Ausgabe 
14.6.1916
 
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Aath wasjenachr großer Tag.

Don Hanns Gisbert.

(Nachdruck verboten.)

Kath Wassenach von der Lasserger Klippe ist unter den 5oänd- lern und Bauersleuten, mit denen sie in Friedenszeiten nach der Stadt fuhr, uni Hühner und Eier zu verkaufen, unter dein Namen Lasserger Kath bekannt. Sie hat es nicht leicht gehabt, sich bei den Unterbaum bachern in Achtung zu sehen. Mün trug ihr nach, baß sie.mit dcni jungen Weiler im Kyllhvfgegangen" ist, und daß der sie nachher hat sitzen lassen, um die Tochter des Schulzen aus dem Oberdorf zu freien.

Zu Anfang wollte der junge Weller das Mädchen, das damals ein schönes, frisches Ding mit Br ombe eräugen und krausem Haar Uni ein wildes, biaunes Gesicht war, wohl heiraten, wie er es ihr zehnnial für einmal versprochen hatte. Ader der Sohn eines Herrenbauern und ein Taglöhnerkind: das reimt sich schlecht znsammeü: und der Hannes war keiner von den Starkmütigen. Als der alte Weiler ein deutliches Wort vom VordieTür setzen und Enterben sprach, war sein Widerstand gebrochen. Er ging der Kath scheu aus den: Wege und ließ es geschehen, daß der ,^Vadder" dieZigeuncrsch" samt ihren Angehörigen aus dem Fnchwerkhäuschen, in deni sie zur Miete wohnten, kurzerhand aus die Straße jagte.

Tie Familie wanderte ins Unterdorf aus und kam nur an Sonntagen zum Kirchgang nach Oberbaumbach. Aber der Kath fraß es am Herzen, wenn sie sah, wie der Hannes an ihr vorüber­ging, als hätte er sie nie gekannt, und wie der alte Kyllhofbauer und der Schulze die Köpfe zusamwensteckten. Tie Leute sagten, sie könnten sich wegen der Mitgift nicht einigen. Ter Kath einzige Mitgift wären freilich nur ihre Schiönheit und Gesundheit ge­wesen, gerade das, !vas des Schulzen Lena nicht geben konnte: im Vollgefühl ihrer Jügend und Kraft stellte sie sich wohl neben daS kleine sommersprossige Ting, sobald des Hannes Blick sie itreffen konnte. Und trug den Kopf hoch, wenn die Unter baumbacher an ihr herum zweifelten. Ihr Genüssen war rein: es war doch keine. Sünde, daß sie den Schwüren des jungen Bauern geglaubt und sich als seine Braut betrachtet hatte.

Ms sie dann den Wassenach kennen lernte, einen großen, statt­lichen Menschen, der sie um Haupteshöhe überragte, und einen Freier in ihm fand, besann sie sich nicht lange. Und war beffie-< digt, daß sie im Kirchenbuchs stand, ehe die Sache mit dem Hannes und der Lena spruchreif geworden war. Llber ihr brennendes Nachegefühl gegen den schwachen Menschen, der sie schmählich ver- lasseu hatte und obendrein jetzt geringschätzig behandelte, blieb wüch und wartete auf eine Gelegenhell, sich zu äußern.

Ter Wassenach war an der Bahn, ein tüchtiger, fleißiger Mensch, der nur zuweilen, wenn er seinen Lyhn bekommen hatte, unwillkürlich den Weg Kim Wirtshaus cinschlug. Da sorgte denn die Küth, daß sic Samstags abends in der Nähe war; und hielt im übrigen Häuschen und Feld tadellos in Ordnung. Und als ein hungriges Mäulchen nach deni anderen ankam, fing Kath den Handel an, der ein hübsches Stück Geld abwarf und für einen; Notpfennig sorgte.

Tas war nun alles lange her. Ter Meller war jetzt selbst der Hährebaner", der sellic alte Liebe kaum noch gesehen hat. Nicht einmal in der Kirche: denn die Kath mit ihrer vielen Arbeit konnte nur die Zeit für die Frühmesse herausschlagen, während der Hannes Weller mit der Lena stolz ms Hochamr wanderte. diur einmal haben sie sich noch an der Kirchentür getroffen, als Kath Wassenach nach der Geburt ihres vierten stämmigen Jungen zum erstenmal wieder zur Kirche ging, während Haunes gerade seinen Ersten, den schwächlichen Hoferben, zum Pfarrer brachte.

