518
aufrichten. Auch Thracktes wartete darauf, und als es Anstalten dazu machte, fuhr er mit seinem Messer in die Klüse, durch die das Ankertau lief.
„Mein Gott..." jammerte Pulz zähneklappernd. „Wenn wir nun auf den Strand treiben —■"
Er brauchte den Satz nicht zu vollenden. Konnte die „Laughing Last" sich nicht erholen, ehe der Sturm sie eine knappe halbe Meile leetvärts getrieben hatte, so würden wir in dem siedenden Kessel am Strande bei lebendigem Leibe gekocht werden.
Eilte Zeitlang, die sich zur Ewigkeit dehnte, lagen wir vollständig regungslos. Unauslöschlich hat sich diese Szene meinem Gedächtnis eingeprägt — das Schanzkleid hoch über mir, das steile, glatte Deck, die dicht an das Rad gepreßte Seeränberge statt, unter uns die strudelnden Wasser und vom Lande her die düstere Glut, die zollweise ans uns zukroch wie eine hungrige Bestie. Dann richtete sich der brave Schoner fast unmerklich auf. Handy Salomons gespannt Zusammengezogenes Gesicht glättete sich, und Thrack- les erhob, über die Bordwand guckend, ein mächtiges Gebrüll.
„Sie gehorcht dem Steuer!" schrie er.
Wir bewegten uns vorwärts — aber gleichzeitig gerieten wir beträchtlich nach Lee. Handy Salomon benutzte mit eiserner Zähigkeit den geringsten Vorteil. Die Insel verschwand vollständig in den: Rauch und Qi:alm, der vom Wind seewärts getrieben wurde. Wir konnten nichts tun als warten. Zoll für Zoll kroch das Schiff vorwärts, Fuß kür Fuß wurden wir nach Lee abgetrieben. Aus der Richtung der Lavaglut, gerade auf das Hinterdeck zu, wußten wir, daß wir uns der Bucht fast gegenüber befanden. Das war neuer Schrecken.
Bis jetzt hatten wir nur zu verhindern gesucht, daß wir an den Strand geworfen würden. Nun sahen wir die Notwendigkeit ein, auch den Punkt zu vermeiden, wo das „Goldene Horn" lag, um nicht ebenfalls an den Klippen zu zerschellen. Wir setzten ein Toppsegel, worauf wir etwas schneller vorwärts kamen, wenn auch der Schoner in gefährlichem Winkel überlag. Einen Augenblick später riß der Wolkenschleier, und wir erblickten die Klippen in beängstigender Nähe.
Dort standen die Vorkehrungen für das Abwracken, die Hilfsnraschine — und neben ihnen, uns nachdenklich beobachtend — Percy Darrow.
Zehn Minuten lang, in denen das Schiff mühsam gegen Wind und Wellen kämpfte, starrten wir wire gebannt zu ihm hinüber. Das rückstauende Wasser, die in wildem Anprall gegen die Felsen donnernden Brecher schäumten bis an unsere Wanten, die spärlichen, abwechselnd ,über- sluteten und denn: wieder auftauchenden Trümnier des „Goldenen Horns" führten uns unser unvermeidliches Ende vor Augen.
Wir alle hatten unser Augenmerk besonders auf zwei Punkte gerichtet, einen überhängenden Felsblock mtb einen außergewöhnlich schroffen Slbsturz der Klippe. Trennte sich der Felsen von der Klippe nach Osten zu, so waren wir verloren; blieb er, wie er war, so konnten wir uns Mnig- stens behaupten; ließ er aber eine Oeffnung nach Westen, so waren ^ wir gerettet. In unbeschreiblicher Spannung, jeden Vorstoß oder Rückschlag mit jähem Auffchrei begleitend, eriuarteten wir unser Schicksal. Der Nigger murmelte seine Beschwörungen. Ab und zu warf^einer oder der andere von uns einen scheuen Blick nach Lee ans den todbringenden, wirbelnden Gischt, um dann sofort wieder auf den Felsen und den Klippenrand zu starren —
Einmal noch sah ich zu Percy Darrow hinüber, der lässig au einer Stütze lehnte. Er hatte den weichen Hut über die Augen gezogen und strich sich langsam den Schnurrbart. Und — er rauchte seine Zigarette ...
Ein lauter Schrei Salomons lenkte meine Aufmerksam-
t kett wieder blitzschnell von ihm ab. Zu meiner unendlichen reude zeigte sich westwärts zwischen Klippe und Felsen ein treifen am Himmel. Im selben Augenblick enthüllte mir das rückstauende Wasser einer besonders mächtigen Welle die unbestimmten Umrisse gefahrdrohender Felsen beinahe unter unserin Kiel.
Ganz langsam, in fast nnmerklichen Fortschritten, gewannen wir Raum Als die Klippen abzufallen begannen, wandte!: wir uns sämtlich wie ans Verabredung um.
