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Leutnant CSftorft! /#
Wie ein verzweifelter Hilferuf schreit cs in die Nacht hinaus. Eintönig wiederholen die Landnwhrleute den JWamen; fern verklingt er im engen Graben.
Und darüber pfiff es und sang, und schrillte und knallte und Prasselte. Schutzschilde und Stücke vom Drahtverhau wirbelten umher.
Der Oberst harrte ungeduldig. Seine Rechte riß aufgeregt an den grauen Schnnrrbartspitzen.
Ta tönt es Antwort, und der Kommandeur atmet auf.
„Hier!" klingt es durch den Schützengraben; weitergegeben von Mund zu Vttmd. „Zum Herrn Oberst kommen!" raunt es dazwischen.
In die lauernden Männer kommt Bewegung. Der Leutnant bahnt sicl^den Weg: schnell, aber ohne Hast, eilfertig aber ohne Er regung. Tie alten Soldaten lächeln ihm nach: sic haben ihn gern. Seine laltblütige Ruhe ist ihre Freude, ihr Stolz, ihre Hoffnung. An der Marne hat er den schwerverwnndeten Fahnenträger aus dem Feiler der englischen Batterien geholt mitsamt, der Fahne. Jur blutgetränkten Nock hat er den Rückzug niitgemacht, liat er Herbst und Winter durch mit ihnen zusammengelebt, war er mit ihnen in Flandern, in den Argonneu ins Feuer gegangen. Das Eiserne Kreuz zierte Knopflock' und Brust, die Hessische Tapfer- keitsmedaille und die Württemberger Krone zeichneten ihn aus. Das liebe, kecke Jungengcsicht war ernst geworden. Die Augen lachten nicht mehr unaufhörlich, wie beim Auszug, aber Laune und Frohnillt waren geblieben, wantlose Zuversicht und todesmutiger Siegeswille.
Manch drastisches Wort kam aus seinem Munde; im Salon hätte es ihn «unmöglich gemacht, hier machte es ihn zum vergötterten Liebling.
Und wie ein junger Gott schritt er zwischen seinen erdgrauen Männern.
Mit der Hand am Helm stand er vor dem Obersten. Ruhig und gelassen unter dem Hagel der Sprengstücke, nicket anders als auf dem Kasernen Hof.
„Sie sind Auttzmobilfahrer?"
„Zu Befehl!"
. „Unterem Fahrer wurde der Arm zerschmettert. Fahren Sie sofort zur Division, melden Sie, daß ich ohne Ersatz nur noch bis zum Morgen die Stellung hatten kann. Dann wäre kein lebender Arm mehr, der noch ein Gewehr halten konnte. Eill Durchbruch schien bevorzu stehen. Aber nehmen Sie sich in acht: die Kerls halten die Strasse unausgesetzt unter Feuer; lvenn Sie nicht zur Division kommen, sind Sie gegessen. Das war verflucht peinlich. Damit ich weiß> daß Sie durch sind, schlagen Sie oben am „blutigen Eck" drei Kreise mit ihrer Laterne. Das Auto steht in dem Schuppen hinter der Kirche. Hoffentlich haben es uns die Herren nrcht taput geschossen. Uno nun fahren Sie mit Gott und 90 Klm. Geschwindigkeit!"
Der Leutnant wiederholte den Befehl und ging leichten Schrittes zurück. i
„Was gibt's, Herr Leutnant?" fragten die grauen Männer.
„Nix, Kinners, für Euch! Auftrag an die Division. Dar Oberst meint, Ihr hättet die Buxen voll, da sollen andere heran. Gnade Euch Gott, wenn's wahr ist. Ich guck nachher, bei jedenr. einzelnen! Und wer gefallen ist, bis ich wiederkomm, den sperr ich drei Tage ins Loch. Verstauben!"
Tie Männer lachten zutraulich. Im Laufgraben verschwand der Leutnant, stieg in den Kraftwagen und fuhr davon.
