Ausgabe 
6.9.1916
 
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sPaH e? nrchk fetten, baß sich eine regelrechte ftvabegisch-pstitische Kuscinandersetzung zwischen Lehrer und Schülern entspann, die, trotz aller leidenschaftlichen Erregtheit, mit einer gewissen sach­lichen beherrschten Ruhe geführt wurde.

Zu Rektor Kröger zu gehen und ihm alles nritzuteilen, das wagte Bertillae nicht, aus Furcht, daß die so bedenklich weit ge­diehenen Gegensäpe zwischen Lehrer und Schülern ihn um seine Stellung bringen könnten. Bon einem geordneten Lehrbetrieb konnte nicht mehr die Rede sein. Die Nichtsnutzigkeit der Schüler, die fick bekanntlich immer die schwächsten und gütigsten Lehrer zu ihrem Opfer auswählt, war im Falle Bertillae in Feindscl>aft ausgeartet, und es läßt sich nicht verschweigen, daß Rektor Krögers blinde Vertrauensseligkeit von der Schuld der Unterlassung nicht sreizusprechen war.

lagen die Dinge, als Bertiltae eines Morgens es war nach dem schulfreien Tag nach Antwerpens Fall, und auf der Aafel prangte in riesiger SchriftAntwerpen i" in die er-> wartuugssr>ol>e Tertia eintrat, gebeugt, die Augen übernächtig gerändert, die weißen Schnurrbartspitzen gar nicht kämpferisch ge­sträubt und gar nicht mehr in der gesunden, cholerischen Röte', die feinem faltigen Gesicht den Ausdruck unverwüstlicher Frische tzckb. Aber junge Augen sind grausam blind, fie_ sehen nicht fremden Schmerz, zumal wenn sie selbst vor Freude strahlen. Und so begrüßte die kindische Gesellschaft den alten Bertillae mit einem halblauten, aber kräftigen .ChorusAntwerpen, Antwerpen, du, wmrderschöne Stadt". Aber Bertillae brauste »richt auf, hatte kein spitzes, ironisches Wort, sondern sagte nun ganz einfach:Mvn fils eft tombe Mein Sohn ist gefallen." Und faßte sich an den Kopf uitb sagte noch leise:Wollt ihr mär heute etwas Ruhe haltend'

Ta wurde es mit einem Male ganz still in der Klasse; aber ganz anders still als jene drückenden schrveigsamen Pausen nach einem Crescendo des Lärms, die nur einen neuen Schabernack ein­leiteten. Die Klasse hielt den Atem an, es ging gleichsam ein großes Augenniederschlagen durch die Bankreihen, Köpfe senkten« sich und ein gemeinsames Fühlen schwebte fast körperlich im Raume Dem Mann da oben am Pult, den sie geärgert hatten all die Tage, war ein Sohn gefallen. Er hatte euren Sohn draußen kämpfen gegen die Deutschen, und hier brachte der Vater deutschen Jungen das Französische bei: das loar nicht leicht, und sie hatten es ihm wahrhaftig nicht leicht gemacht all die Tage. Und nunj ist sein Sohn gefallen, aber Armmrd Bertillae steht oben aus den: Katheder mrd gleich wird er beginnen, die Lasontaineschu Fabel durchzusprechen:Maitre corbeau, sur un arbre perchS . . Als ob nichts geschehen wäre. Aber beiläufig ahnten sie, wie es .tut, n-enn einem der Sohn gefallen ist. Sie hatten es mit- angesehen, mit verschüchtertem scheuen Blick, bei Bekannten und Verwandten oder bei sich daheim. Sie hatten die bleichen, zucken­den, zerfurchten Gesichter gesehen. Es waren die gleichen Züge wie die von Bertillae, jeden erimrerten sie an ein Gesicht, das ganz ähnlich vom Schmerz gezeichnet war. O, es n>ar so etwas Brüderlich-Gleiches in allen diesen Gesichtern.

