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Das Züugleln aab auch bann nicht Ruhe, als die Abendbrotsuppe schon auf dem Tisch danrpfte. Peter kannte die Melodie. Zerknirscht und leise stellte er das Gewehr in den Schrank, legte auch die anderen.Muffen ab und machte es sich bequem. Dann griff er zum Lösfel, und mit dem trübsten Gesichte von der Welt ließ er es sich gilt schmecken. Gr hatte ln den langen Fahren die schwere Kirnst gelernt, mit innerlichem Wohlbehagen zu essen und doch ganz unabhängig davon eine Armsündermiene zu machen, die einen Stein erweicht hätte, nur nicht Frau Fadwiga, die heftige Spätzin.
Fn Nasgora ging man früh schlafen. Da hatte Peter Wroblewski nach angestrengtem Nachdenken eine Methode gefunden, sich wenigstens für ein Abendstündlein von seinem Hauskreuz freizumachen. Ms er den Löffel niederlegte, agte er: „Gott segne dich, mein Täubchen, ich bin ein chlechter Mensch und deiner nicht würdig. Doch ich muß den bericht schreiben, den amtlichen!"
Die Trompetenstimme setzte zwar noch zwei-, dreimal an, aber als der Gendarm den Stempelbogen auf den Tisch legte und die Feder ergriff, verschwand Frau Fadwiga Wroblewska im ehelichen Schlafgemach.
Denn vor dem Stempelbogen hatte sie Respekt. Sie begriff, daß der amtliche Bericht fertig werden mußte, und eit ihr Peter einst gesagt, bei Nichtablicserung würde er eine Stelle verlieren, widersprach sie nicht mehr. Denn als Pani Wachtmeister spielte sie in Nasgora eine Rolle, auf die sie um keinen Preis der Welt verzichten wollte.
Der Fußgeudarm schrieb wirklich. Gr schrieb so lange, bis ein gesundes Schnarchen aus dem Nebenraum verkündete, daß die teure Gattin fest eingeschlafen war. Dann stieß er verächtlich den Bogen fort und setzte sich mit einem Fläschchen, das er in der Revolvertasche verwahrte, ans Fenster. Die Nacht wußte bitter kalt sein. Immer wilder schnob der Osttviud draußen. Vom Monde war nichts zu sehen: von den Sternen auch nicht. Nur der Schnee leuchtete. Peter Wroblewski führte das Fläschchen öfter an die Lippen.
„Weil die Nacht gar zu kalt ist," sprach er zu sich selber. Und dann: „Psia krew, es ist so eine Nacht zum Schmuggeln. Wenn sie die Gewehre über die Grenze kriegen!"
Als könnt' es jemand gehört haben, zog er den Kopf ein und sah sich scheu um. Doch er hörte nur das Schnarchen. Das beruhigte ihn. „Es ist Russenblut," murmelte er und tat einen neuen Zug. „Der Schmied hat recht: Der Name wärmt." In der Flasche war etwas ganz anderes, aber der Geschmack mochte sich ihm verwirren.
„Eine Nacht zum Schmuggeln, der Teufel soll die Bande holen! Bin ich nicht preußischer Fußgendarnr? Hier hat kein Mensch zu schmuggeln. Maria und Josef, gib, daß es gelingt, wenn ich'S nicht sehe. Sie brauchen Gewehre drüben wie das liebe Brot."
Es war wie ein Riß in seinen; Herzen. Er wußte selber
nicht, ob er wün oder daß sie abge
chen sollte, daß die Gewehre rüberkamen, äugen würden. Da seufzte er tief auf. Doch
das war sein Verderben, denn drinnen knarrte die Bettstelle, und eine bekannte Stimme rief: „He, Pjotr, wird's bald?" Und geduckt schlich der Fußgendarm, nachdem er die Flasche sorgfältig verborgen, ins eheliche Schlafgemach, an die Seite der „heftigen Spätziii".
2. Kapitel.
Ehe man das Dorf, das mit kleinen Ausweichungen sich längs der Chaussee hinzieht, voii einem Ende zum anderen durchwandert und die letzten Ausbauten hinter sich gelassen hat, kann der Mund manch Paternoster sagen. Die Häuser liegen bald dicht zusammen und zwar so eng, als müßte eins das andere stützen, bald wieder eine gute Strecke auseinander. Dazwischen reichen die Felder eben bis an die Chaussee heran. Fast mit Ende des Dorfes, zur rechten Hand zweigt ein Weg zum „Schlosse" ab. Kirschbäume fassen ihr! »u berden Setten eim Dte Zweige des letzten Baumes in jeder Reihe hängen halb über das eiserne Gitter des Torwegs.
, Das Schloß ist alt. Ohne sonderlich breit und hoch zu sem, hat es etwas Mächtiges in seiner ganzen Anlage. Es gibt da kerne ntedlichen Arabesken, keine zierlicl-eu Säulen. Massm mtd festgefügt steht es da. Eine steinerne Freitreppe
f^ r die Gegend sauber genug aehalten. Links der Brunnen und die fleisch webende Glocke dte den Arbeitern Beginn und Ende ihrer Tätigkeit ücr- nutbet und zu den Mahlzeiten ruft. Zu beiden Seiten des Hosrautns, aber ettvas zurückgebaut, daß sie die Wirkung des
Schlosses nicht stören, liegen die Ställe und Wirtschaftsgebäude, leichtere Bauteil, meistens noch mit oft geflicktem Stroh- oder Schindeldach versehen.
