Ausgabe 
19.7.1916
 
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Wenn ey deinen Wünschen entspräche, Alphonse nie!"

Also dann las; uns darüber reden, Marguerite."

Er zog sich einen Stuhl heran; er ließ sich nieder; er griff' nach ihren beiden Händen und hielt sie zwischen den seinigen, während er sprach:

Sieh mal, Cherie wir beide gehören doch zuein­ander. Schon seit Jahren. Wir haben uns kennen gelernt; wir lieben uns; und wenn dieser Krieg Vorüber ist, dann sollst bii meine entzückende kleine Frau werden. Das habe ich dir ja oft genug versprochen und ich weiß d>u zwei­felst uirf)l au ineinen Worten."

Sie hielt beu Kopf tief gesenkt, als scheue sie sich, ihm in die 9lngen zu sehen.

Ein zartes juugmädchenhaftes Karmin überflog ihr Gesicht, als sie leis entgegnete:

Nein, Mphonse 'ich zweifle nicht daran. Ich träume täglich und stündlich von dieser Zeit des Glücks."

EinüZili'ick aber muß man sich verdienen, kleine Mar­guerite."

Ich will o Alphonse, ich will es mir mit tausend Freuden verdienen."

Dazu sollst du Gelegenheit haben, Kind. Uttb nun höre:

Du weißt, ich war acht Tage verreist. Ich habe mich während dieser Zeit auf dern Schloß St. Chamant, das meiner verwitweten Cousine gehört, besuchsweise aufge- halten. Es liegt nur hundert Kilometer von der deutschen Schlachtsrout entfernt." *

Margnerite Varrel sah erschrocken auf.

Nur hundert Kilometer, Alphonse? «Aber weshalb hat deine Cousine das Schloß dann noch nicht verlassen und ist nach Paris gegangen?"

Weil sie nicht allein das Schloß bewohnt, sondern dort lebt auch noch ihre Schwiegermutter, die Mutter ihres ver­storbenen Gatten, eine sechsundsiebzigjährige Greisin. Augenblicklich liegt die alte Dame schwer!rank unb ist nicht transportfähig Und ails Liebe zu ihr und Besorgnis trotzt meine Cousine allen Gefahren und der Möglichkeit einer et­waigen Beschießung des Schlosses."

Marguerite Varrel ließ ihn nicht aus den Augen. Sie flüsterte:

Ich kenne deine Cousine nicht, Alphonse. Aber sie muß ein Engel an Herzensgute sein."

Sie ist es,, kleine Marguerite 'trotzdem sie aus Deutschland zu uns gekommen. Aber laß mich weiter sprechen: ,

Mannigfache Gründe, die ich dir im Augenblick nickt auseiuandersetzeu kann, haben während meines Aufenthalts in St. Chamant den Wunsch in mir reifen lassen, während der nächsten Monate dort einen Menschen zu wissen, der mir blindlings ergeben ist und auf den ich mich restlos ver­lassen kann. Nur du darfst und kannst dieser Mensch sein, Margnerite. Also versprich mir, sofern sich die Möglichkeit dazu bietet daß dn gewissermaßen.in meinem Ans­trage nach St. Ehamant gehen und für die nächsten Monate dort leben willst."

Das «junge Mädchen strich sich ,mit verlorener Haudbewe- gung über die Stirn. Sie begriff das alles nicht.' Tausend Fragen und Gedanken drängten sich ihr ans. Und doch gab sie nur einem einzigen Raum.

Weiß deine Cousine von diesein Plan, Alphonse?"

Um Gotteswilleü."

Aber wie willst dn denn die Möglichkeit finden,, mir einen längeren Aufenthalt in dem Schloß zu ermöglichen?"

Auch darüber habe ich schon nachgedacht, Marguerite; und als glücklichste Lösung scheint es mir ich schicke dich mit einem ausführlichen Brief zu meiner Cousine. Mit einen: Brief des Inhalts dn seiest Elsässerin, hättest heim Ausbruch des Krieges durch einen Unglücksfall deine beiden Eltern verloren und wärest jetzt eine mittellose Waise. So­weit ich meine Cpusiue kenne, wird sie sich mit tausend Freude,: deiner anuehmen und dir in ihren: Hause eine Stellung als Gesellschafterin oder Vorleserin oder ähnlich anweisen. Du wirst also ein durchaus behagliches Leben führen und eine herrliche Zeit verleben.."

Aber Alphonse dieser Brief wäre hoch eine Lüge! Gew:ß, :ch bin Elsässerin und bin eine Waise; aber ich An :n Paris geboren und ernähre mich doch wenn auch be- schewey, so doch, ehrlich als Putzmacherin: und überdies weißt du ja, daß. mejn Vater als Gerichtsaktuar gestorben :st, ,ch also aus einer sehr achtungswerten Familie staNrwe."

