Tür in öcm roten Zaune geöffnet und waren an der Säae- halle vorüber den alten Wiesenweg hinaufgegangen. Hier am Mehr war Grete lang nicht gewesen. Die Wasser sprudelten wie immer und gebärdeten sich zwischen der Um- mauerung wie ein reißender Wildbach; aber hinter der Schütze wurden sie zahmer, und da hingen auch am Uferrande blanke Eisstücke und tropften in der Sonne. Den fallemden Tropfen schaute Grete nach, und es kam ihr zui Si;m, wie sie einstmals zur Sommerszeit mit der lieben armen Annemarie an der Schleuse gesessen hatte, hinter den Brombeeren, Berberitzen nud Pfaffenhütchen, und beide hatten ein törichtes Geschwätz geführt, was sie von der Zukunft erhofften und sich wünschten. Grete hatte ein gutes Gedächtnis; sie erinnerte sich noch genau, lute sie ihrer Sehnsucht Worte verliehen hatte: ein wirklicher Graf möge kommen und um sie freien. Das war ihre Seligkeit gewesen in heimlicher Hoffnung — und der wirkliche Gras war auch wirklich gekommen, und nun war sie seine Braut und im Lenz sollte .Hochzeit sein. Und was das Merkwürdigste war: dieser Gras tat gar nicht so>, als sei ejr von gräflichem Stamme, sondern, freute sich auf die neue Arbeit, die seiner wartete, und wollte ein Müller werden und selber den Acker bestellen; er tat viel weniger hochgeboren als Grete selbst, und wenn sie ihn nicht so sehr geliebt hätte, würde sie das vielleicht als Entartung empfunden und als ein böses Fragezeichen für die Zukunft betrachtet haben.
So aber liebte sie ihn, und das war ein Gliick, denn in der faulen Grete begann wieder Besseres zu erwachen und chr hoher Mut wurde ganz klein. Wenn Artern sie am Kopfe nahm und küßte, wohin der Mund gerade traf, und ihr sagte: „Grete, den Oberinspektor jagen wir hinaus, der Oberinspektor bin i)ch selbst" — da nickte sie erfreut und gab ihm seine Küsse zurück; und wenn Artern ihre Hand nahm und ihr erklärte: der Miesbacher Schlag sei nichts für die Weiden der Nuthe, er wolle es einmal mit einem Mischblut aus Holland und Wesermarsche versuchen — da war sie so eifrig bei der Sache, als sei der Glanz der Rinderzucht auf dem Burglehn von jeher der Traum ihres Daseins gewesen. Freilich, manchmal hatte sie auch ein klein wenig Furcht Nun war sie heraus ans dem Banernrock, und da kam der gräfliche Bräutigam und sagte ihr, der grundbesitzende Adel und das Bauerntüm, das seien nahd Verwandte. Und cmcf) un Vater wurde das alte Blut wieder rebellisch; er reckte Zuweilen die Arme, daß die Gelenke knackten; er freute sich auf den Fnihling und difi Aussaat, er hatte einen Dampfpflug bestellt und besprach mit Gideon voll lebhaftem Eifer die Neueinrichtung der Mühlen, die man dem Pächter wieder ab nehmen wollte. Er war auch nicht mehr so fein wie in den letzten Jahren; im Hause freilich, da schyute Grete auf rhu und achtete auf sein Aenßeres; aber im Freien strich er zuweilen in einem uralten Kittel herum, und eines Tages holte er auch die Kniestiefeln hervor, die nicht geputzt, sondern nur geschmiert werden durften: er wollte einmal die Kuhstä^le ans dem Vorwerk reöibieren. Das waren bedenkliche Symptome. Grete merkte sie, aber sie sagte nichts.
hoffte ans ein ausgleichendes ju8te miüen. Wenn Gideon über die Felder sprengte oder in den Wald ging, sah er Quci) Nicht höfisch aus; alle Wetter nein — dia trug er meist 5.^i ^erwogenes Kostüm, ähnlich wie der selige Herzog von Cnisklrch, und wer ibn nicht kannte und furchtsam war mochte ihm gern aus dem Wege gehen. Aber im Salon war er immer der vornehme Mann. Das tröstete Grete einiger- mchzen. Mochte der Vater sich wieder kopfüber in die alten Passionen purzen: m die Landwirtschaft und in den Mehl- uub L.agestaub der Müllerei - im Salon sollte die Bügelfalte bleiben,' das tröstete Grete. J
Mer es kam doch auch neue Lust in sie. Nun war es abgemacht: Otto hatte sich damit einverstanden erklärt, daß chm der Betrag des Burglehns nach Landschaftstaxe im Erbe gebracht würde. Artern nahm fü7 seine 2fr?" ?' wlt Besitz in, Verwaltung. Man,schaffte also künftighin ans Emblem. Da wurde Grete hellhöria, wenn Gideon von ^^LFsl^^ungen sprach, von netlen Drainagen, einer zweck- maßlgeren Geldeinteilung und Fruchtfolge, von der Anlage einer Brennerei, von diesem und jenem. Sie marschierte so- Tages Mit chm durch die Ställe; das ging nicht sie inußte das Kleid schürzen und wurche f O0te: // "'?. a tut es der Buuernrock, derbe * e u . n ^ JvSftci. . . . Sie mußte mit den niedlichen Stie- ^ '^olzschuhe schlüpfen, die eine Magd vor sie h stellte, und da es kalt war, hing Artern ihr den Loden>
kotzen, den eir selber trug, um die Schulterm. Aber es machte chr doch Freude, als Gideon nun Arm in Arm mit ihr die Stallgänge hinabschritt, ihr allerhand Erklärungen gab, von neuer Aufzucht sprach und hinein anderen Molkereisystem, von einem gewaltigen Umsturz in der Schweinemästung und der Abschaffung der Perlhühner zugunsten einer erweiterten Putenzucht. Er hatte auf Gotternegg viel gelernt; Kappstein und Riefenstahl waren seine Lehrmeister gewesen, er hatte redlich gearbeitet und gedachte seine Erfahrungen nun auf eigenem Besitz zu verwerten. Es ging Grete seltsam: sie begann Interesse für Dinge zu gewinnen, die ihr bisher höchst gleichgültig gewesen waren. Und es geschah auf kluge Weise, wie Artern dies Interesse zu wecken verstand. Er mokierte sich nicht mehr über sie und manche ihrer kleinlichen Regungen; er wurde kameradschaftlich und blieb bei aller Verliebtheit doch der verständige Berater.
