Ausgabe 
20.1.1917
 
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Maussee mttnbet. ffiorl erwarten Wir Botschaft, wie es im Dorfe steht. Abgemacht?"

!Hm warum gerade um drei?- I iWeil wir den Leuten nicht nur Zert lassen müssen, sich in der Schenke auszureaen, sondern auch die Dämmerung de- Wintertages zum späteren Grenzübergang brauchen. Äm Tage können die Truppen, falls sie wirklich benachrich­tigt werden, uns leichter verfolgen."

Und wieviel Mann bringt jeder mit?"

'Wenig nur. Eine Handvoll. Aber eine Handvoll aller­getreuester, die sich schon früher unter die Dörfler mlschen und im Krug Stimmung machen können. Die anderen gehen direkt über die Grenze. Es darf nicht aufsallen."

Kasimir Rzonka hatte aufmerksam zugehört, ausmerk- samer fast als Gras Napoleon. Er brachte noch einige Ein­zelheiten zur Sprache. Und er verbeugte sich sehr respektvoll, als Wladimir Rybsczynski sich verabschiedete. Dann wandte er sich schweigend wieder oer Proklamation zu. Der Graf schellte. Bartel Zychod erschien.

Du wirst sofort nach Nasgora ausbrechen. Aber ich wünsche nicht, daß du dich dort viel sehen läßt. Geh' itt die Schmiede; dort findest du Michael Laskowicz, den Schmied. Sage ihm, er solle an sein Versprechen denken, das er mir gab, als er den Gaul bcschlug. Ich brauche ihn, er soll alles stehen und liegen lassen und kommen! Aber laufe schnell und führe ihn durch den Park. Es braucht niemand um seine Anwesenheit zu wissen!"

Das Gesicht des alten Dieners strahlte. Es strahlte letzt

^Und e/ti'ef, als müsse er beweisen, daß seine Beine noch nicht steif seien, sondern daß sie, wenn es sein mußte, noch weit marschieren konnten, weit über die Grenze nach Ruß­land hinein. . . ^ ~

(Fortsetzung folgt.)

Der Vaqern-vichler.

(Zu Ludwig Thomas 50. Geburtstag^l. Januar.)

Bon Tr. Paul Landau.

In einem seiner letzten lustigen EinakterDichters Ehren- xag", schildert Ludwig Thoma eineii berühmten TMer, mn den sich, an seinem 50. Geburtstage Verleger, Thoaterdrrektor, Kritiker ttnd Getreue" zu seiner Ehrung sammeln; ihr Mund streßt über von Bewunderung und Andacht für seine Krmst; dre Herzen aber sind ganz wo anders, beim Geldverdienen, bei den neuesten Toiletten, beim letzteir Gassenhauer des beliebten Operetten­fabrikanten. Tie Feier wird mit einem Leichenbegängnis ver glichen und die Festaufsätze mit Nekrologen. Ter DiMer derGrob heiten", der Peter Schlemihl des Simplizissimus, der das Srnn- bild dieses Blattes, die bissige Bulldogge von Dl). Th., Herne auch in seinem Wappen führen könnte, wehrt sich hrer m echt Ludwig Dhomascher Art schon im vormls gegen allenLorbeer und älMlickes Gernüse", das man ihm zu seinemEhrerrtage spenden könnte, und es wäre ja auch, Mos, wollte man zum Preise seiner so phrasenlosen, knorrig derben Bücher Jubelhymnen der Begeisterung anstimmen. Aber das wird auch, er, der wre Fontanekeinen Sinn für Feierlichkeit" hat, der großen S-ckxrr seiner Leser und jedem,,- der die »rte unseres Lchrrfttums richtig einschätzt, gestatten, daß wir uns an seinem 50 Geburts­tag herzlich, darüber freuen, daß eine so urwüchsige, urgesunde und ehrlicke Persönlichkeit unter uns lebt mrd fdjafft. ,

