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Ernst August knirschte mit den Zähnen, alö er ber| Schaden überschlua. An: liebsten hätte er aus Rache das ganze Dorf »ngezundet. Aber er war still, als er m das erste Zimmer seitwärts vom Mur kam Die Feilster standen noch offen darin. Der Wind blies hinein und zerrte an einem großen, weißen Laken, daS über zwei zusammen geschobenen Tischen ausgebreitet war. Er hob das Laken auf. Drei Tote deckle es. Dta lag, mitten durch die Stirn geschossen, Johann Kohalyn, der als erster durch das noch rmmer offene Fenster hatte eindringen wollen. Er hatte im Tode ein wildes, verbissenes Gefielst. Neben ihm lag ein Fornal — niemand wußte, wer ihn getroffen. Der dritte stillgewordene Mann, dessen Anblick den Offizier am meisten erschütterte, war Jan Hebda, der verrückte Schulmeister. Der mit wilder Wut und W-uckst geführte Säbelhieb hatte den Schädel zer- klasft. Jan Hebda nmßte sofort tot gewesen sein. Ein triumphierendes Siegesläclstln lag noch auf feinem Antlitz. Nun schlief der arme stLarr den ewigen Schlaf.
Ernst August war blaß, als er das Laken langsajnr zurückfallen ließ. •—
Den ganzen Tag nahmen die behördlichen Aufnahmen in Anspruch. Dann zogen Schlosser, Tischler, Glaser, Maurer tot Nasgora ein. Den ganzen Tag wurde gepocht, gehämmert, gekalkt und gekittet. Das Vieh ward eingetrieben, die halbverhungerten Pferde, die sich beim Brande losgerissen hatten, wurden in der Umgebung gefangen. Aber manch wertvolles Stück fehlte.
Durch Versicherung war der grüßte Teil des Schadeits gedeckt. Aber es konnte lange dauern, ehe die niedergeb rankten Ställe wieder aufgebaut waren. Bis dahin wurde das Vieh, so gut es ging, bei den Bauern untergebracht. Die Dragoner zogen zum größten Teil wieder ab. Auch Versen mußte Abschied nehmen. Ernst August blieb mit ein paar Mann, die tapfer helfen mußten, in Nasgora zurück. Neben Beter Wrobletvski sollte daS Dorf noch einen berittenen Gendarmen erhalten.
Schon am Tage nach dem Aufruhr war das Gerücht verbreitet gewesen, daß der Graf Rutkowski hier seine Hand im Spiele gehabt habe. Es erhielt immer festere Form. Der Nachricht, daß er aus Muchocin verschwunden sei, folgte die andere, daß ein großer Teil der umwohnenden Edelleu.de, die jüngeren besonders, gleichfalls auf und davon seien. Nicht lange darauf wurden Exemplare des Aufrufs beschlagnahmt, der tn der Provinz verbreitet werden sollte und vielleicht in vielen Tausenden schon verbreitet war. Auch Muchociner Leute, Bartek Zychod voran, waren bei dem Zerswrungswerk gesehen worden.
Hanna von Graß nick hörte diese Gerüchte. Sie glaubte sie nicht, wollte sie nicht glauben. Sie hatte schon so genug mit sich zu tun. Gs war ihr immer, als müsse sie Schrch suchen — vor wein, wußte sie selbst nicht. Sie war nur ruhig, wenn Versen bei ihr war. Und der hatte abziehen müssen. Ihr ganzes Wesen sehnte sich nach ihm. Der eine
K rchtbare Tag hatte ihr gezeigt, daß auch sie nur ein »waches Weib war, das Schutz brauchte und beaehrte.
Ein Erlebnis am Morgen nach dem Brande hatte sie noch hilfloser und erregter gemacht. Wie sie's gewöhnt war, hatte sie geklingelt. Dann hatte sie die Vorhänge zurück-
! gestreift uird sah in den Park. Da ging die Tür und schloß ich wieder, aber kein Gruß wurde hörbar. Verwundert achte sie sich um. Doch in jähein Schreck driickte sie sich gegen bas Fensterbrett. Kascha Kaczmarek ftaitb vor ihr.
Sie hatte niemand anders erwartet, aber der Ailblick erschreckte sie. Das Mädchen sah seltsam aus. Beinahe alt und erschöpft. Die Augen lageü in tiefen Ringen, das ganze Gesicht machte einen grauen, übernächtigen Eindruck. Sre hatte gewiß nicht geschlafeii. Eine Strähne des lvirrgeworde- nen Haares hing herunter und loar ihr übers Ohr gefallen. Einen tückischen, schielenden Blick warf sie auf die Herrin. Die kleinen, tiefliegenden Augen wurden lebendig, die vollen Lippen waren zusammengekniffeii. Ein verbissener Zug spielte darum.
Die Baroneß bezwang, sich.
„Das Frisierzeug, Kasckra!"
Keine Antwort, keine Bewegung. Das Mädchen riihrte sich nicht von der Stelle.
„Hat dir der Schreck von gestern die Sprache, geraubt, Wildkatz? Unmöglich wär's nichts Lieber tot, als so was noch einmal erleben!"
Ein kurzes, kranipfhastes Lachen. Immer mehr Leben kam in die Augen.
