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trächitlich kleineren Mann und schüttelte ihm mit eurer zugleich gemütlichen uttb burschikosen Bewegung bte Hand.
Er zog die seine mißmutig zurück.
„Ich wollte noch mit dir reden," sagte er. „Frau Ulrich ist ebenfalls der Meinung . .
„Frau Ulrichs Meinung in allen Ehren. Onkel — ich verehre ja die Wackre ernstlich und ausgiebig / aber \it soll mir in meinen Kram nickst hineinreden. Ja, wenn ste noch eine Erbtante wäre! Mer solch einen Artikel gibt es ;a nicht in unserer Familie." ^ ^ .
Ich dachte," erwiderte er, und diesmal war die^ronrc auf seiner Seite, „daß du nur Wert auf Selbsterworbenes legst?"
„Falsch, grundfalsch!" rief sie, schon an der Tür. „Ich mache allerdings meine Menschenschätzung nicht von dem kaufmännischen, sondern von den: inneren Werte der Persönlichkeit abhängig. Und bei allen greisbaren Dingen ist es mir gleichgültig, ob sie kostbar sind, wenn ste mir nur gefallen. Leichter aber wird einem das Leben mit einigen Kassenscheinen iit der Tasche. Und deshalb tut es mir leid, daß ich nicht so ein kleirws Erbtantchen irgendwo in Aussicht habe. Du selbst, du hast deine Erben! Und denen gönne ich's! Mieu, adieu!"
Ihre angenehme Stimme verklang schon auf der Treppe, und Berber blieb allein.
Doch nicht auf lange. Er nahm flüchtig das kalte Abendessen zu sich, das ihm seine Wirtschafterin hingesetzt hatte, und ging dann zu seinem Stammtisch im Gerstenkeller.
Dort traf er eine gutgemischte Gesellschaft, und unter andern auch den Polizeileutnant von seinem Revier. Den wollte er um Rat fragen, wie er am besten nach dem verschollenen August Stock forschen konnte. Das lvar praktisch und kostete zunächst nichts. Und dann konnte er mit dem Stadtrat Kestler über seine „Erben" reden, die Therese erwähnt hatte. Das waren die blinden Kinder des' ärmsten Mertels der Stadt.
3. Kapitel.
Zur selben Zeit saß in einer westfälischen Industriestadt der Mann, den Frau Ulrich so eifrig suchen ließ, ebenfalls an einem Stammtisch.
Er nannte sich aber nicht Stock, sondern Stockton, weil er durchaus als Amerikaner gelten wollte. Auch war es nicht „sein" Stammtisch, denn Mister Stockton hatte weder kleinbürgerliche Gewohnheiten noch das kleinbürgerliche Kleingeld, das hierzu gehörte. Er war nur ein gelegentliche r, doch wohlbekannter Gast in der trinkfesten Runde, über die er sich im Grunde erhaben fühlte; es war aber stets ein besondrerer Anlaß, der itju hersührte.
Die Welt pflegte den jeweilige:: Anlaß sehr bald von ihn: zu erfahren. Und auch heute hatte er sein Glas Bier erst halb geleert, als er die buschigen, weißen Augenbrauen über den unruhig umher fahrenden, dunklen Augen emporzog und, ganz ohne Rücksicht ans das eben hochflutendh Gespräch über eine:: möglichen Krieg, laut ausrief:
„Diesmal, meine Herren, habe ich's!" -
Die Stadträte, Fabrikherren und sonstigen AMvesen- den sahen ihn mit offenbarer Belustigung an.
„Ra, was ist's diesmal, Herr Stockton?" fragte jo- marib. „Doch nicht etwa ein Aeroplan?"
Die hagere, lange Gestalt des Gefragten reckte sich verächtlich, und die Nasenflügel in seinem nicht unbedeutenden, aber durch einen Zug von Hochmut und Eitelkeit entstellten Gesicht weiteten sich.
„Aeroplan?" fauchte er. „Nein, meine Herren? Auf einem so überfüllten Gebiete betätige ich mich nicht inehr. Das tat ich damals, als ich in Wiseonnty ansässig war, und als noch kein Mensch an Zeppelin und die andern dachte. Damals allerdings habe :ch einen Selbstflieger erfunden, der ganz großartig war *— kleines Modell allerdings', nur für zwei Personen — ungefähr so groß wie ein Dogcart — funktionierte im Modell tadellos — ich wurde aber betrogen — mein Kompagnon stahl mir die Idee,, ging mit meinem Geld und meiner Maschine nach Europa 'uno verschwand dort auf Nimmerwiedersehen . . ."
„Ja ja," unterbrach ihn ungeduldig der Apotheker, der selber gern redete, „das kennen wir ja! Was haben Sie denn nun diesmal erfunden? Einen Lebens'eliricr vielleicht ?"