Ganz glücklich war der alte Reschke. Was Otto wohl zu Gretes Verlobung sagen würde, das hatte ihm noch Sorge gemacht. Aber Otto hatte herzlich gratuliert und an den
weder berufsmäßig, noch aus innerer lleberzeugung Pest simist. Ich male mir also das Ehegliick Gretes keineswegs grau in grau aus, obwohl das nachbarliche Vorbild, Du weißt, was ich meine, einigermaßen zu derlei Schattierungen berechtigen könnte. Ich habe mich Dir gegenüber einmal zu einem herben Wort über Artern verleiten lassen, und ich wünsche nichts sehnlicher, als daß die Zukunft mich Lügen strafen möge. Jedenfalls steht sest: Euer Gideon gehört nicht zu jenen jungen Grasen, von denen der alte Fritz sägte, daß sie in den Spinnstuben Fleiß lernen müßten. Euer Gideon besitzt wenigstens tätige Hände, und daß er Mühle und Bnrglehn wieder vereinigen will, „als wie in alter Zeit", das freut mich besonders an ihm. Er mag auch der rechte Mann sein, der Grete gelegentlich derb den Köpf zu waschen versteht, und vielleicht mischt sich in beider Brut glücklich der derbe Bauernschlag unsrer Väter mit dem Blanblütigen, so daß ans dem Burglehn ein Geschlecht heranwächst, aus das dwReschkes ebenso stolz sein können wie das Grafenhaus. Es kommt mir noch schier unwirklich vor, dieser Ehe weg zwischen Burgmühle und Grafenhans. Aber da die Wirklichkeit in diesem Falte nun doch einmal unbestreitbar ist, gehe ich schon mit Hegel, der da behauptet, alles Wirkliche sei auch vernünftig. Jedenfalls ist cs das Einzige in dieser Welt des Wandels, das von Dauer ist; sela, Vater, ich drücke auch Dir aluckwunschend die Hano und hoffe, daß die Dauer zugleich Entwicklung sein wird, mit Keimen, Trieben und Blüten. Dann soll es mir gleichgültig sein, ob ans unserer alten Scholle oerernst junge Arterns nmherspringen; etwas vom „Mutterboden" wird ihnen immer verbleiben. . . ."
Ja, Reschke war glücklich. Nicht der Graf machte ihn so froh, aber der Mann. Er hatte volle Schätzung für die Tüch- trgkeit Arterns; er hatte es vor Angen gesehen, wie der „Leichtfuß und Höfling" bei Tagesanbruch mit den Leuten auf dem Felde gewesen war und noch in sinkender Nacht im Stall bei einem kranken Pferde gesessen hatte. Er freute sich auch sur sich selbst. Er ging einmal zur Dämmerstunde an das Grab seiner Frau, nahm die Mütze vom Kopf, lehnte sich gegen das Gitter, das den Grabstein umgab, und sprach mit der Toten. „Mutter, wenn du noch lebtest, du würdest deinen Segen geben wie ich," sagte er, ohne daß es jemand anders horte, als die schneebedeckte Trauerweide über ihm „Wir haben das neue Haus gebaut, und das wär' aegen deinen Willen gewesen, ich weiß es, und ebenso Bob, die Kutschen, die Bügelfalten und Gretes Schleppcnkleid Aber nun kehrt etwas von deinem Geiste zurück. Es ist nicht der Bauernstolz, wegen dem wir uns manchmal gestritten haben wenn ich dir die Geschichte aus der Chronik erzählte, wie der Ahn den Gotzeneck mll dein Mehlsack erschlug — aber es ist der Bauern flei ß, der an deinen Händen gehaftet hat, Tilde, und der auch ein Stuck Geist ist, kraftvolle Keime in ? l€ Zukunft säend. Daß es ein Edelmännischer ist, der lins den Fleiß wiedergibt, unb keiner von unsrem Stamme, danach frage ich nicht Denn der Edelmann faßt zu wie einsb mals du selber, und seine Hand ist fest wie deine es war, und
KI' b f iU O0 £ii ^eser Gideon, hieße er bloß so und das Gräfliche fehlte, würde auch dir ein willkommener Schwieaer- sohn sem. Liebe Tilde, wir wollen uns nicht wieder zanken: ?l c Sache ist abgemacht, nndbei der Frühlingsbestellnug gehe ich wieder wie früher aufs Feld und kümmere mich um die -


