Ausgabe 
30.10.1916
 
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einstweilen recht gut, wenn ich auch einem tragischen Ver­hängnis entgegensehe. Mein Zigaretteiworrat fängt an, knapp zu werden! Beim Ncrchzählen-

Fabelhaft!" schrie der Arzt.Diese Ruhe ist gigantisch! Das muß Darrow sein-" ^ .

Schnell blätterte er das Buch bis zur letzten Seite durch. . ^ t

.fOtit zittrigen Buchstaben, die eine in Todesqual oder Entsetzen bebende Hand geschrieben haben mußte, stand dort:

Sucht mich in der Höhle! Percy Darrow.-

Trendon reichte das Buch dem Kapitän, der es nach einem schnellen Blick zuklappte.

Nun heißt es, die Höhle finden!" sagte der Kapitän.

Natürlich ist's die Höhle in den Klippen, die mir bei der Herfahrt aufsiel."

-Wo?"

Von hier ans ungefähr eine Meile in nordöstlicher Richtung. Wir könnten den Weg von hier aus quer hinüber abschneioen."

Bitt' um (SntfdOutbiGung, Herr Kapitän," meldete sich Congdon,aber ich glaube kaum, daß wir von dieser Seite herankoinmen können."

Weshalb nicht?"

Dort ist kein Strand, Herr Kapitän, und die Klippe ragt steil, wie 'ne Bordwand in die Höhe. Es sieht aus, als reichte das tiefe Wasser bis in die Höhle hinein."

Also dann vorwärts ins Boot! Nehmt die Flagge mit!"

In einer halben Stunde hatte die Gig den Eingang zur Höhle erreicht. Es stellte sich heraus, daß der Bootsführer richtig prophezeit hatte; die Wogen schlugen hier nicht, wie an andern Stellen in weißschüumender Brandung ans, son­dern wälzten sich ungebrochen unter dem hohen Torbogen indurch. Als das Boot angesichts der Klippe einen Augen- lick still lag, hörten die Insassen aus weiter Ferne den dumpfeil Laut herüberschallen, mit dem die Brecher an einem unterirdischen Gestade anprallten.

Langsam einfahren!" kommandierte der Kapitän. Scharf aus überspülte Risse und Untiefen achtgeben!"

Mit leise plätschernden Ruderschlägeu glitt das Boot aus dem Sonnenschein üt3 Dämmerlicht und aus dem Dämmerlicht in tiefste Finsternis.Darrow!" schrie Kapitän Parkinson. Lärmend hallte von dem unsichtbaren Gewölbe, aus dem Wasser, das sich unter dem Kiel des Bootes hob und senkte, von den Felswänden in zahllosen Wiederholun­gen oer NameDarrow"! zurück.

Keine Menschenstimme antwortete, doch in unbestimmter Entfernung platschte etwas ins Wasser, und ein zweites, ein drittes Mal erfolgte dasselbe Geräusch. Vorn und zur Rechten ein leises Husten! Trendons .Hand fuhr nach dem Revolver. Die Haltung der Leute straffte sich.

Ruhe im Boot!" befahl der Kapitän.Steckt die La­terne an und reicht sie mir herüber! Den Geivehrlauf nach uuten halten, Leute!"

Sehen Sie etwas, ein paar Meter nach Backbord?" flüsterte er Doktor Trendon ins Ohr, als das Zündhölzchen ausflammte.

Zwei grüne Lichter! Augen! Seehunde!" antwortete der Ar^t.

Seehunde! Seehunde! Seehunde!" hallte efi von den Wänden wider.

Ms das spöttische Echo erdröhnte, verschwanden die grünen Lichter, und in der Ferne platschte es von neuem.

Die Laterne wars jetzt ihren Schein auf die Wände eines Märchenschlosses. Ueberall schillerten sie, wie mit Edelsteinen besetzt, in den mannigfaltigsten und leuchtend­sten Farben.

Geblendet im Anfang, konnten die Suchenden erst nach und nach die Einzelheiten der unterirdischen Welt erkennen, in bie sie eingedrungen waren. An den meisten Stellen; stiegen die Wände glatt uird unzugänglich aus dem Wasser, an andern türnlten sich leuchtende Felsennadeln und Vor­sprünge auf. Nach Steuerbord zu hob sich das unscheinbare Grau eines schmalen Strandstreifens scharf ab. Bis ans Ende der Höhle drang der Lichtschein nicht.

Er muß ein guter Schwimmer sein, wenn er hier ^ineingekommen ist," sagte Trendon mit einem Blick auf

Vielleicht hat er ein Boot gehabt" meinte der Kapi­tän.Aber weshalb gibt er keine Antwort?"

