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er, „können wir einer halben Stunde am Forsthause sein und dort das Gewitter abwarten. . .
„All Heil!" schrie Annemarie, „also vorwärts!"..Sie bog den Oberkörper vornüber und ihre Sohlen traten stärker dle .Pedale. Sie flog allen voran. Ihr Ruck flatterte, ihr Gesicht färbte sich dunkler; man sah an den geschmeidigen Knöcheln, wie ihre Muskeln arbeiteten. Eva war die erste, dre sie einholte. „Hallo, Durchlaucht," rief sie, „wer siegt?" Annemarie ärgerte sich, sie raffte ihre ganze Kraft zusammen. Aber die andre war ihr doch überlegen. Eva sauste wie eine lustige Windsbraut über die Chaussee. Die Speichen ihres Rads erschienen im drehenden Wirbel wie leuchtende Kugeln. Ans dem schnurgerad sich durch den Wald ziehenden Weg ver- Amerte sich ihre Erscheinung zusehends. Als die übrige Gesellschaft unter dem ersten Rolleii des Donners am Forsthause emtraf, stand sie schon vor der Tür und begrüßte die übrigen.
der Försterei war eine Gastwirtschaft verbunden. Aber der Wirt mußte der kleinen Gesellschaft ein Zimmer purer Privatwohnung anweisen, da die beiden Gasträume bereits besetzt waren. Man hörte hinter der Tür Stimmengewirr, Klirren von Gläsern und lautes Lachen, dazwischen ein paar Töne eines verstimmten Orchestrions, die heiser ausschwirrten uiid wieder verstummten.
„Wohl eine Landpartie?" fragte Jost den in Jägergrün geklecheten behäbigen Wirt.
Der Mann schmunzelte verschmitzt.
. 0 .-vornehme Leute," anüoortete er, „ich glaube, Offiziere m Zivil mit ihren Damen. Sie sind zu Wagen und zu Pferde gekommen und haben ein Frühstück befohlen und gleich acht flaschen Champagner kalt stellen lassen."
s ^??s 'ncrkt man," entgegnete Jost lachend. „Velten, wir fö bescheidener. Meine Damen, was dürfen wir Ihnen vor- Ä e ?„® eft 'st ausgegangen, aber ich höre im Stall eme Kuh blöken, und auch der Brunnen fließt"
Sffiut ^ I>aBe vorzüglichen Bordeaux im Keller," sagte der
c®« Damen dankten, und Jost bestellte eine Flasche ungenießbar war. In dem kleinen Zimmer, ^ burch den bezogenen Himmel wie mit Abenddämmer er- sullt war, umdrangtcn dre Sechs die Fenster, um das Wetter ö" beobachten. Es schien nicht heraufzukommen. Die Wolken- wand blieb lense,ts des Waldes und in ihr spielten die Blitze.
,U u schwach, aber der Wind wachte auf. Ueber die Chaussee flog der Staub in gewundenen Tuben.
Tit-W/Y-Ita 11 ‘Sft bs zu schwül im Zimmer. Sie huschte ^„Du waren ein paar Reitknechte in roten Zacken damit beschäftigt, einen sehr eleganten offenen Landauer ,n die Remise zu schieben, um den perlgrauen den Mrtl^as^Äst?or dem Regen zu schützen. Rechts an cken inh™E sauber gehaltenes kleines Gärt- qcn, in dein die Georginen blühten, die eine große schwarze
' Glaskugel in Rosettenform umgaben
DF.Pr'nzessm schaute zum Himmel auf. Noch regnete es 5 Sie sprang d,e drei Lteinstufe» hinab, bk m iaut r 11 fa-Diten, und trat tu das Gärtchen Der
wider' G^cht'« breit gezerrten Um? ss-n
Ammen ' darüber - und dann fuhr sie erschreckt
«DM! äfSÄr'—
i.. c(Ä!,^bzvgener Mensch," antwortete sie und schüttelte die Hände von sich und wandte sich um Fürst BuraAdm stand vor ihr, der BruderdesFürsten Jazik des Schwiegersohns Herzogs Rübezahl. ^ 6 '
hn?“ ~ SMa '" fö9te ^uemarie, „wo kommst d u denn
r ' Dasselbe, kleine Mieze," erwiderte der Russe in
scharf akzentuierten und nicht immer fehlerfreien Deutlch. ,^Wtc kommt die Mieze hier mitten in den Wald?"
nnA immer Mieze nennen, Kola — ich ^Ä,^te mir das, fuhr Annemarie in plötzlichem Aerqer auf Ö 6e Annemarie - Mieze ist eintaefcK
auaen^veiftübt Sfok uni .i k f f tin£ wundervollen Samt-
igsgssMsmae,
, Annemarie starrte ganz entsetzt in das Gesicht des jungen ^7/dkomaten. Jetzt fiel ihr erst auf, daß Kolas Wangen eigen- tümltch gerötet waren — urid plötzlich spürte sie auch dett Wetndunst, der ihr entgegenwehte. Sie ärgerte sich, daß ein letles Furchtgefühl sie überschlich, trat aber doch einett Schritt zurück und runzelte die Ärauen.
