Nur ihr Mem ward HVrdar. Er !ffm stoßweise, kurz, heftig hervor.
Es war Mittagszeit, aber sie hatte keinen Hunaer. Sie dachte an früher. Wie durch ein Wunder war sie der Gefahr entgangen, damals mit Josef Laskowicz zugleich über- fabren zu werden. Manchmal jedoch wünschte sie, es wäre anders gekommen. ^ , _
Sie hatte es aut hier. Man hatte sie nach dem Tod der Eltern ins Schloß genommen. Erst war sie als Abwaschmädchen in der Küche beschäftigt worden. Dann, als dre Baroneß hevanwuchs, erlernte sie in der Stadt das Frisieren. So war sie aufgerückt.
„In Berlin," vflegte die Baroneß zu sagen, „hat man zwar andere Begriffe von einer Kammerjungfer, aber für NaSgora ist die Kascha Kaczmarek eine Perle." Die „Perle" machte jetzt ein finster Gesicht. Sie hörte ihren Namen rufen. Ihre Herrin rief sie, aber es dauerte lange, ehe sie sich rührte.
„Wo steckst du denn, Mädchen?" fragte Hanna von Graß- nick ärgerlich. „Rasch, den Frisiermantel noch einmal um, der Wind ist stärker, als man denkt. Nur mal darüber- kahren und alles ordentlich stecken. Es gibt Besuch: Mein Bruder kommt und Leutnant von Versen!"
Als Kascha keine Antwort gab, sah sie ihr ins Gesicht.
„Ah," nickte sie erstaunt, „du hast wieder mal deine Mucken! So, so? Ist der Josef etwa doch daran schuld?"
Um den vollen Mund der Dienerin zuckte es. Sie biß die Zähne zusammen, als müsse sie mit Gewalt einen Schrei unterdrücken.
„Jedenfalls rate ich dir, nicht wieder meinen Kopf zu malträtieren. Na, also vorwärts!"
Noch immer hatte Kascha Kaczmarek keinen Don gesagt. Sie begann das volle Haar zu lockern.
„Armes Ding," sprach die Herrin dann gutmütig, „ist denn gar so schlimm mit dem Juschu?"
Da schüttelte es die ganze Gestalt. Der Kamm flog zur Erde, und in einem leidenschaftlichen, gellenden Schluchzen warf sich Kascha Kaczmarek auf die Knie. Erschreckt war Hanna aufgesprungen; bestürzt und verständnislos sah sie auf daS Mädchen herab. Der geschmeidige Körper bebte und »uckte in diesem wilden, schreienden Schluchzen. Auf den Knien war Kascha an den Divan herangerutscht und wühlte das Gesicht in das weiße Guanacofell. Das war Polenblut. Ihr, der Deutschen, fehlte das Verständnis dafür. Eie trat naher und legte die Hand auf Kaschas dunkles Haar.
„Hast du mit ihm gesprochen?"
Lange keine Antwort. Dann halb herausgewürgt ein „Ja!"
„Und was hat dich so gekränkt?"
Sie hob das Haupt, einen Augenblick nur.
„Weil er sich nicht mehr um mich kümmert, weil er alles vergessen hat, alles, alles, was friiher war."
Ihre Finger krampften sich ins Fell: „Ich Haffe ihn," schrie sie so laut und geU, daß die Stimme sich fast über- schlua. Und wieder dann das einförmige laute Schluchzen.
Achselzuckend hatte sich Hanna von Graßnick umgewandt.
„Wer kann da helfen, Wildkatz? Liebe hat eignen Sinn. Selbst wenn ich mit diesem Joses Laskowicz reden wollte, es hätte keinen Zweck."
Jäh, unvermittelt härte das.Schluchzen auf. Noch immer kniend, kehrte Kascha das verweinte Gesicht der Herrin zu.
„Euer k>ochwohlgeboren," stammelte sie, „wenn Ihr das w und Josef, jeden Tag, solange ich lebe,
wollt ^ich zwei Stunden auf den Knien liegen und für Euch
Und «mit einemmal war sie näher gerutscht, und während sie inbrünstig den Kleidersaum der Baroneß küßte, rief sie flehend: „Tut es, Euer Gnaden, tut es! Der Juschu folgt, wenn Ihr ein Wort redet!"
Hanna lachte. „Steh' auf, Mädchen! Der Josef Lasko- wi^wirdsich um meine Wünsche wenig kümmern. Das liegt
„O gnädigste Herrin, er verehrt Euch wie eine Heilige. Ihr seid gut, hat er mir heute gesagt, wie keine mehr."
„So^ Die Baroneß sab sie verwundert an. Nach einer JFF ./femuß ein merllvürdiger Mensch sein. Mer wenn
Knie.
n gerade mal sehe..
"it verhaltenem Jauchzen umklamm e-rte Kascha ihre „Schon gut, Wildkatz. Mach- weites -ie Zeit drängt!"
