Schicksale.
Roman von Heinrich Korn selb.
(Nachdruck verbotet.)
(Nrn«r1kani1che- Copyright by Carl Vunckrr 1914.)
(Fortfetzung.)
Alphonse de Marsillargnes hatte Schluß St. Chamant vor Tau und Tag verlassen. Mcht in einem jähen Aufwallen von Verbitterung, von Feindseligkeit - darüber ivar er jetzt hinaus > W nz kaltblütig hatte er sich morgens um fünf Uhr ertyob ?n, sich an ge Neidet, seine wenigen Sachen in die beiden .Handtaschen gepackt; seinen Chauffeur geweckt. Und als der Krastumgen^ ratternd und schnarrend bereit stand, da schnallte er die Handlasll-en ans heni heruntergelassencn Kofsergestell fest, stieg ein, warf den Schlag hinter sich zu und ries ein kurzes „Allons"!
Während der 60pferdiae Brasier donnernd die Chaussee dahinjagte, Kilometer sraß und mit jeder Minute sich in rasender Fahrt Paris mehr und mehr näherte. . . lehnte, Alphonse de Marsillargnes im Fond des Wagens und dachte eigentlich an garntchts
Tausend ivirre wüste Pläne und 0-edanken, Entwürfe und Projekte loareu in der letzten Nacht du eck) sein Gehirn getollt. Jetzt aber nicht nrchr. Jetzt lag das altes hinter ihm. Jetzt sah er nur noch ein Ziel vor sich — seine Absicht zu erreichen.
Das Oberkommando der XI. dentsck>en Armee durfte St. Clmmant nicht lebend mehr verlassen! So lautete die eherne Formel, die er sich als Ergebnis der letzten schlaflosen Nacht ins Gehirn gehämmert. !
Nichts weiter vorläufig; nur dies: — das Oberkom- mundo der XI. deutschen Armee durste Schwß St. Chamant nicht lebend mehr verlassen!
Und trotzdem — während der 60vserdige Brasier in windender Fahrt dahinstürmte, während die steil ragenden langweiligen, von Staub und Schnmtz gran überkrusteten Papch'ln blitzschnell vorbeihnschten, lv ährend Kilometer um Kilometer unter den Pneumatiks des Wagens znrückblieb . . schmiedete sein Hirn doch unwillkürlich wieder an der Kette der Kombinationen.
- Das Oberkommando der XI. deutschen Armee durfte Schloß St. Chamant nidyt lotend mehr verlassen — gut. Mm aber weiter:
Gelang es ihm, die Katastropl^' in der beabsichtigten Form heranfznbeschivüren . . . dann — daun . lvar die junge Marquise de St. Chamant in Frankreich unmöglich geworden. Dann würde eine sveitgel^ende Untersuchung der französischen, vielleicht sogar der deutschen Militärbehörden einsetzen. ttngeahnde Venvicklnttgsmö-glichdeiten schlummerten in der Zukunft Alle die Freunve des verstorbenen Marquis Rens de St Ehamant, die diente noch seiner Witloe
huldigten, würden sich kalt und feindselig von ihr abnieud^n und vielleicht - vielleicht lvar dann die Zeit gekommen,, die Jutta damals hohnlachend ins Reich der Fabel verwiesen k— die Zeit, daß sie glücklich und dankbar sich in div schützenden Arme ihres Cousins Alpl>onje de Marsillargnes! flüchtete — des einzigen Menschen, der in dieser dunklen Zeit des Unglücks treu zu ihr gestanden.
Zu dieser Entwicklung mußten die Ereignisse mit zwingender Logik treiben. Und um sie erst einmal in Fluß zu bringen, um sie in die richtige Bahn zu leiten, galt ems als Boraussetzung: — das Oberbommando der XI. deutschen Armee durste Schloß St. Ehamant nicht lebend mehr vei> lassen!
Ein SchnrlensnSch^ der blühende Menschenleben dahiu- .jnähte. Eine Infamie, die das Leben einer hilfloser! jungen Frau kaltblütig in den Schmutz trat.
Alphonse de Maisillargues beschönigte nichts vor sich selbst. Aber was Sentimentalitäten in einer Zeit, da die Welt in Flammen stand, bet Bintgeruch zum Himmel dunstete. da alle Jnstinkte^hohe und niedrige— da alle Leidenschaften, edle und erbärmliche, miteinander rangen!
Der Schluß der Pariser Börse hatte Alphonse de Mar* sillargnes zu einen! Bettler gemacht. Mehr noch — zu einem Briganten, einem Schnappsack, einem Buschklepper.
Er würde noch Mittel und Wege finden, für die nächsten Monate seine Existenz zu fristen, den Schein aufrecht, zu erhalten. Diese nächsten Monate aber mußten auch zu-> gleich die Wiege sein, ans der ihm eine neue Existenz aus- wuchs. Jetzt war er ein Korsar, den: der Schicksalssturm. sein Ranbschifs zertrümmert -- jetzt klammerte er sich au treibeude Planken — .jetzt gab es keine Rücksicht mehx.
Ueberdies — er hatte die Witwe seines Cousins Renö nie geliebt — er hatte überhaupt noch keine Fran geliebt — er hatte sich selbst einen Narren und einen sensiblen Kretin gescholten, wenn eine Frau je vermocht hätte, über ihn Gewalt zu gewinnen. Figuren ans dem Schachbrett des Lebens . . . diese Rolle mochten sie spucken Darüber hinaus aber nichts inehr. So entsprach es seiner Philosophie. Sv blieb er sich selbst treu; so würde er auch handeln. , ^
Vae victis! Und wer hilflos am Boden liegt, über den rollt zermalmend der Wagen des Schicksals hinweg.
Ex aber — Alphonse de Marsillargnes — er wollte ausrecht stehen. Er wollte dem Schicksalswageu mit starker Faust in die Speichen fallen. ^ _
Er ln:saß eine Consine — Jutta Marquise de L>t. Chamant; und ihre Millionen würden das Sprungbrett sein, das er brauchte, würden das Relief sein, daraus sein Leben und seine Lebensführung angewiesen.
So arbeiteten seine tzX'danten. Und der VOpferdige Brasier raste unter dröhnendem Drmn-een dalün und rings lag flimmerndes Herbstsonnenigold auf de-n abgeernteten Weizen- und Roggenschlägeu; Gottes frieden atmete die