Mphonse de Marsillargues hatte ihre Hände freigegebeip er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schlug wie stets, wenn er nervös wurde die Beine übereinarider.

Versteh mich doch recht, Cherie wenn ich meiner Cousine diesen tatsächlichen Sachlverhalt schriebe, so läge doch nicht die mindeste Veranlassung für sie vor, dich in ihrem Hause aufzunehmen."

Mer weshalb soll sie es denn überhaupt tun. Welchen Wert und welchen Erfolg versprichst dir davon?"

Eine Sekunde stutzte er vor ihren klarer: fragenden Unschuldsvollen Augen. Dann versetzte er kurz und fast mit leiser Schärfe:

Ich verspreche mir davon, Marguerite, daß deine Anwesenheit auf St. Chamant für die Ausführung meiner Ideen notwendig und unbedingt erforderlich ist."

Und diese Jde.eu, Alphonse?"

Da kam in seine großen schwarzer: Augen ein kaltes stechendes Licht.

Diese Ideen, Marguerite, sind nur einige wenige Glieder in einer langen Kette von Arbeit und Aufopfe­rung fikr r:nser Vaterland! An dieser Antwort laß dir solange genügen, bis es an der Zeit ist, dir nähere Mit­teilungen zp machen. Und entscheide dich sofort - bist du bereit, meinen: Wunsche zu entsprechen und nach St. Cha­mant zu gehen, sobald die Zeit aekommen?"

Da wagte sie keinen Eiuwaud mehr.

Irgendwo in einem ganz versteckten. Winkel ihres Her­zens lebte etwas wie eine duirrpse Angst oder auch nur wie leise Benommenheit - vor dem Unverstäirdlichen, das man von ihr verlangte und das sie nicht"begriff vor eii:er kaltblütigen Lüge.

Aber diese Lüge forderte von ihr ja Mphonse de Mar­sillargues.

Er den sie liebte mit all ihrer Reinheit er, in den sie sich verloren hatte... er, der sie in Bann geschlagen mit seinen großen zärtlicher: Augen und. seiner weichen Stimme und all seinen herrlichen Eigenschaften.

Alphonse verlangte diese Lüge; und Marguerite Varrel besaß nicht die Kraft, seinen: Verlangen ?>>.: widerstehen.

Sie neigte demütig den Kopf und flüsterte:

Ich bin bereit, Paris zu verlassen, wann du es von nur forderst, Alphonse!"

*

Waren das jetzt seltsame Tage auf St. Ehaiuaut. Drei Jahre lang hatte das Schloß still uich wie verwunschen dageleaeu; vergraben in der großen Stille ringsum und der seltsam tiefen Weltabg-eschiedeuh.it.

^ Drei Jahre da die roeiteu prunkvollen Räume und Säle nur die junge schöne Marquise und eine alte gebückte Greijin sahen; drei Jahre da nur das Rascheln und Rauschen eines Frauenkleides und der fast lautlose Schritt der Dienerschaft das vertraute Schweigen störte.

Und nun plötzlich quirlte aufgestärtes, straffes, jrisch- ' zugreifendes Lehen durch die Zimmerfluchten des Schlosses, durch die weiten grünen dämmernden Gänge uub Alleen des Parkes, durch das abseits gelegene, im Blockhnusstil gehaltene Kavalierhaus.

Dort in der Depeudeuee hatte Se. Exzellenz der Gene­ral der Infanterie, der Oberbefehlshaber der XI. deutschen Armee, sein Hauptquartier aufgeschlagcu. Die in: Erdgeschoß gelegenen Räume waren ihm zuu: Wohnen und Arbeiten eingerichtet worden, während in den oberen acht Zimmern sein Stad es sich nach Möglichkeit behaglich machte.

Auf der großen Allee aber, die'von: Kavalierhaus quer durch den Park zun: schweren gußeisernen Portal und weiter hinaus zur Chaussee führte - herrschte Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Das war ein ständiges Kommen und Gehen. Ordonnanzoffiziere preschten bei: Kiesweg, herauf, daß unter den Hufen ihrer Gäüle der Schotter: spritzte. Motorradfahrer surrten vorüber; hin unb wieder sogar brachte ein Kraftlvageu b<$ Freiwilligen Automobil Korps zu kurzen: Besuch und wicht:Kr Rücksprache mit dem Oberkommaudierenden illustre Perstzulichkxiteu. '

Die Funker hätten eine Station äugMgt. hatten Tele­phon und TelegrapHeuleitungeu gezogen. Morseapparate arbeiteten. Telephonkliugelu schrillten unablässig durch die Nacht. Cs war ein Kommen und Gehen, ein Gewimmel, ein Wirrwarr van Offizieren und Maltuschafteu üud Pferden ruck) KraftryaKu.

Hier im KavchierhauK tzes Schlosses St. ChauiauL wohnte und arbeitete und dachde der Geist!, der weit rück-