Ausgabe 
3.7.1916
 
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Beiäuritfcn und mit ihnen das jähere für einen gerichtlichen Termin zu besprechen.

Als Jost sich verabschiedet hatte, blieb Lilian iioch einen Augenblick, die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen, wie sinnend inmitten des Zimmers stehen. Em leiser Schauer überrieselte sie, als uiMvehe es sie kalt. Sie dachte daran, daß sie iiiinmehr alteiii, gaiiz allein iioch die Fnrstenlrone der Gotteriieggs trug. Uiid sie ivar aiis der Freuwe geiom- men. Mehr noch: sie war aus der Tiefe gestiegen, ^ie kannte ihres Hauses Ursprung; der ivar dunkel. Der Großvater hatte in Sakraniento Gold gewaschen und irgend eine anfge- lesene Dirne geheiratet; der Urahn hatte vielleicht in emev englischen Stadt die Straßen gekehrt. Und sie ne schmückte der Fürstenreif eiiies Geschlechts, desseii letzter niannUcher Sprosse sich aller Titel und Würden entänßerte, um glücklich werden zu fönncn. Sie trug mit ihrem Reichtum allein noch diese fürstliche Krone und war aus der Fremde gekommen und aus dem Duiikel. ... . .

Ein leiser Schauer beschlich sie, em Gefühl der Vereln- samnng. Wie hilfesuchend und sehnsuchtsvoll blickte sie hin­über zu-Harro, dessen schlanke und feste Gestalt sich von der Helle des Fensters abzeichnete. Er schaute in den winterlichen Park, über den die Flocken rieselten; er schaute in die schlum­mernde Natur und ein frohes Lächeln ging über sein Gesicht.

Er reckte sich und wandte sich um._

Jost hatte Velten abgeholt; nun eilten die beiden nach dem Prinzenhause. Es war derselbe Weg, ben Jost viel hundertmal geschritten war; aber heute dünkte er ihm länger als je. Der Schnee knirschte. In den Birken satz ein Schwarm krächzender Krähen, schwarze Punkte im Glanz der Natur. Um die Douglaskiefern stäubte eine weitze Wolke flimmernder Kristallatome, die ein Windzug hob und wieder langsam auf die Nadeln niederließ. Aber nur leise ging der Wind; es lag Frieden über der Landschaft.

Im Boudoir Annemaries satz Eva zu Füßen der jungen Fürstin.

Genug?" fragte sie und ließ das Buch sinken, aus dem sie vorgelescn hatte;sind Sie müde, Durchlaucht?"

Ich bin es, wenn Sie nicht Annemarie zu mir sagen. Dann bin ich nicht nur müde, sondern auch böse, Eva, wir find ja doch Freundinnen geworden! Wie soll ich Ihnen denn anders danken für Ihre treue Pflege und alle Ihre Liebe als durch meine Freundschaft? Wird es Ihnen so schwer, mich beim Vornamen zu nennen?"

Es ist nur Vergeßlichkeit seien Sie nicht böse. Viel­leicht kommt guch ein wenig Schüchternheit dazu. Das ist sehr seltsam. Bei 'Jost und Velten empfand ich sie nicht, obwohl das doch Männer sind. Ich empfand gar nichts dabei, als sic mir eines Tages das Du anboten. Woher mag das wohl kommen?"

Ja, woher? Bloß, lveil Ihr Studiengenossen wäret? Ich glaube, das ist eine Empsindnngssache, über die sich nicht rechten läßt. Aehnliches fühle ich auch zuweilen. Ich habe zwei gute Freunde: Velten und Otto Reschke. Der eine war mein Spielkamerad und der andre mein Lehrer. Beide müßten mir eigentlich gleich nahe stehen oder am nächsten noch Velten. Aber sehen Sie: so innig, wie ich mich Otto anvertraue, wage ich inich Velten gegenüber doch nicht zu geben. Und das tut mir manchmal von Herzen leid, denn ich weiß wohl, daß er ineine Dankbarkeit verdient. Emp- sindungssache, nicht wahr? . . ."

Eva nickte. Sie saß auf einem Taburett neben der Chaiselongue, auf der Annemarie ruhte, hatte das Buch fallen lassen und verschränkte die.Hände über die hochge^o- genen Knie. Si enickte und schaute gedankenvoll ans die Noscnbnkctte im Teppich.Er ist lange nicht hier gewesen," sagte sie träumerisch.

