Ausgabe 
23.7.1917
 
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Montag, den 1 %. lufi

Die blonde Drossel

Roman von E. Fahrow.

(Fortsetzung.)

Frau Sebius hatte erst kommen müssen, damals im Sommer, und ihm mit dürren Worten auseinandersetzen, hast er noch recht gut selbst für sich sorgen könne und daß es seine Pflicht sei, Ruth loszulassen, damit diese endlich für ihr eigenes, besseres Fortkommen sorgen könne. Frau Seouls sollte auch selbstverständlich von dieser Verlobungsgeschichte nicht eher etwas erfahren, als bis sie vollendete Tatsache war.

Stockton war gar nicht so besonders erstaunt gewesen, als sich ihni gestern abend der junge Fremde genähert, sicy voigesnltt und gebeteii hatte, eine Stunde mit ihm wichtige Dinge besprechen zu dürfen. Dergleichen mochte doch die Klein­städtische, l Spießer verwundern ihn, August ^>tock- ton, nicht. c

Riethling war mit ihm, nachdem der Blerstammtlsch wie gewöhnlich zeitig sich aufgelöst hatte, in ein feines Wein- Wirtshaus gegangen, und dort, hinter einem guten Tropfen, war er mit der Sprache herausgerückt: Er kenne und liebe seine Tochter Ruth. Und ec wünsche über diese und noch an­dere wichtige Angelegenheiten mit Mr. Stockton am nächsten Tage Rücksprache zu halten. Ob er ihn vielleicht am Nach­mittag aussuchen förtue?

So war es gekommen. Und nun saß der gewinnende iüngc.Herr hier in seiner Werkstatt und zeigte so viel feines .Verständnis für alle die Pläne und Modelle, die bisher noch so wenig Anerkennung bei der undankbaren Mitwelt gefun- oeu hatten!

Ja, so ging es zu auf dem irdischen Planeten! Da plagt sich emer sein ganzes Leben lang und rennt der unbarm­herzigen Glücksgöttin nach, und nichts will gelingen: bis dann eines Tages plötzlich der Helle Sonnenschein durch die Trübseligkeit des Daseins bricht und alles möglich wird, was vorher unmöglich erschien.

Auch Riethling hatte philosophische Anwandlungen, während er mit scheinbarer Aufmerksamkeit den Hirngespin­sten des Alten lauschte. Er wußte sehr wohl, daß er ein ge­wagtes Spiel spielte. Aber wer nichts wagt, der nichts ge­winnt. Dieser Grundsatz war von jeher eines der Lieblings­bollwerke gewesen, hinter die er sich verschanzte, wenn er wieder einmal leichtsinnige Streiche vorhatte.

Er verhehlte sich nicht, daß die Mitteilung von einem Herzenshindernis bei Ruth etwas ganz Unerwartetes und eigentlich Erschreckendes für ihn enthalten hatte. Er erklärte sich jetzt in eitler Geschwindigkeit ihren Widerstand gegen seine steghafte Allgewalt, von der er mit einigen: Recht über­zeugt sein durste. Doch wer weiß, wenn der alte Mann es geschickt anfing, dann siegte doch vielleicht die Tochterliebe in ihr. Und dann Hurra, Heinz Riethling!

Sobald er der Verlobte Ruths war, daim hatte er aiuh bei gewissen Geldteilten ungenlessenen Kreoit. Er mußte

freilich in diesen: Falle indiskret sein und das Amtsgehenw- nis verletzen. Aber das Wasfer stand ihm b:s an den Hals! Das wußte niemand so genau wie er selbst.

Gelang der große Wurf, dann war alles gut, und (i hatte außerdem das Riesenglück, ein Mädchen zu gewinrM. das er heiß begehrte.

Mißlang er, dann ja was dann?

Darauf wußte Riethling vorläufig keine Antwort; aber das hatte ja auch noch eine Weile Zeit.

Noch lange saß er an diesem Abend bei Stockton und besprach die Einzelheiten desdiplomatischen Vorgehens", das man an: besten einzuschlagen hatte. Dann verabschiedete er sich mit Her Versicherung, daß seine Heimreise mm mcht läng ec aufgeschoben werden dürfe, und daß er in acht Tagen bis dahin sollte alles in Ordnung sein wieder erscheinen werde. Uebrigens aber sei er auf ein Telegramm hin selbst­verständlich zu jeder Stunde bereit, herzukommen. Er wolle inzwischen, wenn er nach seinem kurzen Urlaub wieder nach Berlin zurückgekehrt war, schon immer die geschäftlichen Schritte tun, um die erforderlichen Summen jederzeit flüssig bereit zu haben.

Sie hatten verabredet, daß Ruth nach Dortmund be­rufen. werde und durch persönliche Einwirkungen gefügig gemacht werden sollte.

Ueberstürzen Sie nichts," hatte Riethling iwch zum Abschied gesagt.Ich kann warten! Wenn Fräulein Ruth nur nicht direkt Nein sagt, will ich schon zufrieden sein und geduldig weiter harren."

Aber er wußte ganz gut, daß Stockton durchaus nicht gesonnen war, geduldig weiter zu warten!

Und darauf baute er seinen Plan. War es erst so weit, daß er dem süßen Mädchen mit der feurigen Beredsamkeit, die ihm zuweilen zu Gebote stand, seine Liebe erklären und daß er den süßen Mund ein einziges, erstes Mal küssen durste, dann würde er schon die leichte Rinde von Stolz und Wider­stand, die noch um ihr Herz lag, zum Schmelzen bringen!

So dachte Heinz Riethling.

Und wußte nicht, daß die blonde Drossel ein kern­deutsches Herz in der Brust trug, das stark und zäh war, auch wenn es leiden mußte. -

19. Kapitel.

Gibt es einen Zufall?" fragte sich auch Ruth inlmer aufs neue, als sie endlich, nach wochenlangem Warten, eine Feldpostkarte in der Hand hielt. Aber die Karte war nicht vor: Hermann, sondern von Therese. Sie erzählte von ihrer flüchtigen Begegnung mit Kürow und daß dieser leicht ver­wundet, jetzt jedoch wieder felddienstsähig sei.

Sie werden das alles ja von ihm selbst wissen," schloß sie ihre engbeschriebene Karte,denn nachdem nun Belgien völlig in unseren Händen ist, wird ja auch die Feldpost regel­mäßig funktionieren, und Sie werden ebenso oft von ihm hören, wie er von Ihnen. Ach, Ruth, der Kries ist wohl ein grausiges Geschehen! Aber da es die Götter zulassen, wollen wir Menschlein nichts dawider sagen. So grausig alles ist,