Tie Kviegszeit, die mit Eiern und Hühnern ziemlich auftäumte, hat die Kath sozusagen xn den Ruhestand versetzt, Das heißt, was man so Ruhestand nennt. In die Stadt fährt sie nur noch einmal in der Woche, aber sie bestellt die Felder, hält die Gärten in Ordnung, da die Sommerfrischler auch während der Kriegsbeil junge Gemüse, Erbsen und Bohnen essen wollen, und geht in die Kartoffeln. Iw Somww hat sie int Jungholz Dannen gesetzt, eine in der Sonnenhitze schlimme, aber gut bezahlte Arbeit, oder im Gasthof zur Eiselaussicht bis in die Nacht hinein gespült, um hares Geld in die Hand zu bekommen.

Ja, wenu man den Mann und vier Söhne im Feld hat? S'nt Henmonat wird die Kath erst zweiundvierzig Jahre alt, aber in dem einst so glatten Gesicht sind tiefe Falten, Wind und Wetter haben es gegerbt, und die Sorge hat das Kraushaar schneeweiß gebleichtWenn Ihr heimkehrt, werdet ihr eine silberhaarige Mutter ftndeu. Llber das schaoet nichits, wenn Ihr nur l^un-

^ehvt." So staud es in den Briefen an ihre Söhne Briefe

schreiben kann sie überhaupt wie ein Professor. Und der Tom der Aelteste, hat es von ihr geerbt. Der weiß zu schildern: Die Belagerung und Beschießung ünd dann das Verfolgen des fliehenden Feindes, was hauptsächlich Sache der siebten Jäger ist, bei denen so vnle Eisler Jungen stehen. Grad abdrucken lassen in der Landes- Kertuna. könnte man die Briefe, und alle Welt würde staunen >Aber die Kath hat zuviel Angst, einer der Briefe könnte dabei verloren.gehen: sie hebt alle in dem altmodischen Pult auf, wo sie auch ihr Testament und die Sterbekerze venvahrt. Unter dem

Gesangbuch liegen Jte. Wenn die Kath in den Briefen ließt, bete* sie einen Spruch dazu, und umgekehrt,

Der Wassenach ist in Antwerpen, also'ziemlich gesichert; der Toni, der gewandte Briefschreiber, und der Pitter sind mit der: Jägern in Rußland, derDikkcs steht hei Ypern und der Jüngste im Argonnerwald. Böse Stunden haben sie mit durchgcmacht und auch schon zwei Eiserne Kreuze ins Haus gebracht. Die Kath zittert um ihre Jungen und ist ohnmaßen stolz auf sie. Bier Söhn/ stellt sie dem Vaterland, vier schneidige, tapfere, untadelige Jungen Kommen sie auch aus einem uiedern Häuschen wenn cs um Kraft, Mut, Ausdauer geht, stehen sie keinen! nach.

Tie Kath hat jetzt in der Kriegszeit mehr Besuch als vorher iv ihrem ganzen Leben. Alle wollen hören, was der Toni geschrieben hak, und was er von den anderen Jungen aus dem Ort weiß, und ob er glaubt, daß es noch einen Winterfeldzug gibt, und tausend andere Dinge.

Und eines Tages schreibt der Toni, daß der Pitter sich, bei Grodno auszeichnete, und daß er selber jetzt in Vertretung eine Schivadron führt. Und daß der Herr Leutnant ihm gesagt habe, wenn er dabei bleiben wolle, könne er noch Offizier werden« Die Brombccraugen der Kath strahlen, und ihre Wangen sind so rosig gefärbt wie in den Tagen der Jugend. Und die Nachbarn hören und itaunen. Offizier, der Sohn von dem Wassenach und der Kath, die mit Gefühl handeln ging, und die der Kyllhvfbauer vor langen ^Jahren hat sitzen lassen? Mer Kath ist stolz und selig. Bier Söhne hat sie dem Kaiser gestellt, einer wie der andere mutig, starr, tapfer.