In einer Stammesgeschichte unserer Tickstung, wre sre dre heutige Literaturwissenschaft erstrebt, wird Ludwig Thonra als der Bayer dastchen, denn echt bajuvarisch ist Inhalt, Wesen und Art seines Werkes. Josef Ruederer, der jüngst allzu früh ver­storbene Münchener Meister, kömrte ihm darirr den Rang streitig wachen, und zweifellos ist die Krmst Thomas ohne die Rrrederersche Vorstufe nicht zu erklären. Ter Dichter derWallfahrer-, Maler- mrd Mördergesckichten" hat zuerst derr baverisck)en Barrerrr mit so bewußtem Gegensatz zum dem Salontirolertum der Stieler und Ganghofer dargestellt, hat in derFahnenweihe" jenen Lust­spielstil geschaffen, den Thonra in stinerLokalbahn" nachahmte und dann selbständig fortbildete. Aber dem Blute des Schöpfers jener grandiosen Tragödie vom Schmied von Kochel war etwas trübes, schweres bcigemischt, was die dern Bayern eigentümliche Fröhlichkeit nicht zum Ausdruck kornmen ließ. Im fehlte der Hmnor, der Ä-omas ganzes Schaffen erwärmt mrd erleuchtet. So blieb er unter diesem Gesichtspunkt nur Vorläufer, und erst in seinem glücklicheren und erfolgreicheren Nachfahren gewann das Bayern- -tunr ferne stattliche und dauernde Verkörperung. In ihm ist alles vereint, was diesem Volksstamm seinen charakteristischen Wert verleiht: die derbe Urkraft, die anr ehrlichen Kampf, am geistigen der scharfen Kritik und Satire wie mn körperlichen des ungestümen r,Raufens". ihre Freude hat, der Sinn für das Wirkliche, dem alles Phrasentum und alle Unnatur ein Greuel sind, das dröhnende Lachen, daZ auch noch im Burlesken und Grotesken den Boden des

Realen Nicht verliert, die volkstümliche Innerlichkeit, dre oynÄ Sentimentalität das echte Gefühl hinter dem rauhen Aeußeren durchbrechen läßt. DenBayer,r-Drchter" schlechthin können )v\t Ludwig Thonra mit Fug und Recht nennen: .

