Ausgabe 
24.5.1916
 
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Mittwoch, den 24. Mai

Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von ZobeltiK

(Nachdruck verboten.^

(Fortsetzung.)

Dort auch. Er streute ein flimmerndes Leuchten durch die Luft und rieselte durch das Laub der Bäume und punk­tierte oen grünen Rasen mit Goldflecken. Man mar mitten im Brieselang, dem letzten schönen Laubwald in der Um­gebung bet Hauptstadt, der noch vor einem halben Jahr­tausend ein ungeheures Sumpf- und Bruchland gewesen war, in dem Bär, Wolf und Wildkatze gehaust. Aber von dem Getier war nichts geblieben als Rudel halbzahmer Rehe, die dicht an der Chaussee ihre Aesung suchten und mit neugierigem Blick zu den Fremden herüberäugten, und als der gefiederte Sängerchor oben in den Zweigen, der ununterbrochen trillerte. Der Sumpf war zu Wald ge­worden, und aus den Eichenkronen trug der Wind rau­schende Grüße herüber in die großen Luchs am Rhin und an der Havel, bie ihren eigenartigen Bruchcharakter noch länger bewahrt hatten'als der melancholische Brieselang.

Nach kurzer Rast bestieg man wieder die Räder. Jost und Eva Storni nahmen jetzt die Spitze.Laßt sie," sagte Belten,sie simpeln Fach..." Ja, das taten sie. Sie plau­derten über die Wanderung der Buchdrucker zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts und über die Beeinflussung der Jllustrationskunst durch die Wechselbeziehungen der ver­schiedenen Drnckerstätten, die von» Lübeck nach Paris, von Augsburg nach Saragossa und von Foligno nach Mainz führten. Aber es war merkwürdig, daß anch bei ernsthafter Unterhaltung und selbst dann, wenn das Gespräch gelehrsam zu werden begann, dem jungen Mädchen so gar nichts Blaustrümpfliches anhaftete. Sie behielt den Plauderton bei, und nur ihr Auge wurde lebhafter; das Helle Braun ver­dunkelte sich dann und die Pupille wurde strahleirder. Sie sah in ihrem Radelanzug fast knabenhaft aus; aber in den zierlichen Gliedern steckte eine erstaunliche Kraft.

Davon sprach Velten soeben zu Annemarie.Ist sie nickt wie eine Puppe, diese kleine Eva?" sagte er.So zerbreche lich, als müsse man sich fürchten, sie anzufassen. Und dabei fiub ihre Hanteln so schwer wie die meinen... ja, sie hantelt, diese Professorenmaid, und ich glaube sogar, in eurem Ringkampf mit ihr würde ich es nicht leicht haben, mich zu verteidigen. Sehen Sie nur, Prinzessin/ wie kräftig sie neben Jhrenr Bruder daherstrampelt?"

Annenrarie lachte.Das ist ein Wunderkind. Ein Aus­bund an Wissen und Klugheit und dabei eine kachierte Riesenjungsrau. Auf diesen Artsdruck tue ich mir etwas zu aut. Aber sie ist ein nettes Mädel. Ich beneide sie. Wer es so haben kann wie sie! Das wächst nun in der Freiheit auf und unsereiner steckt ewig im eisernen Küraß! Ach, Velten, es ist ein plötriges Dasein! Ich war nie im Leben unzufrieden auch rricht bei der Dickmilch der Madanre und

mit meinen beriesterten Stiefeln aber jetzt bin ich es. Ich fühle mich nicht wohl als Hofdame Ihrer Hoheit... was übrigens ganz allein an mir liegt, und nicht an der Hoheit."

Weshalb würden Sie es?"

Weil Onkel Herrfurth es so wollte. Ich sollte in die Dressur kommen. Er meint auch, so bekäme ich vielleicht noch einen Mann. Er hat mir ein Nadelgeld ausgesetzt, damit ich köstliche Toiletten machen kann. Er meint es schrecklich gut. Aber ich bin ein Freiheitstierchen, und auf dein Hofparkett verliere ich mein seelisches Gleichgewicht. Ich verliere auch meine Harmlosigkeit, ich merke es selbst. Ich werde spöttisch, ich werde schon ganz altjüngferlich und bin noch nicht einmal Zwanzig. Ich möchte einmal wieder hinten ausschlagen das würde mir wohl tun. . . ."

Velten antwortete nicht. Die arme Kleine tat ihm leid. Sie paßte wirklich nicht in die höfische Atmosphäre aber wo sollte man sie hinbringen und wie ihr eine geeignete Stellung schaffen?

Stehen Sie mit Ihrer Schwägerin, der Frau Fürstin, auf gutem Fuß?" fragte er.

Sie bejahte.Hören Sie, Velten," fuhr sie fort,die Lilian haben wir allesamt falsch beurteilt. Ich habe sie sehr lieb gewonnen. Sie hat mir auch angeboten, ich solle zu ihr nach Gotternegg kommen, wenn es mir bei der Prinzeß Irene nicht mehr gefalle. Am liebsten möchte ich schon; ich habe eine brennende Sehnsucht nach Hause. Aber erstens graule ich mich vor den Vorwürfen Onkel Herrfurths und zweitens vor meinem eigenen Herrn Bruder. Bolko hat sich wenig zu seinem Vorteil verärrdert. .

Sie erzählte mancherlei von ihm. Er habe sein Ab­schiedsgesuch in so ungehöriger Form abgefaßt, daß der kaiserliche Herr entrüstet darüber gewesen sei und Bolko auch das Tragen der Regimentsuniform verweigert habe, das sonst immer den in Ehren aus dem Dienst entlassenen Offizieren gewährt wird. Es sei ganz seltsam, wie sehr sich die unliebens­würdigen Seiten im Wesen des Bruders verstärkt hätten. Er sei launisch geworden, reizbar und jähzornig auch seiner Frau gegenüber, deren eheliches Glück keineswegs zu be­neiden sei . . ."

Mitten im Plaudern unterbrach sie sich und zeigte nach dem Himmel.Ein Gewitter, Velten! . . ." Von Westen herauf rückte eine graugelbe Wolkenwand. Die Natur war stiller geworden; träge hing das Laub der Bäume, der Ge­sang der Vögel verstummte. Der auffliegende Chpusseestaub nahm trichternde Formen an.

Ein Wetter, Velten!" rief nun auch Jost und hemmte den Lauf seines Rades, um dem Freund an die Seite zu kommen. Velten zeigte eine bedenkliche Miene. Der Stahl der Räder zieht den Blitz an; auch konnte ein tüchtig^ Regenguß insonderheit für die Damen allerhand Unbequem lichkeiten im Gefolge haben. Der Reisemarschall zog seine Routenkarte aus der Tasche und suchte nach dem nächsten Unterschlupf.Wenn wir etwas auszulegen versuchen." sagte