Wer? Otto? Ja, liebe Eva, er hat doch noch mehr zu tun, als sich nur mit mir zu beschäftigen! Verwöhnt hat .er mich freilich. Hat mich nicht nur als halbe Leiche hierher transportiert und ist nicht nur hier geblieben, bis ich wieder einigermaßen lebensfähig war, sondern ist in der ersten Zeit auch allsonntäglich herübergekommen, um sich vom Fort­schreiten meiner Besserung zu überzeugen. Gr ist ein lieber, treuer, anhänglicher Freund. Ich möchte ihm so gern etwas Gutes erweisen, aber ich weiß bloß nicht was. Ich möchte ihm eine hübsche Stickerei machen, aber ich sticke so schlecht. Schade, daß ich nicht malen kann, dann hätte ich ihm das Prinzenhaus gemalt oder den Götzen oder die Schleuse die Schleuse hat er besonders gern . . . glauben Sie, daß ich

noch male.n lernen würde? Oder auch nur zeichnen? Ich weile mich so.._ * . _

Eva lachte fröhlich auf.Gott sec Dank, daß Sie sich wieder langweilen können," rief sie.Das ist das beste, Zeichen für Ihre Genesung. . . Sie schaute aufmerksam in das Gesicht der jungen Frau. . . . Aber der Ausdruck im Auge gefällt mir noch nicht. Der ist mir noch zu winter­lich; ich möchte ihn lenzljcher haben, sonniger und lachender. Wollen wir es nicht noch einmal mit der Grete versuchen, Annemarie? Soll ich sie rufen lassen?"

Nein, Eva . . . oder doch ich will Mich bezwmgew Ich will wieder gaiiz, ganz gesund werden ich will wieder einmal fröhlich sein ach, ich möchte so gern vergessen... Sie preßte den Kopf tiefer in die Kissen und schaute nuh weit geöffneten Augen zur Zimmerdecke empor.Ich wollte, es wäre alles nur ein Traum gewesen. Mir ist zillveilcii so. Es ist gräßlich, an all das zurückzudenken",

Denken Sie an künftige Zeiten, Annemarie.

Mail kann die Erinnerung nicht löschen. Ach, wenn das ginge! Es war zu furchtbar wie ein Sturz aus dem

Himmel_Eva, ich habe so glücklich gelebt. Und dann ans

einmal. . ." Sie richtete sich auf. . .Was soll ich mir noch den Kopf zermartern, wie alles gekommen ist," sagte sie klagend,ich verstehe es doch nicht, ich fasse cs mcht, ich werde es nie begreifen. Aber ich fühle, daß ich das Sterbeil überwunden habe; ich möchte auch wcitcrlcbcn. Ich will - - ja, ich will vergessen. Lassen Sie mir die Grete rufen, Eva. Sie soll mir fcon ihrem Glück erzählen, von der Hochzeit, von ihren neuen Kleidern und allem. Sie soll wieder lustig schwatzen, wie früher. ..."

^Es 'klopfte.Mit untertänigster Permissivn," ,agte Jost, die Tür öffnend,darf man herein?" Die beiden Männer ftanben bereits im Zimmer und verneigten sich. Mir ist, als ob ich ein Heiligtum beträte," bemerkte Velten. Mir ist, als stände ich im Tempel der Hoffnung," sagte Jost.

Annemarie niefte ihnen zu. ,'Redet keinen Unfug, ge­ehrte Herren, nehmt euch ein paar Sessel und setzt euch zu mir. Jost, was hast du da in der Hand?"

Ein- Buch, Schwesterherz."

Das sehe ich, aber was für eins."

Ein Dokument," sagte Velten,ein wissenschaftliches, doch auch ein menschliches."

Ah," rief Eva und sprang aus,das Gillenberg- Buch?" ' . r

Ja, Eva," antwortete Jost,und das ist bei n Ex­emplar."

Sie nahm es, bewunderte den Einband, schlug es auf, las den Titel und dann das Widmnngsblatt, wurde rot und reichte Jost die Hand.Ich danke dir, lieber Jost aber so rege war meine Mitarbeit nicht, daß du meinen Namen zu nennen brauchtest. Du machst mich unnötig stolz. . . ." Und bannt schlug sie das Buch wieder zu und legte es aus den Tisch.

Jost war verblüfft; er hatte mit Bestimmtheit erwartet, sie werde weiter blättern. Velten lächelte.Nun bist du hereingerasselt, lvitziger Held," sagte er leise, und taut fügte er hinzu:Willst du dir das Buch denn nicht ein wenig, näher an sehen, Eva?"

Es eilt mir nicht," entgegnete diese harmlos'.

Aber mir eilt es!" rief Jost aufgeregt. >

Gib es mir," sagte Annemarie bittend;ich inöcht' es mir auch einmal anschäuen."

Nein, das geht nicht, Annemarie. . . Jost hatte einen roten Kopf bekommen und wurde immer lebhafter. Das geht nicht. Zuerst muß es Eva dnrchblättern. Es steht da nämlich etwas drin"

Aber ich weiß ja, was drill steht," sagte Eva lächelnd.

Das weißt du n ich t!" rief Jost.Dieses Exemplar ist das Exemplar, welches... Herrgott, jetzt kommt alles an­ders, wie ich wollte! Eva, ich hatte also, ich hatte dir da hineingeschrieben"

Ich würde es jetzt lieber sageil," bemerkte Velten trocken.

Gllt!" schrie Jost wütend. Er war wirklich ärgerlich^ und er schrie auch.Gut! Eva, ich hatte mir alles so hübsch gedacht, aber bn hast die Geschichte verfahren! Es war poe? tisch uild niedlich und sollte mich über meinen Mangel an Sprachtalent himvegbringen. Doch jetzt spreche ich!"

Sogar sehr lallt," warf Annemarie verwundert ein, und Eva sagte, wieder nach dein Buche greifend:Ja, aber was hast du beim"