Die Monde Drossel
Roman von E. F a h r o w.
(Fortsetzung.)
Doch als sie den Bater zu seinem seltenen Abendschoppen gehen sah, atmete sie auf. — Wie angenehm irnrren d-och ein paar Stunden zu Hause ohne den stets ansprnchs- vollen und nörgelnden Alten! . .
Sonderbar war der Gesaug, den sie anstimmte, wahrend sie emsig nähte. . _ , m f ..
Ein leises Tirilieren, das kerne eigentliche Melodie hatte und mehr an das Lied einer Drossel erinnerte als an eine Menschenstimme. .
Dalwi rollten die zarten Tone so rund und eilfertig »rus der lveißen Kehle, wie der- feinste Knnstgesang. Stakkati, Skalen nlid Triller^ und da,m wieder langgezogene, weiche und klagende Tönchen. — Bis plötzlich Ruth mit einem herzhaften Lachen den Kopf in den Nacken warf und
ausrief. ^
„Brava, brava! O, La Hella cantatrice! Die DroZel!
Sie sprach das Italienische prachtvoll aus, wie sie überhaupt ein nngeroähnliches Sprach- und Nachahnrungstalent besah. llitb nicht wenig erschrocken fuhr sie zusammen, als vor, der Tür her eine etwas scharfe Frauenstimme
^^„Nnn, spielst du wieder vor dir selbst ein bißck)en Theater, Kleine? Wo tvarst du deuil soeben? Wohl im Theater iw Mailand, das du so geiiarr ans deinen Büchern kennst?'
Eine hagere Dame mit knrzgeschnittenem Haar, Stehkragen iliid herrenniäßigein Jackett über einem fußfreieri Rock trat in den Lichtbereich der Lampe. .
„Wie bist du denn Herei„gekommen, Franziska?' fragte
Rilth erstaunt. . ^
„Durch die Tür, verehrte Drossel/' spöttelte die Besucherin, die ihre Häiide iiicht aiis den Iackentaschen genomulen hatte uiid setzt ans einen Stuhl sank. „Die Woh- nuugstiir war zwar geschlossen, aber mein Drücker hat )te geöffnet. — Laßt Euer Schloß ändern. — Da!"
Sie warf aus den Tisch einen Schlüssel, den Ruth ihr »nieder zuschob, während sie leicht errötete:
„Diesen Rat könnte ich dir wohl zuruckgeben, sprach sie. „Du wärst eher in der Lage zu solchen Ausgaben als ich. Uebrigens ist das doch ein merkwürdiger Zufall. Uni, daß du es gesehen hast, ist ebenso merkwürdig"
„Ich sehe altes, lvie du weißt."
Das kam kurz und bestimmt, aber ohne alle Eitelkeit heraus. Die sehr blauen Augen der noch jungen Frau blickten kühl und gewisserinaßen geschäftsmäßig in die Welt. Es war vielleicht richtig, daß sie „alles sahen", jedenfalls lag eine große Gelassenheit in dein klugen, blassen Gesicht, das scharf geschnitten imb der genaue Gegensatz zu dem von Ruth war. Franziska hatte jede Einzelheit hübsch und regelrnäßig. doch ließ das Ganze kalt. Bei Ruth hatte mm:
allerlei Unregelmäßigkeiten seststellen können; aber sie hatte das, was der Deutsche den Charme nennt.
Franziska sah sich um. „ ., ~ f .
„Dein liebes, gutes Väterchen ist unht zu Hause sagte sie befriedigt. „Ich sah ihn nämlich vorhin durch das Muster des blauen Lammes am Stammtisch sitzen. -Honst wäre ich and) nicht so lautlos tvie der böse Geist hereurgekomnien.
Ruth lächelte schon wieder.
„Es gibt auch gute Geister, die lautlos kommen?
sagte,s^e^, ^ höchst selten! Die — andern sind schneller
zu haben, kommen auch ungebeten. Die guten nie. Die mutz man haben wollen!" - __
„Nun. jedenfalls bist bu ein guter, Franziska, wenn and) nicht mein guter Geist! Denn mich stachelst du immer nur zu Revolten ans ..." _ t ^ ,
„Die stets resultatlos im Sande verlaufen! Ja, ra, ich weiß! Denn du bist so schauderhaft so „echt weiblich , daß dir nid)t wohl ist, wenn du dich nicht ausopfern kannst! — Und so hockst du Jahr für Jahr weiter hier m der Thranner deiner Stellmrg und der noch schlimmeren deines Vaters, anstatt meinenl Rat zu folgen und deine Prachtkehle zu Gold
«» machen. ^ Franziska! Sei doch vernünftig!"
„Kann ich nicht! Verlangst du Reben vom Dornbusch? Oder waren es Feigen? — Vernünftig bist lad u über dre Maßen, dazu brauchst du mich nicht. Mich, die geschiedene Frau eines Ungtücksiourms, der davonlief, aus Angst von meiner allzu unweiblichen Energie!" - t
Franziska machte hierbei ein so untvideKehlich komisches Gesicht, daß Ruth schnell auslachte. — Sie stand auf und küßte die Freundin auf die Stirn, was diese kopfschüttelnd wieder „wegwischte". , ^ r . . ^ . .
„Du lieb's Schwatzerche!" rief Ruth in der Mundart der Stadt. „Wenn man dir glauben wollte, was du Lchl<A- tes über dich sagst? — Dein Mann war ein abenteuerlustv aer Briider Leichtsinn, der zweimal Bankerott machte, zwei- inal von dir gerettet wurde und das drittemal nach dem Bankrott das .Hasenpanier ergriff, weil das — das äller- bequemfte war. S o war's und nicht anders.
, Bequem war es vor allem für mich!" versicherte Franziska ernsthaft. „Kannst es glauben! Denn nun konnte ich doch wenigstens daS Geschäft oh ne meines teuren Alfreds Drem- reden tveitersichren! — Ich erüffnete es zum dritten Male, und — siehe da — meine Glas- und Porzellanware,i gingen endlich flott. Und nunmehr wachse, blühe und gedeihe ich und werde bald ein gemachter Mann sein — gemachte Frauen gibt es ja nicht. — Nein — behalte nur den Korndorschlussel, ich kam ja eigentlich nur her, um ihn dir zu übergeben Denn natürlich habe ich mein Schloß schon ändern lassen.
„Sieh an! Ich danke dir vielmals. — Hier, Franze, probiere mal dieses Getränk. Selbstgekelterten Johannisbeer- wein! Auf dein weiteres Fortkommen!"
„Nein", rief Franziska Sebius aus, „vielmehr auf dem


