Ausgabe 
31.1.1917
 
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Juschu, Lahmer, bist auch da? Recht so, alle machen mit, alle! Nimm das Kienholz, schlagt sie tot, die Ketzer! O, heilige Jungfrau, was für ein Tag!" ' -

Aber plötzlich hatten oie Finger des Krüppels seinen Arm umspannt. i

Wo ist das Fräulein?" Meß er heiser hervor.Bei den Heiligen, wo habt ihr sie?"

Die Pank?" Ein lautes, wieherndes Lachen.Füchschen, Füchschen, du hast Appetit auf Hühnerfleisch, auf etwas Zartes! Seht einer den Juschu Laskowicz!"

Er riß sich los. Der Schweiß starrd dem Kriippel auf der Stirn. Der schwere Rauch bedrückte ihn. Gin krampf­hafter Husten erschütterte seine kranke Brust. Aber er preßte die Hand fest dagegen. Nur jetzt nicht schwach werden! Nur jetzt nicht, wo alles auf dem Spiele stand. i

Fast taumelnd schritt er vorwärts.

Wo batte er nicht überall schon gesucht! Bartek Zychod Mit den drei verwegenen Burschen hatte ihm den Weg ge­wiesen. Er hatte bald heraus, daß sie gleich ihm nur ei^ Ziel vor Augen hatten: die Baroneß zu finden. Und in' Todesangst, sie könnte ihnen in die Hände fallen, war er ihnen nachgestürzt. Vergebens. Es war nur eine Möglichkett: sie mußte oben sein, in einem Zimmer, dessen Zugang der alte Baron noch verteidigte.

Das sah auch Bartek Zychod mtt seinen drei Helfern ein. Sie kämpften droben jetzt neben dem Schmied. Wie lange noch, und der Baron war überwältigt. Dann war auch Kanna verloren, die wunderschöne Königstochter.

Wie ein Irrsinniger war Jaschu nach dräußen. gestürzt, auf den rauchigen Hof. Da gab ein neuer Gedanke ihm ne\h Kraft. An den langsam in Brand geratenen Ställen vorbei stürzte er zum Eingang des Parkes. Die Pforte war offen. Roch war niemand hierher ge kommen. Hier gab es ja auch nichts zu suchen. Er raffte ein paar Hände voll Sand! auf und warf sie aufs Geratewohl an ein Fenster. Nichts rührte sich. Bald rieselten die feinen Korner von den Scheiben eines zweiten Fensters ab. Wieder nichts. Gin Steinchen flog gegen das dritte.

Da, fast hätte er aufgeschrien, spähte einen Augenblick ein angstverzerrtes Gesicht durch die Scheiden: Kascha Kacz- marek! Wo Kascha Kaczmarek war, konnte Hanna von Graß- rrick nicht weit sein. Er rief, winkte.

Leise ward das Fenster geöffnet.

,,Juschu, Liebling, rette mich! Denk an früher, wir spielten zusammen!"

Ja, ja, ist das Fräulein ba?"

Statt aller Antwort zog Kascha Kaczmarek die Herrin wrs Fenster. Sie war totenbleich, aber entschlosseir. Der Krüppel zitterte.

Ich hol' die Leiter, nur eine Minute noch!" Wie ge­hetzt eilte archapion, er schien nicht mehr lahm zu sein, so flink und leicht sprangen die Füße. Und durch den Rauch, den er sognete, weil er ihn verbarg, schleppte er wirklich nach kurzem Suchen eine hohe Leiter heran.

Er lehnte sie gegen die Wand. Gottlob, sie reichte zum Fenster. Im yttr war er oben Kascha Kaczmarek riß die Riegel fort. Ein sonderbarer Anblick bot sich chm. Auf der Erde knieten die Weiber, betend, die Perlen des Rosenkranzes abzählend, als sei das Errde der Welt gekommen. Viele patten den Kopf in die Schürzen gesteckt, als wollten sie ruchts sehen und hören. Nur Hanna von Graßnick, deren Rechte krampfhaft einen Revolver umspannte, und Kascha Kaczmarek standen aufrecht. Immer näher dröhnte der Kampf. Der Schmied und die Seinen mußten auch in das letzte Zimmer gedrungen sein, in das die Belagerten sich gefluchtet hatten.

Rettung!" jauchzte Kascha Kaczmarek. Sie wollte die Letter besteigen.Hilf mir, Juschn!"

Aber während sein blasses Gesicht noch um einen Schein blauer ward, streß er sie jäh zurück. Sie schrie auf. Schon ^ber hatte er, halb am Fensterkreuz hängend, Hanna von Graßnrck gepackt.

Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, vorwärts."

Mit übermenschlicher Anstrengung hob er, der^Schwäch- nng, sie hrnaus. Alle Kraft schien sie plötzlich verlassen zu haben.Festhalten!" keuchte er. Er trug sie nach unten.

Die letzte Sprosse war erreicht.

