Miijwsck. Öen 21. Zun'r
Die blonde Drossel.
Roman von E. Fahrow.
(Fortsetzung.)
„Ich wollte nur nichts überstürzen, sonst habe ich gar keinen Grund, mich zu sträuben. Hermann. Wenn ich aber doch vorläufig noch angewiesen bin auf mich und meinen eigenen Erlverb, so must ich auch Rücksichten auf den Geschmack der Leute nehmen. Zum Beispiel fände ich viel schwerer eine Stellung als Gesellschafterin, wenn ich „verlobt"^ wäre.
„Was für eine Gesellschafterin sollst du denn sein? Ich meine, ist es nicht viel bequemer und freier für dich dort, wo du bist?"
„Ich eigne mich nicht so besonders dafür, glaube ich. Und es strengt merkwürdigerweise auch tüchtig an. Immerfort lächelli und liebenswürdig fein und so weiter. . . ."
„Und lnußt du das erst recht nicht in einem Privab- hause?"
„Nicht in dem besonderen Fall, von dem mir Fräulein Berber sprach. Es handelt sich um eine reizende, ältere Dame, von der mir Therese schon viel erzählt hat. Sie ist ganz anders als sonst die reichen Danlen, die eine Gesellschafterin halten. Frau tllrich heißt sie. Sie will mehr eine Haustochter als eine Fremde haben. Ich soll nun gerade so viel tun, Me zum Beispiel eine erwachsene Tochter tun würde. Und dann soll ich Musik machen - - das gefällt mir freilich besser als bei Frau Tribaldi dumme Solfeggien singen und mich dabei zieren."
„Zieren? Wieso?"
„Ach, da soll man den Mund s o und die Kehle s o auf- machen, und dann ans die Gaumensegel achten und auf die Mundwandlungen. Und Schwelltöne machen, als ob man ein Nebelhorn sei. Es tut mir schrecklich leid um Fränze Sebius, die ich so enttäuschen nrust. Doch will ich lieber einer Stockberlinerin im Silberhaar Volksliederchen Vorsingen, als mick) zu einer Koloraturmaschine ausbilden lassen."
Kürow sprang auf und nahm Ruths Kopf zwischen seine beiden Hände.
,/Süßes Herz, du bist entzückend. Ich sehe ja, daß du ganz ebensowenig Vorliebe für öffentliches Auftreten hast Wie ich! Und vorhin wiesest du mich ganz gehörig in meine „Schranken" zurück, als ich so etwas sagte."
„Nun, das ist auch etwas anderes. Ich würde eine Verfügung über meine Person eben nicht mögen. Daß ich selbst trotz meiner Abneigung auch auftreten würde, wenn es mir viel Geld einbrüchte, das ist doch selbstverständlich."
„Nein! Viel Geld zu verdienen, das soll und darf nie ein maßgebender Grund für deine Lebensführung fein! Denke doch, wie leicht das über alle Grenzen führen würde."
Ruth sah stolz und unnahbar aus, als sie versetzte:
„Man läßt sich weder über alle noch überhaupt über die selbstverständlichen Grenzen führen, wenn inan Charakter hat "
,Mun siehst du wieder ganz böse aus Ich menre es doch nicht schlimm, Ruthmädel." .
Da er seine große, feste Rechte über den Tisch reuhtr, schlug sie ein.
,/Du bist ja kein Philister, ich weiß es," sagte sie.
„Mein, bei allen Göttern. Doch soviel weiß ich, ich werde alles daran setzen, so schnell wie möglich unsere Bev- heiratung herbeizuführen, denn du sollst überhaupt nicht arbeiten, sondern nur dazu da sein, glücklich zu sein und glück lich zu machen."
Er war wieder aufgestanden, und plötzlich kniete er neben ihr, nahm ihre beiden Hände in seine eine und schaute mit unendlichem Ernst zu ihr auf.
„Ruth, meine Braut", sprach er bewegt, doch ohne Hef tigkeit, „ich habe noch niemals vor einer Frau gekniet, mtd ich weiß nicht, ob ich es jemals wieder tun werde. Aber ich will es dir einmal sagen, daß du mein Heiligstes auf der Welt bist, uild daß ich an dich glauben und zu dir aufschuuen will wie zu dem Besten in meinem Leben. Ich weiß, du kannst mich noch nicht w lieb haben wie ich dich. Aber versprich mir, daß du meine Liebe verstehen und sie Hochhalten willst."
Sie nestelte ihre Hände los und legte sic ihm um den Kops. Ihre Augen waren feucht, als sie lachte:
„Hermann, mein Boy, was sprichst du? Wenn ich dich nicht lieb hätte, würde ich dich nicht heiraten wollen, nicht wahr? Komm, sei zufrieden, auch wenn ich nicht ganz so zu dir bin, wie du es möchtest."
Ihr lieblicher Mund war so nahe dem seinen, als sie es sagte, daß er sich geschwind vorbeugte und sie küßte. Und dann sprang er auf, zog sie wieder von ihrem Sitz empor und rief:
„Zieh dich an, Liebchen, nnd komm mit mir ins Freie. Es ist zu eng hier in diesem Stübchen, und mich verlangt es, mit dir unter grünen Bäumen zu sein, wenn cs auch nur ein paar armselige Berliner Bäume sind."
Sie ließ sich nicht bitten, sondern griff flink nach ihrem
Hut.
Da klopfte es, und auf ihr Herein steckte Mr. Bost aus Philadelphia den Kopf herein.
„Oh, ich bitte Ihre Entschuldigung," rief er, mit seinen graublauen Murmelaugen höchst erstaunt den männlichen Besucher betrachtend. „Ich wollte Sie bloß erzählen, Fräu lein Stockton, daß etwas Schreckliches ist passiert ein Mord!"
„Treten Sie ein, Mr. Bost. Hier ist Herr Kürow, ein alter Freund von mir. Was für einen Mord meinen Sie?"
„Man hat den österreichischen Kraunprinzen und seine Frau tot gemacht. Alle zwei. Sie sind ganz tot. Ist das nicht furchtbar?"
„Mein Gott!" stammelte Ruth, die Hände faltend
Kürow ballte die Hände.
„Diese Schufte!" murmelte er. „Wo ist das geschehen?"
Jetzt reichte der Amerikaner das Extrablatt hin, das er


