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Zur Geschichte der Naturtheaters.
Von Karl Höcker.
Naturtheater. Freilichtbühnen oder wie man sie nennen mag, Werden bald an diesem, bald an jenem Ort eröffnet. Auch hier in Gießen besteht ja seit 1909 eine solche Bühne, die uns scholl viel Schönes geboten hat und noch bieten lvird. Vielleicht dürfte eS daher von Interesse sein, einiges Geschichtliches über das Naturtheater Lu bringen. Daß man überhaupt auf den Gedanken kam, Ml Freien Theater zu spielen, ist weiter nicht verwunderlich, erinnert man ftch doch, hierbei der ältesten Zeiten, als die Kunst noch Gottesdienst Unter freiem HimMel war. Zweimal haben sich im Lmrfe der literarischen Entwicklung dramatische Gebilde organisch aus rultischen Handlungen irgeildwelcher Art herausgehoben, ans gnechrschem Boden, wo dse attische Tragödie sich aus den eleu- smischeii Mysterien gebildet hat, und in den kirchlichen Mysterien des chirtstlrcheu Mittelalters. Im Verlaufe einer langen Tradition sind in beiden Fällen ähnliche und doch in vieleni wieder unendlich. perschiedene Gebilde entstanden, die in venoickelter, gegen- «eiliger Beeinflussung für das moderne Drama nnd besonders für seine Aufführung in der Natur entscheidend geworden sind. Gerade die Passionspiele, derben erste Anfänge wir in der Miestlsturgie des Ostersormtags und der Praixs seines Vortrages zu suchen haben, Iwr-beu noch heute im Freien gespielt.
Genaues läßt sich bis jetzt über die Geschichte des NarurthocuerH ptcht bringen, da es an Literatur sehr mangelt. Das hier Gebotene kann mithin nur lückenhaft sem und vielfach inüsfen wir Ikns! mit Vermutungen begnügen.
Im Jahre 1907 konnte man auf der Mannheimer Spusstellung Line alte Naturbühne aus! den: 16. Jahrhundert sehen. Sie war Beter Behrens errichtet. Ter Misdruck „Naturbühne" ist allerdings hier- nicht am Platze. Es war weiter nichts als ein anmutiger Gartenschmuck. Eine kleine Bühne, guf beiden Seiten je ichei Heckenknlissen, ein Prospekt und gegenüber der halbkreisförmige, vertiefte Zu schau erraum . Solche Gartentheater findet man noch heute in verlassenen Parks, es sind die sogenannten „th^Ltres de veidüre" („Theater im Grünen") des 16. Jahrhunderts. Unwillkürlich denken wir da an Frankreich, war doch Frankreich gerade ftn 18. Jahrhundert, was Gartenarchitektur anbelangt, für ganz Europa inaßgebend. Wir wissen, daß unter Ludwig XIV. oft int Freien Komödie gespielt -wurde, man denke nur an die Moliere- Ausftchrungen im Park von Versailles (Georges Dandin 1668). Ob wir aber Frankreich, als Ursprungsland des Naturtheaters be- reichnen dürfen, ist sehr fraglich, denn die Gartentheater-, die wir tioch Leute womerhalten in italienischen Villen vorfinden, stammen -tim Teil aus dem 17. Jahrhundert. Der Engländer Jnigo Triggs erwähnt in seinem Buch über die Gartenarchitektur m Italien (London 1906) folgendes': Im Garten der Villa Cvllodi ber Pescia (Arnotal), ferner im Garten der Billa Gori bei Siena, in der Billa Sermrrdi her Siena und endlich das größte Naturtheaker Italiens! im Garten der ,Villa Castelnuovo bei Palermo, Nock) dadurch interessant, daß als Prospekt eine riesige Stückwand mit gemalter Szenerie dient. — Wir werden demnach Italien als Ursprungsland der Naturtheater anzusehen haben, und wahrscheinlich ist von da die Bewegung zu uns nach Deutschland gekommen. In einem alten Werke über Gartenarchitektur von Matthias Diesel, der- tm Anfang des 18. Jahrhunderts lebte und die Stellung eines „Ingenieurs der- Sommerpaläste" am bayrischen Hof bekleidet haben soll, ftndet sich! der Entwurf eines Naturtheaters nebst Zuschauerraum, und zwar ist dies das heute noch gut erhaltene Naturtheater im Salzburger Mirabellgarten.