Irgendwo in einer Bankecke schluchzte eurer. Bertillae blickt« aus und da begegnete ihm, wie eine tvarme Lichtwelle, der volle, reine, innige Blick aus dreißig Knabenaugen.. Da saßen die Jungen, tränenbedeckt, gequält, schmerzhaft heiß von dem Gestihl durch­glüht, dem alten Mann da oben Liebes zu tun; und erkannten dumpf. Um wieviel leichter es sei, Feindschaft zu zeigen als Liebe. Aber sie fühlten doch auch, daß Bertillae sie verstand. Und wunder­volle Aviegespräche gingen von Herz zu Herz in dieser ftistbaren Minute.

Tann schlugen sie ihre Chrestomathien auf und schritten an die Aufgabe, die Lafontarneschen Verse in Prosa zu übertragen.

Gedenke, datz du ein Deutscher bist!

Gedenke der .Baralong"-Mörder!

Gedenke der .King Stephen"-Schnrken!

Gedenke des Meuchelmords an unserem Weddigen!

Gedenke der öffentlichen Auspeitschmrg deutscher kaiserlicher Beamter in der Südsee!

Gedenke, daß deinem Kaiser von englischen Ministern englisches Strafgericht" angedroht ist!

Gedenke Casements!

Gedenke, daß du von englischen Ministern zum Auswurf der Menschheit verurteilt bist!

Gedenke, daß keil, Opfer zu groß sein kann für deine Freiheit, Würde, Wehrkraft'.

Gedenke, daß du ein Deutscher bist!

_ Aus demTürmer*.

vermischte».

* Eine Kraftmaschine für alle Betriebsstoffe. Ein norwegischer Techniker, der Ingenieur Berggraf, der einige für die Konservenindustrie wichtige Erfindungen gemacht hat, will jetzt, wie dasStavanger Aftenblad" berichtet, eineMaschine für alle Betriebsstoffe* gebaut haben, der dar Blatt ein« große

Zukunft verspricht. Die Kraftmaschine soll mit Dar, Benzin, Petroleum, aber auch mit Dampf betrieben werden können und wird als eine Bereinigung der Prinzipien der gewöhnlichen Dampf­maschine mit denen der Turbine beschrieben, worunter man sich freilich nichts Bestimmtes vorstellen kann. ES hat sich in Stavanger eine Gesellschaft mit einem Betriebsvermögen von 120 000 Kronen gebildet, die die Patente, die in allen Knlturstaaten nachgcsucht werden sollen, ausnutzen will.

* Der Haarschneidekamm. Dem amerikanischen Haar­schneider erwächst ein gefährlicher Nebenbuhler: der Haarschneide- kämm, der vor kurzem erfunden worden ist. .Schneide deine Haare zu Hause!" lautet der neue Wahlspruch. Man braucht sich dazu nur einen gewöhnlichen Gnmmikamm von mittlerer Größe zu kaufen, an dem ein Metallhalter befestigt ist, der in eine Schneide ausläuft, die ungefähr halb so groß wie das gewöhnliche Raster- meffer, aber etwas dünner ist. Je nachdem man die Haare kurz oder länger abschneiden will, zieht nran eine Schraube fest oder loser an, wodurch die Entfernung von der Schneide zunr Kamm geregelt wird. Dann kämmt man sich in gleichmäßigen Strichen das mehr oder weniger üppige Lockenhaar, und in wenigen Minuten ist das Haarschneidegeschäft erledigt. Die Schneide wird heraus­genommen, der Kamnr unverzüglich gereinigt, und .der Herr ist bedient*.

vüchertlsch.

SealSsield: Die Erzählung vom Obersten Morse. Nr. 36 der .W ctiliteratu r", München 2, Färbergraben 24. Preis der Nummer 10 Pfg.