Auch der reiche Leherhäudler aus Stellisseld und der selbst­bewußte Ochiemvirt sprechen bei ihr vor. Und als die Herbstsonne früh hinter dem Nerother Kopf gesunken ist, kommt einer, der den Hut tief ins Gesicht drückt, einer, den die Kath im ganzen Leben nicht erwartet hätte. Sie schiebt die Brille, die ihre ivell- sichtigen Augen zum Lesen nötig haben, weit ans die Stirn und

schaut aus den Bauer.Es gibt ihr ordentlich einen Stoß,

und fast kann sie es nicht glauben. . . Und doch! Der vorzeitig gealterte Mann, der ordentlich klein geworden zu sein scheint und gedrückt zu der sttahlenden Mutter emporschaut, ist der Kyll ho bauer. Ein armselig Kind hat er zu Hause, ein Mädchen, das nickst leben und sterben kann, und um den einzigen Jungen, der auch iu Rußland steht, sorgt er sich fast zu Tode. Das hat ihn hierher- get rieben.

Dän Jäffsep hat so lang net mieh geschriwwen."

Und dann kommt es: In seinem letzten Brie' e steht etwas von den beiden Wassenachs. Und da mehrt der Bauer, ob der Toni, der doch so ausführliche Briefe schreibt, nichts erwähnt habe, wann und wo er den Jnssep zuletzt sah, und tvjie es diesem ergehe. Jungen aus einem Ort, im weiten Rußland zusammen, da schriwt doch einer wat vom andern."

Unbeweglich sitzt die Kath in-der Ecke des Sofas aus ver­blichenem BaumwolId amast dem einsttgen Verlobten gegenüber. Ihre blühenden Wangen sind erdfahl geworden. Jstzt ist die stunde gekommen, da sic an dem alten Mann wett machen könnte was der jimge an ihr gesündigt hat. Jetzt könnte sie ihm das Messer ins Herz stoßen und es darin umdrehen und könnte sich rveiden an den Qualen ihres Opfers.

Tenn oft hat der Toni von dem Joseph Weiter geschrieben': daß er ein .Hinterlistiger und Falscher sei und kein rechter Soldat. Und daß er für keinen PfifferlingeKorrasch" habe. Hät sie ahtt immer gebeten, nichts davon zu erzählen. Im letzten Bries hieß es dann bei der Schilderung eines besonders schweren Gefecht^- Wir Eisler mußten da zeigen, daß wir Ehr im Leibe lnben. 'Aber erncr war unter uns, ein Feiger, aus unserem Dvrfe ist er. gottlob nicht aus unserem Regiment; aber . . ein HcrrenbaUern^ sohn. . . . Du weißt ja, Mutter.

Vier Söhne hat sie ihm Felde, in Stolz'und Ehren, und der

Svhli des Mannes ihr gegenüber.Ihre Augen tri dem

bleichen Gesicht brennen; ihre Hände zittern. Die Lippen bewegen sich, als wollten sie Worte formen; aber kein Ton dringt hervor.

So lang hat ähn net mich geschnwwen . . . Des Bauern zitternde Sorge findet keinen anderen Ausdruck.

Mit feurigen Lettern stehen die Sätze, die von dem Joseph Hameln, vor Kaths Seele. Sie weiß, was es dem stolzen Mauue meilten würde, wenn sie ihm die Stelle vorläse:Mer ciuer

war unter uns, ein Feiger." .Dem Manne, von dem

das größte Leid ihres Lebens gekommen ist! Und dann sieht sie das zusammengefallenc Gesicht des Bauern, sieht in seinen Angen die zitternde Sorge flackern, Batersorge, wie die Muttersorge trügt. Und sie weiß, daß sic ihm nicht sagen wird, was in dein Briefe steht. Jahrelang hat sie gehofft, daß sich einst eine Gelegenheit zur Rache bieten werde, zur erbarmungslosen Rache an dem, der sie verraten und brachtet hat. Und jetzt kann sie, null sie die (&v legenheit nicht nutzen.

Sie sagt deni Bauern auch nichts von der großen Ehre, die ihren beiden Aeltesten ividerfahren ist. Sie sucht nur die alten Briefe heraus und ließt vor, daß der Toni den Jüssev gesehen hat, und daß es diesem gut gelst. Und tröstjdt den Hauu^ daß die Feldpost infolge der Truppenbewegungen und raschen Bei folguugen oft im Rückstand, daß sein SohU wobl bestimmt bild von sich hören laste, und da hat sie einen Funken von Ho'fuuug rn ferne ©t'rtc zu werfen daß der Toni vor längerer Zeit ge

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