Und so rasch und Vorsichtig wie selten begann die Dienerin die Frisur neu aufzustecken. Sie sprachen beide nichts Hanna von Graßnick dachte über den eben erlebten Vorfall nacb. Mit halb geringschätzigem Mitleid sab sie auf oaS Mädchen hinab, das jeden Mvlz und jede Zurückhaltung ver- leugnete, das wie ein Rohr im Sturmwind der Leidenschaft schwankte und zitterte, das, sich mit gebundenen Händen ihrer Liebe auslieferte. Und doch, neben dieser Geringschätzung stand leise etwas anderes. Eine leise Llhnung, als ob oiess das ganze Herz ausfüllende Leidenschaft den Menschen nicht nur knechte, sondern ihn doch auch über sich selbst hinaus- hebe. Ein halbes Bedauern, daß dieses Höchste an Wonne und Weh ihr, der kühleren Natur, würde verwehrt sein. Sie hoffte, sich wohl einst in herzlicher Zuneigung einem Manne, der sie liebte, zu verbinden. Sie konnte sich auch vorstellen, daß der, den ihr Herz begehrte, an ihr vorüberging. Dann hieß es eben, schweigend zu tragen uno zu leiden, wra es viele taten. Mer solch eine Heftigkeit des Gefühlsausbruchs war bei ihrer Wesensart cuksaeschlossen. Und Hanna von Graßnick wußte nicht, ob sie sich darüber freuen oder ärgern sollte. Noch eins schien ihr seltsam. Dieser Josef Laskowicz mußte ein absonderlicher Kauz sein. Was hatte er beute gesagt? Sie sei so gut wie keine rnehr? Wie kam er dazu bei dem bekannten Haß seines Vaters gegen daA Schloß? Wie kam er dazu, den ihr Wagen zum Krüppel gemacht hatte? Sie verstand es nicht.
In das Schweigen, das im Zimmer herrschte, tönte jetzt der leichte Trab zweier Pferde.
„Da sind sie!" rief die Baroneß fröhlich. Im Nu war alles andere veraessen. Draußen sprangen zwei blaue Dragoner von den Pferden, warfen die Zügel den herbeieilen- oen Stallknechten zu und überzeugten sich, daß die Tiere gut untergebracht wurden. Erst dann stiegen sie die Freitreppe empor.
Hans Mbert, der alte Baron, trat ihnen in seiner gewöhnlichen Tracht entgegen: von der Schirmmütze und dem Krückstock trennte er sich höchst ungern.
„Melde gehorsamst: Leutnant von Graßnick und Leutnant von Versen vom fünften Dragoner-Regiment, biZ morgen mittag beurlaubt nach Nasgora."
Ernsthaft zog Hans Wert die Mütze.
„Das für den Leutnant," sagte er. „Die Uniform seines Königs muß man ehren. So, Bengel! Und nu komn? mal her! Deubel ja, ist das eine Freude!"
Er umarmte den Sohn und wandte sich dann zu dem zweiten Gaste, dem er kräftig die Hand schüttelte.
„Ist brav, daß Sie mitkommen, lieber Versen. Wenn die jungen Herren zu zweien sind, langweilen sie sich weniger. Hoffentlich hat Ernst August nicht zu lange quälen müssen."
Leutnant von Versen schüttelte lachend den Kopf. „Nach Nasgora folge ick) immer gern, Herr Baron. Ich bin zwei- Nmal schon so liebenswürdig ausgenommen worden ... ."
,,Wie wär's mit einem Kognak, Fritz?" unterbrach ihn sein Kamerad. „Es ist frisch draußen!" Plaudernd traten die Herren ins Zimmer.
„Wer den Magentröster bei sich führt," sagte Hans Albert Und goß die Gläser voll, „braucht keine Leibbinde. Uebri- gens essen wir in einer Viertelstunde. Und aus meiner eigenen Militärzeit weiß ich, daß ein Soldatenmagen immer hungrig ist."
„Besonders in Kriegszeiten," fügte sein Sohn hinzu.
Eben wollte der Alte mit einem heiligen Donnerwetter . gegen die Aufständischen loszichen, als Hanna eintrat. Die Hacken klappten zusammen, die Sporen klirrten. Ueber Fritz von Versens offenes Gesicht zuckte es freudig. Er küßte ihr, als die Geschwister sich begrüßt hatten, ehrerbietig die Hand.
„Sie sind mitschuldig daran, gnäd^stes Fräulein, daß ich schon wieder hier bin. Seit wir in Wreschen liegen, sind wir in bezug aus Damenverkehr auf schmälste Kost gesetzt. Da werden Sie begreifen, wie verlockend eine Einladung! nach Nasgora erscheint."
Die Zeit bis zum Mittagessen verstrick) schnell. Nachher mußten die Leiden Offiziere mit dem Alten die Ställe be- sichtigen. Erst zum Kaffee fand man sich oben wieder ein. Die Lampe erhellte schon den behaglichen Raum. Es wurd« so früh dunkel um diese Zeit. Im Kamin loderte das Feuer. Breit lag der Flammenschein auf der Diele. Während Hanna dem Dienstmädchen die Kanne abnahm und selbst einschenkte, sagte Hans Albert, der sich behaglicher fühlte als je: JBcrat man tagtäglich nur Rindvieh sieht, begreift man, wie wohl ein menschlicher Verkehr tut. Trinken Sie Ihre Tasse auS.


