Ausgabe 
7.8.1916
 
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Ich Hab intmet zit dir aufgesehen und Hab mich immer an dich augelehnt und Hab immer alles von dir erhofft wie könnte dci die Entscheidung über unsere Zukunft in meiner Macht liegen."

Er ließ ihre Hand frei; er erhob sich wieder; die Ner­vosität trieb ihn hoch, daß er abermals vor der lleirmr Rasenbank auf und nieder zu wandern begann.

Und doch ist es so, Marguerite."

Dann erkläre mir das, Alphonse."

Ich will's tun, soweit der Augenblick solche Erklä­rungen znläßt.

Ich weiß du begreifst nichst, welchen Zweck ich bannt verfolgte, als ich dir diesen Aufenthalt in St. Chamant ver­schaffte. Sei nicht vorzeitig neugierig, Marguerite. Sei es auch nicht, wenn ich dir jetzt einen Auftrag gebe."

Einen Auftrags

Den du mühelos und bis ins geringste genau erfüllen kannst, ohne dich irgend welchen Gefahren oder Unannehm­lichkeiten auszusetzen."

Und wie lautet dieser Auftrag?"

Verschaffe mir binnen acht Tagen eine genaue Liste der Namen aller deutschen Offiziere, die augenblicklich im ziavanerhans von St. Chamant einquartiert sind. Gib mir eine Aufstellung der einzelnen Zimmer des Kavalierhauses und zu welchen Zwecken diese Räume dienen. Und besorge mir schließlich einen Grundriß dieses Kavalierhauses, aus dem ich die Lage der Räumlichkeiten ersehen kann, die nicht von deutschen Offizieren bewohnt sind also Bodenräume, Giebelzimmer, Kellereien. Besonders die Lage der Kellereien interessiert mich."

Marguerite Varrel hatte ihn atemlos und mit ge­wannter Aufmerksamkeit angehört. Und noch ehe er zu Ende gesprochen, fühlte sie schon wieder jene wesenlose schattenhafte Angst, lenes unerklärliche Entsetzen, jenes qualvolle Bangig- kettsgefuhl, das sie schon einmal vor ihm und seinen ge­heimnisvollen Worten ergriffen. Bon dieser Angst hatte sie sich in den letzten Wochen der Einsamkeit und der Sorge an einem Krankenbett gewaltsam wieder freigemacht. Hatte es vermocht, Alphonse de Marsillargues nur in Liebe und Sehnjucht zu gedenken.

Jetzt aber war diese Angst wieder da dies Entsetzen dies Bangigkeitsgefühl.

Sie erhob sich unwillkürlich.

mußt^o mtXClt ir;m ben 2^9, daß er den Schritt verhalten

Wozu willst du das alles wissen, Alphonse?"

Frag nicht, Kind." -

,>Wozu willst du das alles wissen, Alphonse?"

Marguerite!"

Aber die leise Drohung, die jählings in diesem einen Wort aufwachte, die schreckte sie nicht. Die Angst vor dem unbekannten trieb ihr die Worte über die Lippen!

.® u t£ ar 5 auf St. Chamant seit Jahren häufig

W)?. Du stehst zu deiner Cousine in einem nahen ver? wandtschaftlichen Verhältnis. Du darfst hier ungehindert <" ö . . . weshalb betraust du mich jetzt mit

beimlichen Aufträgen? Weshalb hast du dir das HanS nicht selbst angesehen? Weshalb hast du deine Cousine nie nach all Dirjen Dingen gefragt?"

Wissenschaften früher nie etwas gelegen hat. Werl ich fte erst heut brauche."

Was hast du vor, Alphonse?"

^ b'cht zu ihr heran und legte ihr beide Hände

auf die Schulter und sah ihr tief in die Äugen. S

.. ich vorhabe, kleine Marguerite? Ich habe vor -

Enticherduna über unsere Zukunft und unser gemein, samev Gluck rn deine Hände zu legen!"

Seine körperliche Nähe; der weiche kosende Ton seiner Stinline; die berauschenden Möglichkeiten, die sich hinter seinen- Worten aufreckten wie ein Fieber wollte es Mar- guerite Varrel crfaffeu. CÖC

Aber seine Augen diese großen dunklen zärtlickien Augen, in denen sich ihpc Seele so oft verfangen hatte 7

^gen, dre auch heute versprachen und lockten

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Margarete Varrel wußte nicht, was sie tat als fw» Alphonse de Marsillargues von ihren Schultern herunterriß. Wußte nicht, was sie .tat, als sie iS S und halberstickt entgegenschlenderte:

Nein -i oas tu ich nicht, Alphonse! . . . daS tu ich nicht!!" ~ '

Und wandte sich bon ihm und hastete fort und jagte durch die Kieswege.