Klar und einfach, liegt die Entlvicklnng dieses Trchters vor Mrs^ wie sie sich, in seinem Leben mrd seinen Büchen: spiegelt. Aus einent Forsthaus an der Tiroler Grenze stammt er; dre ersten Eindrücke sind bei ihm die entscheidenden geweseir. Das Leben des Bauern in Torf und Feld, das Streifen des Försters in Wald mrd Für», das sind die starken Wurzeln seiner darstellerischen Kraft., Ter kleineLudwigl" ist bereits so eigenwillig und ungebunden, so schar? kritisch rmd kräftig zuschlagend getoesen, wie der Dichter, der <uss eirrenfant terrible" in die Lrteratrrr eintrat. In seinen köst­lichenLausbubengeschichten", einem ebmbürügen Seiterrstück zn den genialen Verherrlichungen echter Juugenungezogenhert in BüschsMax und Moritz", in Mark TwainsTom Lawyer" «und HabbertonsBob mrd Teddy", hat er inr nnverfälschteltz Ton des Pennälers seine dunrmen Streiche erzählt und sie darüber hinaus zn einer Anklage gegen alles Philistertunr. besonders gegen Lehrerdünkel und Gymnasium, gestaltet. Der Kanrpf gegen den Spießer, in einer ganz anders rücksichtslosen Art, als ihn die Romantik führte, ist überhaupt der Grundtou seines Schaffens. Tie Liebe zu Jagd und Wald ließ ihn in den Forstdienst ein-t treten, rmd als er die Karteve aufgab, ist er denr Waidtoerk dochi treu geblieben, wie seine prachtvollen Jägergestalten, vor allem die Figuren seines novellistischen MeisterwerkesTie Wilderers beweisen. Von der Forstakademie ging er zum Jus über und ist schließlich Rechtsanwalt in Dachau geivorden, bis er auch diesen Bc- ruf aufgab, um als Simplizissimus-Redaktenr sein eigentliches! Wirknngsfeld zu ftnden. Tie Juristerei ward ebenfalls für sen: Tick^ten furchtbar. Ein Prozeß, ein Verbrechen, eine Gerichts-, verlwudluug spielen in seinen bedeuten st en Werken, den Romanen Ter Wittiber",Andreas Vöst", dem VolksstückMagdalena" eine Hauptrolle. Ter Zusammenstoß zwischen urwüchsigen: Bauern­tum und verständnisloser Halbbildung m Beamten- und Geist­lich en-Kreisen, der eigentliche stets wiederkehrende Konflikt dev Tlwmaschen Kunst, ist von ihm in der juristischen Praxis tte? erlebt worden.Ich war anfänglich verblüfft," sagt er selbst in einer autobiographischen Skizze,über die Verständnislosigkeit, die den Bedürfnissen des Volkes, auch, feinen Sitten und Ge­bräuchen von den Richtern und Verwaltungsbeamten entgegen- gebracht wurde. Ich erkannte den guten Willen unserer Bauern, rhre eingetvurzelte Ehrftcrcht vor hen.Vertretern der Staatshoheit, pnd ich konnte mir nicht verhehlen, daß diese Wenigs begründet war."'" Seine Liebe zum Volk und seine Sitten wuchsen ebenso^ wie seine Feindschaft gegen die Kultur, die man ihm anfdrängte, und so führte ihn sein streitbarer Geist notroendig in die Politik. Politische Gedichte, darunter die SatireTer Burenkrieg", waren es, die zuerst denPeter Schlemihl" unter diesem Pseudonpm! schrieb er bekauntmachten, und diese vielgelesenen Verse, die int parodierenden Ton derMoritat" und mit scheinbar sach­lichster'Nüchternheit unangenehme Wahrheiten sagten, haben den Grund zu seiner großen Popularität gelegt. Bor dem Satiriker: war aber der Darsteller Ludwig Thoma aufgetreten. In feinem! Erstlingsweik, den 1897 erschienenen BauerngeschichtenAgrikola". Diese Novellen zeigen bereits die Größe und die Grenzen seines! Talents. Soweit Thoma auch, in Anlage und Umfang durch seinen großen BauernromanArwreas Böst" über diese Versuche hinausstrebte, so ist ihn: doch eine größere dichterische Vertiefung der zuerst behandelten Stoffe und Probleme nicht gelimgen. Thoma ist der klassische Schildern des bayerisck)en Bauern, dessen Umwelt und Juwelt er mit einer Genauigkeit und Anschaulichkeit zir zeichnen verstanden hat wie keiner vor ihm. Seine Werke haben direkten Quellenwert für die Volkskunde. Ter ganze einförmige, nach uralten! Regeln und Branchen sich vollziehende Ablans des Bauernlebens von Geburt und Taufe bis zn Tod und Begräbnis ist hier ht lebensvollen Bildern wiedergegeben. Das beste Beispiel für seine Art istTie Hochseit", die von nichts anderem handelt, als von der höchst genauen Aneincuidcrreihung all der Umstände, unter: denen der Bauer sich eine Frau nimmt. Neben der vollende- ten Gestaltung dieses Zuständlichen versucht der Dichter in seinen wichtigsten Bück-er auch eine seelische Entwicklung zu geben, nnb das' Höchste, was ihm darin Wohl möglich ist, hat er in der Figur des Andreas Vöst erreicht, der in seinem Kampf ums Rockst so tragisch unterliegt. Das Psychologische ist aber nicht seine. Stärke. Thoma möchte uns glcncben machen, daß das Seelenleben des Bauern sich nur in dumpfen, primitivetr Einpsindungen be­wegt, und arcs all seinen Barurngeschichten spricht eme deutliche Tendenz gegen jeden Stll, der aus dem Landmann einen Heldeir macken möchte. Garn große Bauerndarsteller wie Jerenrias Gott­helf uird in rieu-ester Zeit der Pole Reynwrrt, h-aberr mrs aber gezeigt, daß es auch, auf dem Lande König Lears, Romeos und^Juliaä gibt, und die Tendenz Tlwnras verbirgt geschickt eine Schväche seines Talents, dem die Gestaltung der tiefsten urenschlick^en Ur- gefühle, der großen Leidenschaft versagt ist. Tiefer Mangel an Psychologie tritt rroch deutlicher bei dem TramatUer Thoma zutage. . ^

Die Stärke der Thomaschen Begabung liegt tit der erstaunlich wahrhaftigen ßDicdergabe iäußerer Charaktermerkmale, so des Sprechtones. Er ist ein Meister in der Art, »vie er seine Bauers Dtaleki reden läßt, wie seinLausbnh" seine Erlebnisse erzählt.