Möglich ist, daß es das erste derartige Theater in Deutschland var, wo gerade zu dieser Zeit in Salzburg italienische Architekten ahlreich vertreten waren. Ob Diesel selbst der Erbauer war. wissen vir nicht. Aus dem Grundriß in Diesels Werk sehen wir, daß die vühne noch nicht in der später üblichen Form erbaut ist, sondern re scheint vielmehr in schon vorhandene Lanbengänge hin ein g e- chnittm tvorden zu sein, so daß z. B. die dritte Gasse die Bühne im Mtzen Winkel trifft. Die Bühne verjüngt sich nach hinten sehr stark, orn rechts und Uitfe 1 sehen wir zwei Lölven, neben denen! Treppen hinunterführen.
Weiter wissen wir von einer großen Naturbühne, die zur Feier der Krönung Karls VI. zUm König von Böhmen 1723 im Schloß- Karten dn Kaiserlick-en Burg zu Prag errichtet wurde, die 1757 her der Belagerung der Stadt durch die Prckußen in Flammen ausging. Der Erbauer dieser Kühne lvar der berühmte italienische Theaterarchitekt Giuseppe Gatti-Bibiena (1696—1757). Die genaue Beschreibung Und Abbildung dieses Bauwerks, dessen Maße ganz riesig gewesen sein müssen fnrden lpir bet Hammitzsch, Der Uwderne Theaterbau I. Teil S. 153 sf. Bei der Uraufführung von pCostanza e Fortezza" wirkten allein 100 Sänger und 300 Diusi- ler ntff, der ZuschauerrcüNn konnte narf) H. etlva 3000 Zuschauer aufnehmerr Der ganze Bau inüß künstlerisch vollendet gewesen sein: .Ueppigkeit, Phantastik, seine Pracht und Großartigkeit feieni Wl bu^ch nneii edlen Geschmack geführt, höchste Triumphe." — vüilSEi 1 7^ 8 rn Bayreuth, wo die Jnrrenausstattnng des
cherrchmrses unter ferner Leitung beendet wird; bei dieser Gelegen- ^tBlyerftch vaS heute noch Aut erhaltene, sogenannte ro- wantsche Theater in der Eremitage nach Gallis Angaben enichtet.
Die Markgräfin Wilhelminc schreibt darüber in ihren Memonmvt ,wn y peut rouer un opsra en Plein air." —
Von Bayreuth kam Galli nach Dresden, wo er seit 1747 in Drensten August III. stand. Hier wurden zwei Naturtheater nach fernen Plänen erbaut, das inr sogenannten „Großen Garten" und un Park von Groß-Sedlitz. Im Jahre 1754 trat der Künstler A oie Dienste Friedrichs des Großen und starb 1757 in Berlin. Är t" üiHeinsberg noch erhaltene Naturtheater wurde wahrschein- nch <mch nach seinen Skizzen gebaut. Auf diesem Theater wurden französische Stücke von französischen Schauspielern aufgesnhrt. (Hohenzoltern-Jahrbuch 1902.) —
O r ^vben einen Teil der älteren „Theater im Grünen", deni Lebenslauf Giuseppe Gallis folgend, genannt, und kommen nun zu den übrigen, die aus dieser Zeit in Deutschland noch bekannt sind. Da ist zunächst das große Naturtheater in Herrnhausen bei 'Hannover zu erioähnen. Es befindet sich in denr großen 1698 angelegten Park. Die Bühne ist sehr groß und tief, ^e Kulissen besteheii aus Spalierwändeu mit Buchengebüsch bepflanzt. Bor den Kulissen stehen aus Steinsockeln antike Statuen, sechs auf jeder Seite. U^er die Entstehung der Bühne ist nichts Näheres bekannt. Aufführungen sollen noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts startgefunden haben. Das nächste TAater, über M. wwe beftridet sich hn Pftrk von mwäierc bei
