Ausgabe 
10.7.1916
 
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Darüber, gnädigste Marquise, dürste letzteilendes das Schicksal entscheiden. Oder auch vielleicht der Kriegsgott oder meinetwegen der Zufall... wie gesagt ulte möglichen und unmöglichen Elemente, nur nicht inenschliche Berechn nun st."

Die schjönc junge Frau hatte sich tief in ihren Sessel Zurück gelehnt. Sie achtete kann: ans die respektvollen und doch sveimütigen Erklärungen ihres Gastes in ihr war eine seltsame Empfindung,

Was ihr da aus seinen Worten und aus dem Klang! seiner Stimme entgegentvehte... das war wie eine Ahnung von endlosen Feldbreiten, üher denen sich türkisblauer Herbsthimmel wölbte. Das war lute ein Hauch von Frische und männlicher Entschlossenheit und unbekümmertem Drauf­gängertum und Heldentaten, um die nicht viel Wesens ge? macht wurde. Das war wie ein Begriff voll Kraft und Mut und Mer Energie das war der verkörperte Begriff des Deutschtums.

Versunkene Jugendjahre, die unter seinen Worten auf- w achten.

Ei'.r zielloses Trämnen siel sie an. Und sie merkte es kaum, und schreckte doch unvermittelt zusammen und sagte ohne tteberlegen, ohne mt beit Pariser Bett er und die alte Frau da oben ans dem Krankenbett zu denken:

Schloß Dt. Ehamant hat sechsunddreißig Zimmer, voll denen ich Ihnen zwanzig für die Offiziere zur Ber- fi'lgnng stelle. Das Doppelte an Mannschaften könnte in den Wirtschaftsgebäuden, u n t e r g e dr a cht werden."

Der Rittmeister Brünnow hatte aufmerksam zu gehört, schwieg eine Sekunde, als »volle er sich das Gehörte über­schlagen und berechnen. Dann verbeugte er sich dankend voil feinem Sessel aus.

DaS genügt selbstverständlich. Darf ich fragen, ob unsere Einquartierung bereits morgen nachmittag erfolgen könnte?"

Die deutschen Offiziere werden mir jederzeit willkom­men sein, mein Herr."

Da erhob sich der späte Gast. Fast gleichzeitig mit der Dame des Hauses.

Gestatten gnädigste Marquise mir, meinen gehor­samsten Dank für solch hochherzige Gastfreundschaft aus- znsprechen."

.,Es liegt keine Veranlassung dazu vor, mein Herr. Aber Sie werden von dem Ritt sicher!erniüdct sein und noch nicht zur Nacht gegessen haben. Wenn ich Sie daher bitten darf. . .

Gehorsamsten Dank: aber die Zeit drängt. Gnädigste Marquise wollen mir daher gärigst gestatten, mich sofort zn verabschieden."

Da neigte sic nur leise den Kopf.

Werde ich das Vergnügen haben, mein Herr, Sie von morgen ab gleichfalls zu meinen Gästen zu zählen?"

Der Rittmeister Brünnow verneigte sich schweigend.

Also dann werden Sie mir willkommen fein: und ans Wiedersehen, mein Herr."

Nochmals gehorsamsten Tank, gnädigste Marquise."

Die Schloßherrin druckte aus den Knopf einer elek­trischen Klingel. Ein Diener trat ein.

Frederic - geleite den Herrn wieder hinaus."

. . letztes klirrendes Zusammenschlagen der Hacken die Tur schloß sich hinter dem deutschen Offizier.

Die rinn ge Frau war im Zimmer stehen geblieben und anscche reglos, bis sich unten im steingepstasterten Schtoß- ho, P/.".'de ge trappet erhob anschwoll schbvächer wurde erstarb.

Da wandte sie sich ab und stieg wieder die breite Frei- trepne zur ersten Etage hinauf und betrat den Speisesaal, wo Herr de Marsiltargnes noch immer am Tisch saß und seine Zigarette rauchte.

Vetter Alphonse wir werden voii morgen nach- nn'uig ab ans Schloß >Lt. Ehamant große Einquartierung haben." ^

Er erhob sich hastig. In seinen dunklen Augen flackerte es flüchtig auf.

*on französischen Offizieren, teuerste Cousine?"

rt'ei'., von deutschen Offizieren!"

«r wich einen Schritt zurück. Um seinen schmallippigen 5.'. nnd^lief eme feine scharfe Falte.

Jutta Sie treiben einen Scherz mit mir."

>->ch sage die volle Wahrheit, Vetter Alphiorrset Und * ibw: '" meinen Sie wirklich, ich hätte bis heut nicht

gewußt oder zumindest geahnt, daß drüben an der Marne, reine hundert Kilometer von hier, bereits deutsche Truppen stehen?"