Grau hob sich der Morgen. Es mochte auf 6 Uhr gehen. Da öffnete sich im Pferdestall die Tiir, und ein verschlafenes Gesicht sah einen Augenblick über den Hof. Wie ein leichten Nebel schlug sich ein warmer Brodem aus dem Stall in die kalte Frühlust. Dann trat ein Formal (Pferdeknecht) in bett Morgen hinaus. Er hatte den weißen, schmierigen Schafspelz um und ging rasch nach der Glocke. Sie hing unweit des Brunnens. Der Boden ringsum war glatt und beeistz voii dem vergossenen Wasser, das schnell gefroren war.
„Nimm dich in acht, Staschu, mein Söhn chen, man kann ein Bein brechen, eh' sich die Heiligen noch besinnen," murmelte er. Bedächtig zog er eine große, tombakene Uhr aus der Tasche. Sie zeigte gerade sechs. Da griff er nach dem Riemen, ein krästiger Schwung: laut und schallend schlug die Glocke an und tönte mehr eindringlich als melodisch durch die frühe Stunde.
Bald ward es im Schlosse lebendig. Die Haustür wurde aufgeschlossen, Fenster wurden geöffnet, mit den Eimern liefen die Mägde nach dem Brunnen. Nicht lange, und aus dem Schornstein stieg kräftig der Rauch. Als eine Stunde später die Glocke von neuem erscholl, strömten die Leute von allen Seiten ins Schloß: vom Inspektor Oehmke an bis zum letzten Pferdejungen und Hütemädchen. Denn im Sommer? um sechs, in der Erntezeit auch früher, iin Winter um sieben hielt der alte Baron Andacht ab, und loche dem, der dabei gefehlt hätte. Ob Katholik, ob Protestant, war in diesem Falle völlig egal.
„Für Rindvieh," hatte der Baron gefugt, „gibt es nur Eins, und das bring' ich ihm bei."
„Wenn die Rabenbande stiehlt und säuft," bckretierte er, „so kommt das davon, weil die Halunken keine Religion im Leibe haben. Und sie haben keine Religion, weil in Nasgora weder ein Pfaff noch eine Kirche ist. Ehe sie aber bis Wre- schen oder nach Stralkowv kommen, vergeht viel Zeit. Ergo bin ich der nächste dazu, ihnen die Religion einzubläuen."
Ms der Inspektor mit gebührendem Respekt darauf hinwies, daß der Herr Baron evangelisch und die meisten Leute katholisch seien, hatte Hans Albert die schon besagte Antwort gegeben. Seitdem war die Morgenandacht eingeführt. Sie wurde in einem großen, kahlen Zimmer des Erdgeschosseis abgehalten. Für den Jitspektor und die ältesten Leute standen vorn ein paar Stühle; die anderen durften nicht sitzen. Für den Baron jedoch war ein kleines Katheder ausgestellt, auf dein er saß. Ost las er nur eine Bibelstelle vor und sprach ein -Gebet; manchmal jedoch hielt er im Anschluß daran eine kleine Rede. Erst daun dursten die Leute zur Küche, wo die Morgensuppe verteilt ward, und an ihr Tagewerk.
. Als die Arbeiter und Mägde in dem kahlen Raum heute Posten gefaßt hatten, öffnete sich die Tür, und Hans Mbert von Graßnik betrat das Zimmer. Ein großer, breitschultriger Mann mit energisch vortretendem Kinn und strengen Augen: er trat schwer und wuchtig auf. Es lag ettvas Tyrannisches in seiner ganzen Art, und nur die'Rase, die etwas zu klein und dick war, milderte den Eindruck. Sie brachte etwas Ge- mütliches in dieses Gesicht; sie erzählte, daß der Gutshett unter den Gottesgaben nicht zum mindesten ein-Glas Rotwein schätze. Er trug eine Mütze mit kurzem Schirm auf dem Kopfe, die dicke Bibel unter dem linken Arm, den Krückstock seinen steten Begleiter, in der Rechten. Ans den einstimmigen Morgengruß der Leute lüftete er die Mütze, nickte dem Inspektor Oehmke, der seine Verbeugung machte, zu und bestieg das Katheder.
Es wurde mäuschenstill. Der Inspektor zog den Kopf etn, er wußte: heute aab's eine Rede und ein kräftiges! Donnerwetter. Hans Albert hatte die Bibel aufgeschlagen, dte Schirmmütze neben sich gelegt.
„Leute!" sagte er mit seiner volltönenden Kommando- sttmme, „ich lese die ersten vier Verse des 72. Psalms Sperrt eure Ohron auf, sie lauten also: „Gott, gib dein Gericht dem Könige und detne Gerechtigkeit des Königs Sohne, daß er detn Volk richte mit Gerechtigkeit, und deute Elenden rette. Laß die Berge den Frieden bringen unter das Volk, und die Hügel dte Gerechtigkeit. Er wird das elende Volk bei Recht erhalten, und den Annen helfen, und die Lästerer zermalmen.""
Hans Albert schwieg und schlug mit der Faust aufs Kk- theder. „Leute! Ich kann euch das zehnmal vorlesen nnd mir dte Lunge ansschreien, und es geht doch nicht in eure Büffel-