Nein die kleine sauste Marguerite Varrel wußte nicht, was sie tat, als sie idie Nähe Alphonse de-Marsillargues floh; als sie den Mut fand, ihm zu trotzen; als sie das, was sie für ihr Glück gehalten, all die Monate und Jahre das mit eigenen Härchen in Stücke brach.

und konnte doch nicht anders handeln weil etwas in ihr erwacht war, dein sie willenlos erlag, dem sie opferte, was ibrer Seele Seligkeit gewesen.

Vielleicht ist in mancher einer Frau dies Unerklärliche, dies Gewaltige, dies Elementare vielleicht ist es in manchen von ihnen zu der Stunde, wo sie zur mater tlolorosa werden, wo sie ihr bißchen armseliges irdisches Glück mit zuckenden Händen von sieh tun, wo sie demütig sich beugen und zur Kreuzesträgerin werden.

Vielleicht in solcher Stun.de ... und' grübeln nachher em ganzes endloses graues! Leben, was sie zu solchem Tun getrieben.

*

Auch Alphonse de Marsillargues hatte den Platz vor der verschwiegenen Rasenbank verlassen. Nicht in Eile. Nicht eine Sekunde hatte er den Versuch! gemacht, der davon^ stürzenden Marguerite Varrel nachzueilen ... dieser Ge­danke kam ihm gar -nicht. Dazu begriff er überhaupt noch viel zu wenig, ivas sich da eben vor seinen Augen und Ohren ereignet. Da mußte wohl erst eine halbe Stunde ruhigen konzentrierten Ueberlegens vwgangen sein, ehe ihm die Erkenntnis 'dessen kam, was geschehen.

So glich er mehr einem 'von jählings vor ihm nieder­schmetternden Blitzschlag halbbetänbteu Menschen, als er sich abwandte und den Platz verließ, zwischen dein blühenden Unterholz des Parkes verschwand.

*

Attention!"

Und wie dem Oberstabsarzt Dr. Hartmann dies kurz und scharf zugerannte Wort au§ Ohr schlug da fühlte er auch schon auf dem Uniformärmel eine Hand, die sich um [einen Arm legte, ihn energisch zurückhielt.

Blitzschnell drehte er sich um. )

Hinter ihm stand ein Mann... ein kleiner korpulenter Herr mit dem typischen französischen Henri quatre; un­ruhigen krellen Augen; wüschngem rabenschwarzem Haar, von dem ihm eine dicke glänzende Strähne unter dem Hut­rände hervorgekrochen war und über die Stirn fiel

Der lange dünne Oberstabsarzt starrte den kleinen Dicken an, starrte ihm in die krellen Angen und- überlegte wo er diesen dtzqnn schon mal gesehen. Denn irgendwo war Au der ibegegnet. Ganz sicher. Und erst kurze Zeit mußte

Die Gedanken seines Gegenüber schienen den gleichen Weg gewandert zu sem. Denn jetzt nahm er die Rechte von den: tlmforrnarmel, zog den Hut und verbeugte sich kurz-

vSfty bin der Doktor Darraqon aus Paris kan, in Begleitung des Herrn de Marsillargues gestern in St. Cba-

UT ? -5 er afte r n Marquise auf ihrem letzten Wege das Ehrengeleit zu geben." a

^ jetzt entsann sich der Oberstabsarzt. Gestern

am Grabe hatte iieben dem Verwandten der jnnqeu Mar­quise dieser kleine dicke Herr gestanden . Wie aber - znm Teufel... wie kani cs, dag dieser Kerl sich letzt hier an diesem menschenverlorenen Ort befand? Heer zwischen den Syrmgenbüschen neben der marmornen Venus? Hatte er schon lange hinter ihm dem Docktor m gestanden? War er gleichfalls unfreiwillig Z°»ge des Gesprächs zwischen Alphonse de Marsillargues und Marguerite Varrel geworden? Oder batte ibn eine bestimmte Absicht getrieben, Zuhörer dieser Aus- einandersetzung zu werden?

Dem langen Oberstabsarzt wirbelten in dieser Sekunde ß> 0 $c . tau ^ en ^ Fragen und Vermutungen durch den Kopf: er gab sich gar keine Mühe, sie sofort zu klären und zu ordnen dazu wurde später Zeit sein.

Jetzt wollte er nur für das Eine Rechenschaft haben.

Warum haben Sie mich eben' zurückg eh alten als ick» dem Herrn de Marsillargues folgen wollte?" ' ** ®

Weil Sie alles verdorben hätten, mein Herr"

Wasalles?" v

(Fortsetzung folgt.)