Der erfolgreichen Heimkehr des ersten Unterwaffer-Fracht- fchiffesDeutschland" aus Amerika in den Heimathafen Bremen, die in der vergangenen Woche das Tagesgespräch bildete, ist ein erheb­licher Teil der soeben erschienenen Nr. 3319 der .Leipziger Illustrierten Zeitung* gewidmet. Im textlichen Teil fesselt eine lebenswahre Schilderung der Knabenjahre des Kapitäns König ans der Feder von Armin Stein. Weiter enthält daS vorliegende Heft derIllustrierten Zeitung" noch zahlreiche Bilder und Texte zur TageSgeschichte.

Die Kriegserklärung Rumänien- a n O e st er­reich-Ungarn ist erfolgt und eine geographische Orientierung über diesen Balkanstaat und seine Nachbargebiete in Erwartung der kommenden Ereigniffe daher ein Bedürfnis, dem eine sehr schöne, neue Kriegskarte: Rumänien, 1 :1 Mill., 70:100 Ztm. groß, Preis ft. 1,20 = Mk. 1,. mit Postznsendung K 1,30 Mk. 1,10 (Verlag von G. Freytag Sr Berndt, Wien VII. und Leipzig (Robert Friese. Seeburgstratze 96) bestens entspricht. In 7 Farben ausgesührt, mit zahlreichen Ortsnamen versehen, zeigt die saubere Kriegskarte das Gebiet zwischen Belgrad, Sofia, Odessa, Kolomea, Miskolc-, so zwar, daß außer Rumänien auch große Teile von Serbien lind Bulgarien (bis zu ihren Hauptstädten), dann das viel genailnte Beffarabien, endlich die Bukowina, ein Teil Galiziens und ein be­trächtliches Stück Uilgarns dargestellt erscheinen.

Ter Verein vorn Roten Kreuz, Ausschllß für Deutsche Kriegs­gefangene in Frankfurt a. M., hat eine kleine, sehr beachtenswerte Schrift herallsgegeben unter dem Titel-.Welche rechtlichen Ansprüche habeil dieAngehörigennnsererKriegs- t e i l n e h nl e r?" Hier finden diese die Bestimmungen zusammen- gestellt und erörtert, auf Grund deren sie Allsprüche irgend welcher Art geltend zll lnachen berechtigt sind, und die dabei einznschlagenden Wege angegeben. Da wird Auskunft erteilt über Familien- unterstütznng, Ueberweiflmg des Gehalts oder der Löhnung an die Angehörigen Kriegsgefangener lrnd Vermißter, Anspruch aus Fnhr- preiS-Ermäßiglmg, Reilten-Zuwendungeil an Hinterbliebene^ sowie Gnadenbezüge für diese, Erstattllng von Beerdigungskosten, Nachlaß- regeluilg, Ansprüche auf Grlmd von Kranken-, Invalide!'- mib Angestelltenversicherung, Wochenhilse. Beigegeben ist eine Anzahl Beispiele für allerlei derartige Anträge. Die zeitge,näße gemein­nützige Schrift ist für alle Kreise unseres Volkes rmelltbehrlich. Darum sollen alle Unternehmungen mit einer großen Zahl von Angestellten für diese oder deren Angehörige eine gröbere Menge von Abdrücken beziehen; städtische Behörden würden sich ein Ver­dienst erwerben durch möglichste Verbreitung der praktischen Schrift, deren Preis nur 10 Pfennig beträgt. -

vexierrälsel.

Ein alter Bauln im Walde steht,

Urmächtig, voller Majestät.

Ich weiß, daß ich kein Waldgott bin.

Doch wohn' im Baum ich mitten drin.

Die Frucht des Baullles findest du,

Fügst dl» dein Wort ein l hinzu.

Nur setz' es richtig, gib wohl achtt Sonst hat du jemand unrgebracht.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Numnttöl Dragon, Dragoner.

SchrMeilung: Ir. R. Zenz. Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universttäts-Buch und Steindruckerei. R. Lange. Gießen.