr. Und sie, kühn gemacht durch das Gefühl der ruhigen Sicherheit, des Geborgenseins bei den beiden Männern, kletterte lachend hinab, um sie zu pflücken. Vergebet summte der Klaus: das wären da ganz andere Berge als um Innsbruck. Achtgeben sollt sie. . . ßlber sie «klomm Mn und her zwischen den zerrissenen Schroffen, und er bewunderte ihren gesch'.neidigen Eidechsenkörper Und dachte nicht an Gefahr, bis sie plötzlich einen Angstruf mlsstieß. Ta hing das arme Ding zwischen Himmel und Erde und drückte sich bleich und zitternd an die Felswand, während unter ihren Füßen Steine abbröckelten und in dumpfem Auf- schlag in die Tiefe rollten, aus der es emporstieg tvie der eisige Hauch des Todes. „Festhalten, mir sesthalten!" schrie Trentini, und seine Zähne klapperten vor Angst um das blühende junge Leben dort mr der Klippe, das ihin anvertraUt War — aber der Klaus biß die Lippeu zufammen, lockerte den Strick, den er um die Mitte des Leib es trug, gab dem jmigen Mann «das eine Ende zu halten nnd kletterte die Wand bis zu dem jungen Mädchen hinab. Er seitte sie an, er stützte die zitternden Füße, sprach! ihr Mit zu tvie einem Kinde. Und Uach einer Viertelstunde legte er sie dem Gefährten schweigend rn die Arme, die sie fest, fest umschlossen// . .
„ . Heimweg zum Hotel gestaltete sich sehr schveigsam. Nur hemiliche Händedrücke nnd verträunite Blicke wurden gewechselt — wenn zwei Menschen gemeinsam durch Not und Gefahren gewandelt Mw, bedarf es keiner Worbe mehr, um sich zu verständigen. Ter KlauS ging wieder fünf Schritte rückwärts und rauchte seine
Pfeife, als wäre gar nich,ts «geschehen. Ulid als Herr Trentini ihm außer seinen fünf Kronen Führerlohn noch ein Goldstück in die Hand drücken wollte, wehrte er entrüstet ab. „Söll is doch mei Schuldigkeit — na, npj . . /i
Und er schwang seine dürren, «knietveichcu Beine und ließ nichts als eine gewaltig stinkende Tabakswolke zurück.
An der M endtafel, wo man die Blässe des Töchter che ns durch die ungewohnte Llnstrengung «erklärte, sprachen die beiden eben- falls kein Wort über den «Vorfall. «Aber drei Wochen später waren sie ein Brautpaar, wie es sicher in den ganzen T«olomiten kein glücklicheres gab. Und daß sich der Bräutigam als Italiener eutpuppen mußte, störte den Gang der Entivicklung von der Verlobung bis zur Hochzeit so wenig, wie dieselbe Tatsache vor dreißig Jahren das Fräulein Jnnertosfler gestört hatte, als sie mit hinein Welschen den Bund «fürs Leben schloß.
So war es gecommcu. Und «nun war die Annita seit mehr als zwei Jahren sein Weib, der Bambino hatte nächste Woche Geburtstag, und der Vater hockte auf dieser verfluchten Felsenklippe. Um in das Land hiueinznschließen, wo er damals so glücklich gewesen tvar.
Ter Leutnant zerdrückte einen Fluch zwischen den Lippen.
Ein Mann kam von der Seite gekrochen.
„Herr Leutnant!"
Ter Beppo. Ein kleiner wollhäaviger Venctianer, dessen Stolz es lvar, der wirkliche oder angebliche Abkömmling eines Sbirren W sein, wie sie die JUselrepnblik vor zweihundert Jahren in Sold nahm, damals, als die «Hälfte d'er Betvohner dafür bezahlt Würbe, um die andere Hälfte «zu überwachen.