Wir wollen es noch einmal versuchen. Man hat ja keine Ahnung, wie weit sich dieses Gewölbe noch erstreckt."

Der Arzt erhob ein so mächtiges Gebrüll, daß die ganze Höhle dröhnte.

Lautlose, schauerliche Stille folgte.

Behutsam fuhr das Boot vorwärts. Einmal knirschte der Kiel über ein halb vom Wasser bedecktes Felsenriff, dann wieder tauchte ein winziges Jnselchen auf. Verstreute Knochen blinkten auf dein felsigen Gestade, doch waren es keine mensch­lichen Ueberreste. Ab und zu reizte ein Strandstreifen -zum Landen, doch immer führte er zu steilen Klippen, mit Aus­nahme eines einzigen, ans den sich zwei kleinere Höhlen öff­neten. Bei der ersten, die nur eine sehr geringe Tiefe be­saß, genügte das Hineinleuchten mit der Laterne, um fest­zustellen, daß sie leer war. Der Eingang zu der andern, vor der Fischgräten lagen, war sehr eng und niedrig, doch schien sie immer höher zu werden. Der Kapitän, der Arzt und der Vootssührer Congdon stiegen aus. Parkinson, der zuerst an Ort und Stelle war, bückte sich und steckte seinen Kopf in die Oeffnung. Aber er fuhr sofort zurück.

Giftige Stickluft!" rief er.

Also auch vulkanisch," sagte Trendon, indem er sich zu dem schwarzen Loch hinunterbeugte und vorsichtig schnüffelte.

Lassen Sie mich hineingehen, Herr Doktor," erbot sich Congdon.Ich war bei der Feuerwehr und weiß Bescheid."

Das ist meine Sache," lehnte Trendon kurz ab.Zer- setzungsgase. Unangenehm, aber nicht gefährlich!"

Die Laterne vor sich herschiebend, schlängelte er sich wie ein Wurm in die Höhle, bis das Licht verdeckt wurde. Als es wieder durch die Oeffnung schien, wußten die Außenstchen- den, daß Trendon in dem inneren, höheren Raum angelangt war. Kapitän Parkinson versuchte hineinzuspähen, sah aber nichts.

Doktor Trendon, wie ist Ihnen zu Mut?" rief er.

Puh!" antwortete eine erstickte Stimme.Komme jetzt heraus"

Wieder verdunkelte sich der Eingang; Zuerst kamen ein Paar Füße zum Vorschein, dann des Doktors massiger Kör­per, sein Kopf und schließlich die Laterne.

Puh!" keuchte er, nach Luft schnappendich kann doch schon was vertragen, aber-"

Haben Sie etwas gefunden-?"

Darrow nicht, Herr Kapitän, nur einen armen Teufel von Seehund, der hineingekrochen war, um dort zu ver­enden."

Die Entdeckungsreise wurde fortgesetzt. Ungefähr eine halbe Meile vom Eingang entfernt, trafen die Suchenden auf einen schmalen, durch eine senkrechte Felswand abge­schlossenen Strand, den sie entlang fuhren, um bcutu zu wenden und auf der andern Seite zurückzukehren. Auch, hier untersuchten sie jede in Betracht kommende Spalte oder Oeffnung aufs genaueste. Nachdem sie dann wieder im .Hellen Tageslicht angelangt waren, hatten sie die Gewiß­heit, daß sich kein lebendiger Mensch innerhalb jener Grotte befinden konnte.

.Würde eine Leiche in diesen Gewässern bald an die Oberfläche kommen, Doktor Trendon?" fragte der Kapitän.

Das weiß ich nicht."

Der Kapitän grübelte eine Weite. Dann schlug er sich mit der Faust aufs Knie.

Dann die andere Höhle! Die, in der sie die Seehunde totschlugen!"

Aber natürlich!" rief Trendon.

Warten Sie! Sagte Slade nicht, daß sie sich zwischen dieser Stelle und dem Vorsprung befinde?"

Jawohl, jenseits des schnralen Strandes."

Da gibt's keine Höhle," erklärte der Arzt bestimmt.

Es muß eine dort sein. Congdon, haben Sie irgend eine Oeffnung in der Klippe bemerkt, als wir dort entlang fuhren?"

Nein, Herr Kapitän, dies hier ist die einzige."

Werden wir sehen," sagte der Kapitän knurrig.Wen­den! Die Küste abfahren und das Boot so nahe wie mög­lich an die Brandung bringen!"

Die Gig nahm ihre Fahrt wieder auf.

Da ist der von Slade beschriebene Strand," sagte Kapi­tän Parkinson, als sie sich dem kleinen Sandstreifen gegen­über befanden.

(Fortsetzung folgt.)