Hoch auf wölkt der Staub der Landstraße, zu den Sternen empor, und vor ihm her fliegt es mit grellem Getöse in die Nacht hinein. Das faucht und zischt und singt und knarrt: fliegt dahin ww ein feuerspeiender Schatten, hinter dem die Dunkelheit lautlos zusammenschlägt.
Mit krampfhaft znsammengebissenen Kiefern hockt der flaumbärtige Leutnant über dem zuckenden Steuerrad; mit klammern- den Fingern zwingt er es seinem Willen. Tie Augen stecken scharf auf den hell erleuchteten Boden, der in wahnwitziger Schnelligkeit unter den Rädeni hin in die Finsternis lstn einrast. Rechts und links die Bäume tanzen wie irre Schatten an ihm vorüber. Manck>- mal ist es ihm, als ob sie über ihn herfallen und ihn zermalmen, wollten. Manchmal schlägt «eine Granate ein, ganz in seiner Nähe: Sprengstücke tefauirrcn iinb trommeln auf den Wagen. Hier und da ist die Strafe anfgerissen von geborstenen Granaten. Erde sprrtzt ans, dürres Holz und Steine, wie schwarze Fontänen.
Ter Mann am Steuerrad fährt unbeirrt; nur der Kopf ist ein wenig geduckt, wie vor einem drohenden Schlag.
. Dröhnend pocht das Herz des Wagens, der sich voll unersättlicher Gier in die Finsternis hineinfrißt.
, An der Wegebicgnng hält er; der Wagen steht zitternd, wie em abgehetztes Pferd. Ter Leutnant schraubt eine der Laternen los mw lchwmgt sie hoch im Kreis. Einmal, zweimal, dreimal
Ein schwaches Flämmchen fern bei den Schützengräben gibt Antwort. Er nickt befriedigt und mirft die Kurbel herum
Der gefährlichste Teil des Weges liegt hinter, ihm; das andere ist nur Spielerei.
So schießt dex Wagen, wie ein Stier, wild und zornig, der das Halfter zernsten hat.
Der Mami am Steuer denkt nichts; nur schnell, schnell. Es geht uni die Stellung, vielleicht unr den Sieg. Indeß die weißen
Kilometersteine in die Nacht rennen, kann der Tod seine ganze Kompagnie, sein ganze?' Regiment einlximscn.
Der Leutnant beißt die Zähne aufeinander. Nur nicht denken! Nur glicht denken!
Der Geireite neben ihm schläft mit offenem Munde; das Go wehr baumelt ihm zwischen den Beinen.
Der Motor singt und rauscht.
Fern, fern dröhnt das Feuer der Geschütze.
-u-r Leutnant starrt auf die Straße. Grelle Keile schneiden die Laternen in die dunkle, dun Ne Nacht.
Wie ein ungeheures Gespenst, wie der spuckhaste Leib eine? riejigeu Ungetüms hängt die graue Staubwolke an -dem jagenden Wagen.
Plötzlich blinkt es auf in der Ferne: ein Licht. Bon einer Feldküche? Von Mnnitionswagen? Es wächst und wächst.
Grell brüllt die Huppe in die Nacht; die Warnungspseife schrillt. Der Gefreite sälnt erschreckt zusammen, richtet sich schlaftrunken ans und rückt sich den Helm wieder gerade. Starr grad- aus sieht der Leutnant; seine Augen brennen.
„Platz! Platz!" murmelt er-, und seine Hände beginnen zu zittern. Kein Gedanke ist mehr in seinem Hirn, nur das Licht, das Licht. Unl-eimlich rasch kommt es näher. Tie Pfeife gelt unaufhörlich in den Wald hinein — — Platz, Platz!
Vom grellen Schein der eigenen Laternen geblendet, schließt der Mann am Steuer einen Augenblick die Leder. Das Blut preßt sich ihm heiß in die Schläfen ; wie Feuer zuckt es ihm in der Stirn; schwarze Punkte, wie Mücken, tanzen ihm vor den Angen.
