Ausgabe 
14.6.1916
 
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mit starker Faust die Schueidesägen in das Gatterwerk der Mühle gespannt hatte. Er war blaß geworden und das ganze Gesicht sah bekümmert aus. Plötzlich fiel ihm die Zigarre aus dem Munde und auf die Erde.

Otto sprang herzu und hob sie auf. Er nahm die Hand des Vaters und drückte sic herzlich.Ich bin heftig ge­worden/' sagte er,sei mir nicht böse. Ich bin verärgert, Vater, es geht mir so vielerlei gegen den Strich. Ich muß es dir sagen: ich fühle mich nicht mehr behaglich iim

Elternhause-" Er zuckte mit den Schultern.Elternhaus!

Jst's das denn noch? Die Fundamente hat man stehen lassen und darauf einen neuen Bau errichtet, der nicht mein Ge­schmack ist. Also nimm an, nur Geschmacksache sei's! Ich hatte das alte Haus gern mit den Schwalbennestern in den Stuckgirlanden über den Fenstern; die Schwalben hat man vertrieben, und sie haben viel mitgenommen, was mir lieb war. Es ist nicht der Luxus, der mich 'stört, die ganze moderne Schnörkelei, sondern die Luft, die hier weht. Sie gefällt mir nicht Geschmacksachc, Vater! . .

Der Burgmüller hatte das dritte Schwefelholz an­gestrichen und wieder verlöschen lassen. Nun legte er auch die Zigarre fort^ sie war ihm auf einmal.'zu stark geworden.

Du tust mir weh, Otto," erwiderte er;stille laß ^ich ausreden du weißt gar nicht, wie weh du mir tust. ... Für mich ist hundertmal mehr mit den alten Mauern niedergerissen worden als für dich. Aber ich habe geschwiegen. Ich sagte mir: die Jugend hat andere Forderun­gen als unsereins, und sie sind auch berechtigt. Grete lebt nun einmal in einer Welt, die nicht die ist, in der ich aus­gewachsen bin: sie hat andre Anschauungen gewonnen und Empfindungen und ich sagte mir auch, daß ich das Kind unglücklich machen würde, wenn ich sie zwingen wollte, im Bäuerlichen zu bleiben. Du bist's ja auch nicht, Ojtto; du brst ebensogut über uns herausgewachsen wie sie. Gewiß soas bei dir das Geistige ist ünd die ernste Wissenschaftlich^- ieit, bei Grete ist's tmmfer nür die glatte Oberfläche, der Hang für das Aeußerliche. Aber letzthin ist's bei euch beiden der gleiche Drang, tzu steigen; ich will sagen: der Mutter­boden, der genügte euch nicht mehr. . .

Otto schaute, an den Tisch gelehnt, mit ernstem Gesicht auf den Vater herab. Der Alte hatte sich in manchen Dingen nnt den Wandlungen um ihn selber gewandelt. Aber der Auge Mann war er geblieben, und sein Auge sah immer scharf. Die Geschlechter steigen und fallen wie die Volker, und die große Treiberin ist die Zeit. Der Urahn ^1: schlichte Bauer gewesen, der Hörige; viel- lercht hatte er nicht einmal zu schreiben vermocht. Aber Reckes dienten nicht mehr, ihr Besitz dchnte sich aus, chr Wohlstand inehrte sich. Der letzte Burgmüller stand schon über dem Bauerntum, hatte städtische Schulen be­sucht, und ein gewisser schliff der Erziehung war ihm m ct Ö eri I es waren nur vereinzelte Äußerlichkeiten, in denen er gern noch die Abstammung betonte, teils aus auae- borener Pietät, teils des praktischen Richens wegen Die neue Geueratiou ließ auch das Aeußere fallen und noch zwei Menscheualter weiter, da dackste ruan vielleicht gar nicht mehr an die Vorfahren, die den schweren Mehlsack als Zeichen rer Leibeigenschaft den Götzen hinaufgeschleppt, und an oen Ahn, der auf dem Rade gestorben war, weil er in jähem Bauernzorn sich loiiber die Tyrannei' empört V. wuchsen die Geschlechter über denMutter- bodeu hinaus. Es gab stolze Grafenhäuser im Lauoe, die dem KaufmaNustaude entstammten, und viele von gutem Adel, m deren Adern Bauernblut floß; es gab hohe Darren, deren Vorvater Diappschastsdienste geleistet hatten und andere, die aus der Srhreibersttibe heraus zu Ehren gekommen waren. ... ' ö v

Der Burgmütter war aufgestanden. In sein Gesicht war L^der getreten; er war ruhiger geworden und wollte Ende^Eresthb mit m °' bie er kommen sehen, zu

Weib Otto," sagte er.Was bei der Grete äußerlich ist, es ist doch >auch ivjieder weiblich Wr / ^ Jl e bet ben Herrnhutern erziehen lassen, wo Tand^ Und Putz verpönt sind, es hat wenig gefruchtet. Du kannst spotten darüber, daß sie ein vorneMes Dämchen