„Gott bewahre — damit würde ich Sie ja um Ihr Brot
bringen, und das wäre doch ewig schade!" erwiderte Stockton schlagfertig. „Nein, es handelt sich um einen Riesenartikel. Etwas, was der gesamten Eisenindustrie einen Schlag versetzen wird!"
„Hoffentlich keinen tödlichen?" fragte der Gr^den- besitzer Wecker gelassen.
Stockton hätte gern wieder etwas Scharfes erwidert, denn darauf verstand er sich. Mer Wecker war der Brot-- Herr seiner einzigen Tochter, die Stenographin und Maschinenschreiberin dort war. So beherrschte er sich und antwortete zwar etwas steif aber doch artig:
„Nicht gerade das, Herr Wecker. Mer was würden Sie sagen, wenn plötzlich Eisenbahnräder nicht mehr aus Eisen gemacht würden?"
„Aus was denn sonst?" fragten drei Stimmen zugleich. Und dies war der große Moment des Mends, um dessentwillen Stockton eigentlich hergekommen war.
Er lächelte fein, kaum bemerkbar — dieses Lächeln kannte man an ihni —, dann trank er sein Glas auch wischte sich umständlich den Schnurrbart und kostete dabei mit Genuß die Sp annung der Umsitz enden airs. Worauf er endlich mit diplomatischer Betonung sprach:
„Das, meine Herren, — das ist natürlich mein Geheimnis !"
„Ach so! — Na ja! Das dachte ich mir!" ertönte es ringsum. Und mit einer Miene der Nachsicht, die eigentlich beleidigender als Worte war, ging der Llpotheker nunmehr zur Tagesordnung über:
„Also dieser leider wohl unvermeidliche Krieg, meine Herren..."
Stockton war anscheinend in tiefe Gedanken versunken und hörte nicht auf die ihn umschwircende Kannegießerei.
Auch achtete niemand mehr auf ihn bis auf einen ungewöhnlich großen, blondbärtigen Mann, der mit einer gewissen Aengstlichkeit bisher Stockton in: Auge behalten hatte und sich jetzt zu ihn: über die Tischdecke bog:
„Sie hätten nichts sagen sollen, Herr Stockton! Zwar kann ich es diesmal und von diesen Zuhörern nicht glauben, aber — wie oft sind Sie schon betrogen worden!"
„Ja, ja, ich habe auch gar nichts gesagt!" wehrte ihn der andere etwas herablassend ab. „Lassen Sie mich nur Nachdenken, Kürow."
Der blonde Riese schwieg bescheiden und tat, als ob er eifrig tränke.
In Wahrheit war er nur hier, um aus Stockton anf- zupassen, dessen Verschrobenheiten er nur zu gut kannte, und den er vor Unannehmlichkeiten schützen wollte.
Er tat dies freilich nicht dem untiebenswürdigen und selbstsüchtigen Alten zuliebe, sondern dessen Tochter Ruth, der er noch viel mehr zuliebe getan hätte, wenn es ihm gestattet gewesen wäre.
Unterdessen befand sich Ruth still zu Hause und arbeitete noch für den Vater, den sie ganz allein, schon seit Fahren unterhielt.
Die Wohnung, die sich in der billigen Vorstadt befand, war sehr bescheiden, aber sie besaß die traditionellen blanken Fensterscheiben und blütenweißen Gardinen davor. —-
Hier saß Ruth in der Wohnstube am Tisch und besserte Wäsche aus, wobei sie leise sang.
Ihr schmaler Kopf mit dem reichen Haar war tief herabgebengt, so daß das Licht der Lampe voll auf ihren Scheitel fiel. So war gerade Ruths größte Schönheit in das vorteilhafteste Licht gesetzt, diese, wie hellstes Gold jchim- mernden Wellen, welche, wie vom raffiniertesten Friseur gebildet ihren Kopf umgaben n::d in einem schweren Flechtennest über dem Nacken endete::.
lÄne milchweiße .Haut mit zartein Inkarnat war Ruth Stocktons zweite Schönheit; und die dritte waren die unendlich gütigen, staylgrauen, von dunklen Wimpern umrahmten Augen.
„Damit ist's aber auch ans!" Pflegte Ruth osfenherzig in: Kreise der jungen Mädchen zu sage::, die zuweilen das eigene Aussehen znnr Gesprächsthema machten. „Mit weiterem kann ich nicht auswarten! In meinen: Steckbrief müßte stehen: Nase und Mund gewöhnlich."
Sie tat sich vielleicht unrecht mit dieser Kritik. Es gab Leute, die diesen durchaus nicht kleinen Mund mit den festen weißen Zähnen sehr reizvoll fanden; und die Stousche Familiennase mit einem deutlichen, germanischen Höcker lvar auch nicht übel. — Doch tag die starke Anziehung, die von Ruth ausging, nicht in einzelnen Zügen, foitbcru in der