Zornig, angstvoll starrt er auf das Lickst, das unheimliche Licht.
Warum weicht es nicht aus? Warum fährt der Kerl auf der linken Seite der Straße . . .
Verznwiselt brüllt die Huppe . . .
Fluchend reißt Leutnant von Estorfs bcu Hebel zurück. Der Wäger: schleudert in gehemmtem Flug.
Das Licht lockt und lockt. Ganz in der Ferne scheint es zu schweben, stundenlang schon . . .
Es find Minuten nur, die verrinnen.
Platz, Platz! brüllt die Huppe.
Unerschütterlich steht das Licht in'der Ferne. Es muß direkte Richtung haben wie er; also muß er links vorbei. Mer links droht der Wald.
Platz! Platz!
Näher und näher kommt er hinan.
Ta schreit der Gefreite jäh auf.
„Es ist ein Haus, Herr Leutnant! Ein Haus! Rechts müssen wir vorbei! Rechts!"
Ja, rechts laust die Straße; rechts.
Der Leutnant sitzt da, wie aus Eisen gehämmert. Tie Hand ruclt am Rad. . . im letzten Augenblick.
Rechts, scharf rechts, denkt er; noch kanns glücken. Vor seinen Augen kreist es in tausend Farben. Der Befehl, der Befehl!
Wie im Krampf preßt er das Steuer in den Händen, wie im Kranipf stiert er vor sich, hin ans das Licht in der Nacht.
Ta . . . Ein Stoß, ein Krach; Knirschen und Klirren, Splittern und Brechen . . . Ein einziger entsetzter, erschütternder Schrei . . .
In weitem Bogen fliegt ein Körper in die Nacht hinein; mit dumpfem Hall schlägt «er ins Feld, der Gefreite.
Stöhnend steht der Wagen; der Motor rauscht und dröhnt. Zitternd tanzt das Licht der Laterne auf dc'r grauen Weinberg- maner.
Eingeklemmt zwischen Dach und Sch kauert Leutnant von Ejtorff. Die Brust ist ihm eingedrückt von dem Steuer, aus dem herb geschlossenen Munde sickert ein ticfrotes Blutstrählchen, dünn und fein.
Weit zurück in der Finsternis liegt Licht und Haus; längst überholt. Soldaten stürzen herbei, voran ein Offizierstellvertreter mit einer Stallaterne. Sie kommen aus dem Hause, dem Leutnant von Estorfs ansgewichen ist, und treten an den Wagen. Vorsichtig ziehen sie den Leutnant heraus; einer stellt den dröhnenden Vdo- tor ab.
In der dunstigen Wachstube kommt Estorfs zu sich.
„Verflucht!" stöhnt er und versucht sich) aufzurichten. Plötzlich besinnt er sich.
„Wo ist der Divisionskommandeur?"
„Im nächsten Haus, Herr Leutnant."
„Gut! Befehl an die Division: Graben 11 sclüver bedroht. Halten uns nur noch mit Mühe. Wenn keine Verstärkung, sind wir bis zum Morgen erledigt."
Ec schweigt erschöpft.
Ein Krankenpfleger reicht ihm einen Trunk. Langsam nimmt er einen Schluck und legt sich wieder um.
Vorsichtig untersucht if>Ti der schnell her beigerufene Arzt.
„Schlimm?" fragt Estorfs matt.
„Zwei Rippen gebrochen! Nicht der Rede ivert, Herr Leutnant." lügt er.
„Wie lang kann's dauern?"
Ter Arzt zuckt die Achseln.
„Ist Verstärkung abgegangen? Und wo ist der Gefreite?"
„Sie zieht in 20 Minuten ab. Ter Gefreite ist geborgen.^
„Dann ist ja alles gut!" flüstert er und sinkt hintenüber.