^ frage bid) wieder: was schadet ^ ^ehen nun einmal aus dein Pnnk^ da

^er Bruch kommt mit der Vergangenheit. Wie du nickt

SmÄ willst, so kann ich auch Grete

Nicht m Leu Kühstall zwingen. Nun ja dlses neue Haus

Mid der niodische Firlefauz vielleicht lvar's zu viel. Mir hat es manchuial widerstrebt, und ich guckte zu­weilen verwundert auf, svenn der Bob kommt und nieldet mir: es ist serviert und wenn ich im' Dogeart neben dem Mädel sitze, ist mir's, als träume ich, un!d> wenn sie. 'mal drüben geladen ist und in großer Toilette vvr mir steht mit bloßem Hals und Shitzen mtd Mischen gewiß, La frag' ich mich:, ist das denn meine Gretg? . . . Aber es ist auch Stolz dabei kachle nicht, Otto, es ist so Kein Bauernstolz, nein. aber Vaterstotz. Laß ihn mir Du wirst das Kind nicht mehr ändern, so wenig wie ich . . Und was du über den Artern sagst Otto, das ist hart Es ist auch ungerecht." ^ ,

Es kommt aus ehrlicher Seele- Vater."

An deiner Ueberzeugung zweifle ich nicht. Trotzdem -- du beurteilst den Mann falsch. Leichtfuß und Höfling! Nun ja, eist Duckmäuser ist er nicht und hat vielleicht nach manchmal über den Strang gehauen. Aber du hättest sehen sollen, wie er hier mit derber Hand in die Wirtschaft ,ge­griffen hat; hat sich keine Rühe gegönnt, hat wie ein Tag­löhner geschuftet und stand immer auf dem rechten Posten! Und Höfling! Otto, das klingt nach Lackschuhen und seide­nen Strümpfen. Er hat feine Stellung im fürstlichen Haus­halt und die muß er ausfüllen. Aber so verächtlich sprich nicht von demHöfling"! Stehst bat deinem Professor gegenüber, du machst auch deinen Bückling. Doch tiefer als du bückt er sich nicht, und inwendig, da bleibt er kerzen-- gerade wie du. Mir scheint, du bist in Berlin unter die Adelsfresser gegangen oder lockt dich vielleicht die Hans­wursterei von der Gleichheit und Brüderlichkeit?"

Es wäre sehr töricht, Vater, wollte ich mit dir über Politisches streiten. Daß ich mir auch meine Ansichten über Volk, Staat und Regierung aebildet habe, wirst du. mir ja wohl nicht verdenken. Ich Hab' auch deiner: geliebten Grasen nicht verketzern wollen es fällt mir n'icht ein Ich gesteh' sogar, daß er mir recht sympathisch ist. Aber das hat mit meinem Urteil Wer deine Hoffinnngsfreudich keit dem erwünschten Schwiegersohn gegenüber nichts m tun."

vRichtig. Nur verdrehst du nür wieder einmal bas Wort im Munde. . . ." Die Stimme Reschkes klang wie grollend, und eine Falte schob sich zwischei: die gerunzelten

Brauen.Ich möchte dich auch darauf aufmerksam

machen, daß bisher weder von Arterns noch von Gretes Seite irgend eine Andeutung gefallen ist, die'du so deuten konntest, wie es dir beliebte. Und damit möchte ich bitten das Thema ruhen zu lassen. Willst du noch eine Zigarry haben oder dich lieber auf ein Viertelstündchen aufs Sofia strecken? Ich denke mir, du wirst müde sein."

^Nicht die Spur. Jch^will hinüber nach dem Schloß, -/-pst und Velten guten Tag zu sagen. Wie steht es denn drüben? Auf den Berliner Klatsch gebe ich nicht viel."

Man hört auch hier nicht viel mehr. Der redet so der so. Es heißt;, es sei zu einem ernstlichen Zerwürfnis kommen, und infolgedessen bleibe der Fürst so lange im 'Ausland. Es tut mir leid ; ich habe ihn immer gern gehabt trotz seines Leichtsinns und ich glaube, der war auch in diesem Falle die Hauptschuld." '

Schon möglich," sagte Otto.Weißt du, ich komm' za nicht viel rn Gesellschaft - aber ich habe einen guten Berannten, den Botschastsarzt Dr. Resin, das ist sozusagen die lebende chromque scandaleuse, und der erzählt mir zu­weilen allerlei aus den Mubs und a:is der Welt, in der man Nch/amusrert Der erzählte mir gelegentlich auch, Fürst Dolko je: nicht allein über die italienische Grenze gereist sondern habe ein niedliches Mädelchen mitgehen heißen -- er nannte mir auch den Naimch es soll eine Russin sein, nnd-zwar habe der Gotternegger die Meine ans verwandt­schaftlicher Hand übernommen, nämlich von dem Fürsten Bura-eddin, den: Gatten Annemaries. . "

Der Burgmülker schüttelte den Kops.Jnfamigte Bande meinte er so eine Gesellschaft! Da lebt man ai l- be .? x c .^ n ^ e iS ü):e :m Paradiese gegen die babyko- msche Wirtschaft rn Berlrn. Kruppzeng, verdäinmtes' " Aber er war neugierigs. . .Und von dem' Bura-edbim sagst du, dem Fürsten Kola?- Er war beini BearäbniA. Annemarie auch ^ und sahen aus, als hätten sie erst aestern.geheiratet. Ich ging gerade vorüber, hdb er sie in den Wagen Midi währenddessen küßte sie ihn auf den Schnurrbart. Es war ein niedliches Bild. . .

(Fottsepung folgt.)