Weimar. Da Schloß Belvedere 1724—30 erbaut ltntrbe, stammt ta e t^ Dheater tvahrscheinlich aus derselben Zeit, wo die oben erwähnten Bühnen erbaut rvurdeu. Inr Südlvesten Deutschlands sind noch zu nennen die Theater in BraunshaM, Schlvetzkngett und Beitshöchheim bei Würzburg. In dem Park des früher Großherzoglich Hessischen Schlößchens Hraunsharht bei £ a , r n JJ t a v P t Nnden sich noch Ueberrsste eines Stadtthaaters. Sechs Spalienvände, die alK Kulissen dieitten, konnte ich entdecken. Sonst ylchts. Bksser erhalten ist das Naturtheater im Pari zu Schwetzingen dem „pfälzischen Versailles". Abgcbildet ist es bei Malter, Geschichte des Theaters am kurpfälzischen me. Den Hintergrund der Bühne bildete, :pie heute noch, der Ferfenhüges, aus deni sich der Apollotempel erhÄt. Erbaut ist das Theater von deni Bruder des sckwu genannten Giuseppe Galli, Nessandro. der MN Kurpfälzischen Hose eüle ähnliche Rolle wie sein Bruder in Tn'esdeii und Berlin spielte. Aus dieseni Theater wurde am 25 Juni 1775 eine Auffühnmg von ,.?Arcadia consxwatw' veranstaltet, ^tne Oper, der-eu Textbuch den ausdrücklichen Vermerk tragt: ^ „Aufzunihi'en auf deni 9?aurtheater im Park zü chwetztngen." IWohl erhalten ist endlich das Naturtheater im Fv Vkltshöchheim. Es wurde wahrscheinlich von dem Fürst- vckchlos Adanr Friedrich von Geinsheim (1755—79) ermchtet. Näheres über Entstehung und Benutzung des Thieakeks ist nicht bekannt.
Fraglich ist al^rdings, ob diese Naturbühnen immer zu Tyeaterzlvecken verioandt wurden, nannte man doch in der alten Gartenbaukunst erhöhte Plätze, die den Abschluß einer Alles bildeten, mich „Th^rtec". „Gartelrtheater" ist in den anfehnlichst>n Gärten em großer, meist erhaben angelegter Platz, der ab- wechselnd unt Fontänen und Statuen reichlich geziert ist. Es dient ein solches Theater, dem Garten selbst ein angenehmes Ansehen zu machen, und wird dadurch dasselbe um so vielmehr vermehret, wenn sich n,i Wasserfall in dessen Prospekte präsentiert." Cs ist also möglich, daß man hier Und da frilhere „th^akres de Vevdur»" auch zjn solchen Zwecken gebrauchte. — Die in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts ern-dringende englische Gartenvaukunft zerstörte das Jnterr-esse an den „tlMtres de verdiire vollständig, und gar manches Von ihnen mag danials spurlos ver-schwnnden sein. —
.. Erst in neuerer Zeit hat wiederum eine Natnrtheaterbelvegnng mächtig eingesetzt. Doch diese Bühnen unterscheiden sich sehr von den glteu „Tl-eater Grünen". Jene „dienten nur dem Amufernent einer kleinen aristokratisck-en Gesellschaft^, die jetzigen .stehen jedermarm offen. Auf dem Zuhörerranm wird sechst verstau dl ich größerer Wert gelegt, da er möglichst viel Menschen fassen soll. Damit alle verstehen können, sucht man sie meistens anrphrtheatrallsch zu setzen, wie bei dem antiken Theater. Ms Bühne rmrd dann der Platz vor dem Zuschauerraum acuommeN, deu man möglichst ul seiner natürlichen Verfassung läßt, nur, wo es nötig ist, wird man dustch Sträucher und Gebüsch die Zugänge zu verdecken suchen. In manchen Theatern hat man auch feste Gebäude auf der Bühue ernchtet, um darin etlva
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letzten Jahren allein in Deutschland etlva 100 Nakurbühnwr erstanden; greifen wir die bekanntesten her-aus. Da lvaren zu Minen: DaS große Waldtheater in Zoppot hex DaN zig, wo auch besonders Openr und Operetten gegeben lverden, die lwüirutt« Freilichtbühne zu Oetigl-eim in Baden, wo jedcm Somnrcr Schillers unter Mitwirkung der ganzen Einn.whnersckmft ausaeführt wird, das Natur-theater in der Schloßncine zu P>rdeli>veiler rm Schwarzrvald, die Waldtheater in Trilxwg, Friedrichrc^i, K^cnz nach, .Marbach u. a. Vielfach lpurden ganz bestimmte Jesispiele
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vorgesührt; Die Rhein sagen spiele zu Ri Festspiele auf der ScknnnMllg, die Mubürg bei Heidelberg, die SommersMeke aus
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