,, Percy Darrow winkte uns mit der Hand einen unbe- lchrerblich ironischen Abschiedsgruß zu, drehte sich auf dem
Absatz und schleuderte in der Richtmig des nördlichen Tales aiis dem Bereich der Lava.
Je weiter wir uns von der Insel entferuten, desto mehr nahm der Wind an Stärke ab. Ein Segel nach dem andern wurde gesetzt, bis der Schoner endlich der steifen Brise die volle Leinwand zeigte und die Insel Mit hinter sich ließ.
Ans der Entfernung bot sie mm einen wahrhaft großartigen Anblick. Im Mittelpunkt loderte stoßweise rote Glut auf, während die Explosionen noch immer gedämpft zu uns herübergrollten. Die braunrote, von Blitzen zerrissene ,Wolkendecke spannte sich wie ein riesiger Schirm über der Insel aus. Statt der düsteren Beleuchtung umgab uns jetzt Zwielicht. Schließlich verließen wir auch diese Region und glitten aus die weite, von Milliarden flimmernder Sonnen- sünkchen besprenkelte See mit ihren langen, gleichmäßigen Wogeuzügen hinaus. .
Sofort wich der abergläubische Schrecken, der meine Gefährten bis dahin in seinem Bann gehalten. Pnlz und Thrackles holten das Landungsboot ein, das wie durch ein Wunder den: Sinken entgangen war. Der Nigger verschwand in der Küche, Perdosa löste Handy Salomon beim Steuer ab, und dieser kam zu mir herüber.
14. Kapitel.
Die Katastrophe
Die Haltung, in der er sich mir näherte, kennzeichnete den neuen Gebieter. In seinem Gürtel steckten ein paar Revolver, und in Fetzen hingen die blutbefleckten Kleider an seinem Körper.
„So weit wären wir," sagte er.
Ich begnügte mich damit, schweigend zu nicken.
„Und Sie können von Glück sagen, daß Sie überhaupt hier sind," fuhr er fort. „Was beabsichtigen Sie jetzt eigentlich zu tun?" *
Dabei beobachtete er mich mit schiefgelegtem Kopf, wie die Katze eine besonders fette Maus, Und setzte nach einer Pause hinzu:
„Wir sind nach den engherzige:: Begriffen mancher Leitte ein bißchen zu grob vorgegangen und konnten leicht Ungelegenheiten davon haben. Sie wissen viel zu viel!"
„Was verlangen Sie von mir?"
„Nur, daß Sie unseren Kurs nach San Salvador nehmen! dann wollen wir Sie unbehelligt lassen."
„Und- wenn ich es nicht tue?"
Er zuckte die Achseln. „Dann können Sie. sich die Folgen ja selbst aüsmalen."
„Rings umher aibt's Wasser genug, nicht wahr?" ftagte ich mit deutlicher Anspielung.
„Jawohl, und es ist auch tief genug!"
In diplon:atisches Schweigen gehüllt, richteten wir unsere Blicke nach dem Horizont. Ich wußte nicht, ob ich ärgerlich, belustigt oder beunruhigt darüber sein sollte, daß der Mann meinen Scharfsinn so gering eiuschützte. Der Köder war doch gar zu plump. Bis San Salvador in Sicht kam, würde man mein Leben allenfalls schonen, doch daß ich niemals den Hasen erreichen würde, stand bonibenfest. Ich war nur vor die Wahl gestellt, ob ich schon jetzt oder erst einige hundert Meilen weiter südöstlich über Bord geworfen sein wollte.
.vi-luic vycinuiuLii juyien |iuj. wuroe es mir
gelingen, die Leute durch tägliche falsche Berechnungen irrezuführen, das Schiss in die Nähe einer Küste zu bringen, die ich durch Rudern erreichen konnte und zu entfliehen während die Leute sich auf hoher See glaubten. Es würde allerdings scharfer Ueberlegung bedürfen, um nicht Verdacht zu erregen, doch war dies der einzige Ausweg, der sich mrr bot, und ich entschloß mich kurzerhand, ihn zu wählen.
. * ist alles schön und gut," sagte ich, „aber ihr seht, daß ihr ohne mich nichts machen könnt, und ich habe nicht Lust, den Verdienst von zwei Jahren zu verlieren und noch dazu ganz umsonst den Mund zu halten. Ich beanspruche den gleichen Anteil an der Beute, wie die anäern'"
„Das ist nicht mehr als recht und billig," rief Hanäv Salomon. „Den sollen Sie haben." r
' Wenn etwas meinen Verdacht bestätigen konnte, so war 5 ^-. rasche Einwilligung. Hätte Händy Salomon die leiseste Msicht gehabt, mein Leben zu schonen, so würde er versucht haben, um den Preis zu feilschen: dazu kannte ich den Mann zu gut. •
(Fottsekung folgt.)