Ter Bepfw erstattete seine Meldung. Drüben bei den Oesterreichern hatte ter Horchposten allerlei Berdächttges wahrgenvmmen. Stangen Und Stricke wurden an «den Rand der breiten Felsspalte geschleppt, welche die beiderseitigen Stellungen trenitte. Wahrscheinlich wollte der Feind in der Nacht ein Uni gehn ngsmanöver versuchen.
„Also gut aufpassen," sagte Trenttni, dem diese geivatt-. sarne Unterbrechung seiner Grübelei sehr willkommen war. Er vert-eilte seine Leute entsprechend und legte sich, als die Nacht kam, selbst an einer gefährlichen Stelle guf die Lauer. Beppo hockte neben ihm.
„Wenn du dich brav hältst, Kerl, kannst du dir heute eine Auszeichnung verdienen."
Beppo nickte stumm. Das Blut der Banditengeschlechter, denen er entstammte, rauschte in seinen Adern.
. Tie Nacht war still und «finster. Wie Ke tker mauern starrten die Berge empor. Kalt, gleichgülttg flimmerten hie Sterne, als wären sie müde der Greuel da unten, die sie sett zwei Jahren sch«aueii irnißten.
Ter Leutnant blickte nach'! dem Himmel. „Mitternacht vorüber. Heut kommen sie nicht mehr."
Aber Beppo schüttelte den Kopf. Seine .Augen starrten -in die Finsternis wie zwei Büchsenläufe.
Trüben am Felshang regte sich etwas. Ein Stern löste sich, kollerte abwärts, schilug dumpf aus in der schwarzen Tiefe.
Ter L«eutnant atmete schwer. Der harte Don weckte eine ferne Erinnerung, in ihm. So fvaren damals die Steine herabgeZollert unter den schmalen Füßen des Mädchens, dem der alte Führer das Leben gerettet hatte.
Und wieder Stille. Nur in seinen Schläfen hämmerte das Blut, als wollte es die >Adern sprengen.
Jetzt —^Ietzt kam's drüben hinter einem Felszacken hervor, ein dunkler schatten, nur durch die Bewegung erkennbar.
Ter Leutnant legte die Hand ans Beppos Schulter. Sie war schwer wie Blei.
„Erst dann schießen, bis ich dir's sage," flüsterte er heiser.
Beppo verfolgte mit angelegtem Lauf das langsame Vorrücken der Gestalt dort drüben. Jetzt mußte der Augenblick da sein. Ter Mann stand still und hob den Kopf wie ein sicherndes Wild. Ter Beppo hatte in seinem Leben noch kein so schönes Ziel gehabt.
Aber — was war das? Warum gab der Teuente nicht den Befchl, zu schießen? Warum blickte er so starr hinüber-, als sehe er ein Gespenst?
Ter Mann drehte sich nach rückwärts. Noch drei Minuten, und er war wieder hinter der Deckung des Felsens verschiivunden. Zuni Teufel, was hatte denn der Tenente?
Ach« was, er wird doch schießen, der Beppo, mag der Tenente machen, was er rvW./ . .
Und krachend geben die steinernen Wände in tausendfachem Widerhalls den Schuß zurück.
Ter Soldat drüben zuckt zusammen, neigt sich laugsam nach Vorn, meist mit den Händen in die Luft und stürzt, Kopf voraus, rn die Tiefe. Zehn Meter Wetter unten bleibt er mis einem F/elsband liegen, eine schwarze, formlose Masse. Ter Beppo zappest vor Vergnügen, Lo ein Treffer, cvrpo 6i bacco!
Und ohne auf deu Leutnant zu achten, steigt er den Felsen hinab. Er muß doch den Toten ordentlich ausplündern!
Ter wird keinem braven Italiener mehr was zu leide tut, der verfluchte Standschütz. der Brusttmmdc sickert hellrotes I Blnt. Ter Mund mit der gvoßen Hasens«charte ist halb offen und ! läßt gelbe Zähne sehen. Und die borstigen, grauen BartstopMn