„War's nicht schön, Euer Gnaden? Hoi, früher, mein Leben hätte ich drum gelassen, fo mit Juschu allein — aus, der Leiter hat er das Püppchen schon umfaßt, hat das Püpp- chen vor Wonne die Augen verdreht, glaube ich, glaube rch, mein Püppchen! Ich jedoch bekam einen Stoß vor die Brust; der tut mir noch im Himmel weh."
Ihre Augen irrten scheu nach dem Fenster, als sollte der Krüppel dort auf der Leiter erscheinen. Dann blieben sie mit glühendem Ausdruck auf Hamra haften.
„Kascha, tvas redest du da?"
Es war inehr Staunen und Entsetzen in dem Ton der Worte, als Empörung.
„Was ich rede, Euer Gnaden? Rede ich denn? Ich lache, hört nur, ich lache schon die ganze Nacht, und lache immer weiter! Hu! Wie schossen gestern die Flammen! Anders als im Ofen? Hussa, he, faßt an, Flämmchen, es! prasselt, das Feuer ist ftei geworden, Püppchen, und brennt alles nieder, mich und dich! Es brennt ohne Aushören! Ich aber soll frisieren." Sie starrte die Baroneß am Der war es unheimlich. Mit zitterndem Herzen, aber scheinbar ruhig und entschlossen, wollte sie achselzuckend an der Dienerin vorbei- gehen. Kascha Kaczmarek jedoch vertrat ihr den Weg.
„Laß mich hinaus!"
Immer wilder flackerten die Augen des Mädchens.
„Laß mich hinaus!" murmelte sie nachplappernd. „Wen soll ich denn hinauslassen? Euch, Euer Gnaden?"
Und plötzlich aufschreiend in Haß, Hohn, Wut: „Damit Ihr zu Juschu Laskowicz geht! Ei, Püppchen, was Ihr schlau fetb! Habt Ihr nicht gesagt, Ihr wollt mit ihm sprechen? Habt's getan, Euer Gnaden! Der Teufel mög's Euch segnen. Hu, Wad habt Ihr Feines von mir gesprochen! Verhext habt Ihr ihn; sein Herz habt Ihr gestohlen, daß er nur noch Euch fleht. Wer hat mit ihm gespielt, als er klein war? Ihr oder rch? Ich, ich, ich! Wer hat die Nächte gelegen und sich gesehnt nach ihm urrd ist ihm nachgelaufen wie ern Hund? Ihr oder ich? Ich, ich, ich! Und mrch stößt er in Doid urrd Feuer. Hussa, wie die Flammen brennen! Euch aber rettet er; Euch trügt er aus seinen Armen; Euren Mund küßt!er!Zum Krüppel habt Jnr ihn gefahren, zum Narren habt Ihr ihn gemacht! Um Euretwillen wird er sterben. Und was bleibt mir? Nicht ein Blick fürs ganze Leben, nicht ein Wort, nicht ein ..."
Wie gelähmt hatte Hanna von Graßnick dagestanden. Das Blut schoß ihr zu Kopfe. Einen Augenblick reckte sie sich wieder auf, in der alten Sicherheit und Herrenrrche. Sie streckte den Arm aus: „Fort von hier!"
Aber wie ein wildes Tiet warf sich Kascha Kaczmarek ihr entgegen. Die Lippen waren jetzt offen, die weißen Zähne, Katzenzähne, blinkten dazwischen.
Mit letzter Kraft versetzte die Baroneß der Schreienden einen Stoß gegen die Schulter, um au ihr vorüber zu^ Tür zu kommen.
„Stoß' zu, Püppchen! Wie Juschu Laskowicz stoßen kannst du nicht! Gestern an der Leiter, weißt du noch?"
Wie Raserei schien es über sie zu kommen.
„Eia, Juschu Laskowicz, küss' dein Schätzchen! Paß auf, was ich mit deinem Schätzchen mache! Schrer' nur, Püppchen: wie weich dein Hals ist! Hat er den Hals geküßt, der Juschu?"
In Todesangst rief Hanna von Graßnick um Hilfe. Denn in grenzenloser Wut war das Mädchen gegen sie ange- sprungen und wollte ihren Hals packen. Da gelang es ihr, noch im letzten Augenblick die Tür zu gewinnerr.
(Fortsetzung solgr.)
Munition und deutsche Wissenschaft.
Von B e r n h a r d F r e i.
Zu einem modernen Kriege sind nicht nur iveit größere Geldmittel und größere Menschenmassen erforderlich als ehemals, sondern auch Mnnitionsmengen, von denen man sich in früheren Kriegen nichts hat träumen lassen. Nachdem Englaird uns seit Kriegsbeginn die Zufuhr über See abgeschuitten hat, war es ftir uns eine Lebensfrage, ob wir die -ur Fabrikation von Pulver nötigen Stoffe im Lande selbst gewinnen könnten.
llitfer Pulver ist nicht mehr das alte Schwarzpulver, das aus Holzkohle, Schwefel und Salpeter bestaub, viel Rauch gab und mit seinem Verbrennnngsrückstande die Geschütze verschmierte. Viel- inehr benutzen wir jetzt ein rauchloses Pulver von ganz anderer Zusammensetzung, das ohne Hinterlassung von Rückstand verbrennt. In ihrer Zusammensetzung sind sich das alte und das neue Pulver insofern äbnlich, als sich beide vorn Salpeter Merten. Nur ent- halten die modernen Pulver (ebenso w«ie jeder Sprengstoff, z. B. das Dynamit) beit Salpeter nicht mehr als zugemischtcn Bestand-