Mphonfe de Marsillargues sah seine schöne Cousine stumm und tauge an. Etwas'Lauerndes war in diesem Blick

Eine Deutsche unter deutschen Offizieren!"... mur­melte er zlvischen den Zähnen.

Aber sie verstand es doch; sie versetzte klar und scharf:

Vetter Alphonse, vergessen Sie nicht ich bin die Witwe des französischen Marquis Rene de St. Ehamant!

Alphonse de Marsillargues saß am Schreibtisch des Arbeitszimmers', das man ihm neben seinem Schlasgemach im zweiten Stock des Schlosses St. Ehamant eingeränmt hatte.

Die Fenster, die nach dem Park hinausgingen, waren weit geöffnet.

Minutenlang saß er, den Kopf in die Hand gestützt, und starrte in die dichte Wipfelkrone einer uralten riesigen Kastanie, die ihre Zweige bis dicht an das Fenster heraw- schob; saß da und starrte gedankenverloren in-das dämm- rige Grün und lauschte einer Amsel, die irgendlvo in den Büschen sang.

Ganz reglos das scharfe Gesicht. Nur manchmal glitt ein scharfes leises Zucken um die Augenlider der ein-< zige Beweis, daß sein Gehirn rastlos arbeitete.

Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen zu sein.

Er legte sich den Briefbogen bereit, griff nach der Feder und schrieb:

Lieber Doktor,

ich danke Ihnen für Ihre Zeilen, die ich mit der heutigen Frühpost erhielt. Ich ersehe aus ihnen, daß unsere Leute in Paris die verzweifeltste Gehirncqnilibriftik treiben, weil ihnen das Wasser nachgerade schon'bis ans Kinn reicht.

Lieber Doktor, diese Klagen Jeremias aus den Trüm­mern Jerusalems hätten Sie sich füglich ersparen können. Ich vermute auch ohnedies, daß ich 511 den einigermaßen intelligenten Zeitgenossen gehöre. Worauf es ankommt, ist einfach - einen Gegenschachzug zu ersinnen, um der verdammten Baisseipekntaiion das Wasser gründlich ab- zugraben. Wie die Dinge im Frankreich dieser Stunde ste­hen, sintksie allerdings niederschmetternd trostlos; das ist so der richtige Boden, auf dem die Baissespekulation gol­dene Berge zusanlmcnscharrt.

Sie schreiben mir, unsere Regierung habe ihren Sitz nach Bordeaux verlegt. Wer hat diesen Wahnsinn ausge­heckt? Gab es im großen Paris, gab es im großen Frank­reich denn nicht outen einzigen entschlossenen Mann, der diesen Feiglingen von Ministern rechtzeitig in den Arm fiel? Die französische Regierung in Bordeaux dos schon allem wäre ein hatbvcwlorener Feldzug. Dieser Entschluß ist etne grenzenlose Selbsterniedrigung vor der ganzen Kulturwelt! Dieser Entschluß muß notwendig unsere Ver­bündeten an der Themse und Newa noch stutziger und pe'simisttscher machen! Sie wissen, lieber Doktor ich Persönlich habe noch stets und zu jeder Zeit gegen die Poinearesche Manier, sich mit Unterstützung des Credit Lyonnais und der Banqne de' France Bundesgenossen zu werben, respektive sie bei guter Stimmung zn halten,

-inobtl gemacht. In der Boulevarovresse wie auch in ra^ dikal nationalen und privaten Zirkeln. Genützt hat es keinen Pfifferling. Dieser Poincars ist der Ruin des französischen Nationalbewußtseins! Und leiht jetzt seine Hand dazu, daß diese Feiglinge von Ministern das Spiel schon nach den ersten paar Zügen verloren geben und sich nach Bordeaux flüchten! Wahnsinn, Doktor ein hirnloses stupides erbärmliches gemeines Verbrechen an Volk und Vaterland! Die Baissespekulation natürlich jubelt und unser nationaler Kredit verliert jetzt auch noch seinen letzten Rückhalt.

Lieber Doktor - ich sagte Ihnen ja vor acht Tagen, daß ich meine Tante und. meine Cousine in St. Ehamant be,uchen wollte. Sie schüttelten darüber den Kopf: denn uach Ihrer Ansicht ga.b es natürlich wichtigere Fragen und Probleme, als zwei mehr oder weniger nebensächt- ltchen Damen die Hand zn küssen und vor ihnen den Kavalier zu spielen. Recht haben Sie. Und so ivill ich Ihnen denn verraten, daß dieser Reise eine tiefere Ver­anlassung zugrunde liegt. Und daß nicht nur ich, sondern Nut alle, die wir am gleichen Strang ziehen, ein geweik-