Da schlug ein wilder Schrei an sein Ohr, ein Schrei töd­lichsten Hasses. Kascha Kaczmarek stand im Fenster und starrte hrnab.

Mit einem Rück hätte er die LeftLL. umgerissenSie verrät uns! Vorwärts, so schnell Sie könüÄr!"

Er riß sie fort in den Park hinein. Ob sie wollte oder nicht, der Krüppel hatte sie am Handgelenk gepackt und jagte

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Juschu sie nicht aüfgefangen hätte.

Vorwärts, Euer Gnaden, vorwärts!" rief er in Ver­zweiflung. Sie hatte sich bpn Fuß verstaucht. Er achtete es nicht. Die leise Wimmernde zog er zu der kleinen Pforte, die in die Parkmauer eingelassen war. Ein Fluch, sie war ver­schlossen.

Ratlos, mit keuchender Brustz. stand er da. Dann flog ein Leuchten über sein Gesicht: er fühlte das Stemmzeug in der Tasche. Mit aller Gewalt brach er die morsche Tür auf. Jetzt nur noch der Sturzacker, dann kam der Wald, und im Walde war Sicherheit.

Er selbst sah, daß es die höchste Zeit war. Hatte bisher der dicke Oüalnr die Flucht begünstigt, so schlugen jetzt oie Flammen, die endlichen Sreger, hoch empor und beleuchteten hell die Umgebung. Funkengarben sprühten über den Hof, knisternd sftegen Feuersäulen auf und zerteilter: sich oben in rotlohende Zungen, die wieder zurückschlugen und sich ver­einigten^ und wild rasten ein paar losgekoppelte Gäule zwischen den brennenden Ställen und der: brennenden Wirt­schaftsgebäuden hin und her.

Noch einmal nahm Hanna alle Kräfte zusammen: bis zur Hälfte des Sturzackers kam sie noch. Dann sank sie zrr- sgnrmen:Laß mich hier, ich kann nicht!"

Er'riß ftk auf. Wie leblos hing der Körper in seinen Armen. Sie wack ohlUPlchtig. Die Todesnot der letzten Stunde, die jähe Flucht, der Anblük der in Flammen stehen­den Gebäude hatten sie erschöpft und niebevgxUMsen.

Juschu Laskowicz nahm sie in seine Arme. Fkev^r-, schauer durchjagten seinen Körper. Alle .Glieder zitterten chm. Heiß und wild rollte das Blut durch seine Adern. Seine Brust, o, ^sie tat nicht weh, sie dürfte nicht weh tun. Erst wenn er rm Walde war. Dann mochte sein, was wollte, dann war alles gleich. Und Schritt für Schritt keuchte er mtt seiner Last vorwärts. Er betete dazwischen:Herr Jesus, verlaß mich nicht! Heilige Jungfrau, stärke du meine Kräfte!" Immer näher kam der Wald, aber schon ward sein Gang auch taumelnder. Immer wieder raffte er sich auf. Er trug sie zum Leben, er trug sich zum Tode. Er, der Krüppel, der ärmste Bettler, trug die wurrderschöne Königstochter in sein Schloß, in baä Schloß des Waldes.

Noch immer hielten Wladimir Rybschynski, Napoleon Rutkowski und Kasimir Rzonka unweit der Chaussee auf der klernen Anhöhe, von der sie den Hof überschauen konnten. Wladimir Rybsczynski murmelte Gebete, aber seine Aug/ir waren halb verzückt aus die Flammen gerichtet, die drücken die Gebäude verheerten.

Die Himmel jubilieren, und die Teufel wagen dem Ketzer nicht beizustehen. Röstet ihn, Flammen, schlagt auf, verzehrt ihn und seine Sippe und alle, die den rechten Glauben höhnen und verachten!"

Ein Widerschein des verzehrenden Feuers stand in fernen Augen. Kasimir Rzonka, der gleichmütig bislang auf das Schauspiel gestarrt, das ihn nicht werter zu interessieren schien, lächelte ironisch und beugte sich zu Napoleon Rnt- kowskr vor. t

Es leben Menschen a,is allen Jahrhunderten auf der Welt" flüsterte er ihm zu. ,Kerr von Rybsczynski stainmt aus dem fünfzehnten, und Torquemada war sein Lehrer Schade, daß die Inquisition beseitigt ist."

Der Graf hatte kaum zugehört. Unruhig sah er hinüber Wo nur Bartek Zychod blieb? Und die drei Burschen?

Er zitterte, solvie er nur daran dachte, daß sie allein ohne Hanna zurückkehren könnten, daß alles umsonst war.

Plötzlich spornte Kasimir Rzonka sein Roß an irnd aa- loppierte näher an die Chaussee. Man konnte sie nicht weit hrnabsehen. Es war schon dämmerig. Vorgebeugt lauschte er Dann schüttelte er den Kopf. Aber von neuern beugte er sich nieder. ^

Mit eineimital lvarf er den Gaul herunr urch jagte zurück zu den beiden anderen.

(Fortsetzung folgt.)