„Kola — da drüben steht ein Brunnen. Halte deinen Kopf unter das Wasser, damit du klarer siehst, wen du vop dir hast. Du hast zu stark pokuliert, mein Lieber. . . ."
Sie wollte gehen. Aber Kola vertrat ihr den Weg. Er iur. Rettkostüm; trug eine knappe Joppe, eisengraue Betnkletder und Ledergamaschen; die Fuchtel hing au denl Joppengurt. Er nickte.
ist richtig, Miknschka," sagte er; „ich habe ge-, trunken. Wrr sind in lustiger Gesellschaft. Anch> Damen dabei. Aber das tst nichts für ein Prinzessel vom. Laiche. Prinzess^' ich wetß tmmer noch nicht, wie du hierher konnnst?"
„Wir haben eine Radtour gemacht. —"
„Ei, ei — schickt sich das?..Er erhob drohend den Zetgeftttger.
„Du wirst mich lehren, was schicklich ist! Geh zu deinen
— Damen!.. /'
Er stand vor der Gartentür und versperrte ihr den Ans-, gang.
. ?" fragte sie in drohendem Tone; „beliebt es dir
vtelletcht, mich durchzulassen?"
w er kopfschüttelnd, „noch nicht. Mieze,
Haar!" ^ ^ ^ ^worden! Und was hast du für goldiges'
Er streckte die Rechte aus, um das blonde Gelock zu be- ruhren, das zwischen dem Hut und der Ohrmuschel hervor- gnoll. Aber ste gab ihut einen leichten Schlag auf die für- ^tzrge Hattd. „Es war eine Wespe," rief sie dabei; „hütei otch, Kola — hier gibt es noch mehr Wespen!"
Kola sah sich urn. Darin umschlang er plötzlich Anne- marte — so rasch, so fest und so unvermutet, daß sie sich gar 'ilttcht zur Wehr setzett konnte. Er beugte ihren Kops ein wentg zuruck und gab ihr einett langen heißen Kuß ans detr Mund ... Es war Anttemarie iu diesem Augenblick, als schwanden thr dte Stnne. Wer sie umschlang uttd tver sie tnßte, das wußte ste nicht. Der Weindnnst wurde zu einetN lauen Fruhltngsodem, der Rosenduft auf seinen Schwingen trug. Em Wonneschauer durchströmte sie, eiir Gefühl grenzenloser Seligkeit, das sie in unbekannte Weiten trug Es klang Und sang um sie, es war wie ein rauschender Strom utw auch wre Harfenschlag. Es war eilt wundersames Ber- gesjen nt cd Perienken — aber nur eilt Augenblick war es... „-Mit leisem Auflachen ließ Kola sie los. Annemarie plckte zusammen, fuhr mit der Hand nach der Stirn — und \ amt tief die Nöte der Scham Aber ihr Antlitz Und
?^oment später wurde sie fahlblaß, intb der Zorn Augen, ^hre Hände ballten sich, und sie hob ZL Z ^er dte Faust schlug nicht, sondern die
Uache Hand. Ste gab thut eine schallende Ohrfeige.
. ^sckschke und schallte. Dann sprang Annemarie ein
Schritte zürnck und stellte sich in Kampspositur: fest auf ?'? deine, die Ellenbogen in die Seiten gedrückt, alle Mus» reln gespannt. Sre erwartete, er würde sich auf sic stürzen, un ^ würgen, sie umbringen. Wer es gescha.8 smÄc.'Ei- ^ttcrte rasch über sein Gesicht, etwas Rät el»
lodernde Wut oder groteske Lustigkeit - ein seltsam - »wiefaltiger Ausdruck. Dann lächelte er sanft und liebens» ^?'g U7ch sagte: „Süße kleine Kanaille, ich liebe dich, lliid
^ Warst du den Schlag büßen müssen Dn
sollst dulie Msen "" « ^ntraf - stündttch
Jetzt knirschten wieder seine Raubtierzülhue aufeinander doch «tmter noch lächelte er. Er wollte ,v>eiter sprechen abÄ L^^mund von der Haustür aus. „Koka," rief e nq lujhae Herrenstimme tn französischer Sprache wo stecken Swdem.? Mensch, das ist zum Attache n-das miissmi A« ^PeisetM!^ Fandango mitten auf dem
- r?/m^iseite," herrschte Kola haMaut Annemarie am
„ dte Bandr. braucht dich nichi zu fehlen!..." '
<r sprang die kleiue Prinzessitt hinter bot
® nrtcn « in F a ff‘tW8 - Und Kol« ging. Er schaute sich nicht mehr um, aber Annemarie, bk schaute irm nach J le baf entehrende.Zeichen auf die Tuge gebraut hatte — mit großen warmen Mngen, in denen ihr Herz lag!
(Fortsetzung folgt.)


