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von denen wir gehört hatten. Damit ging eine Stund« hin. Dann kamen wir auf den Krieg, denn zwei von uns touren im Felda gewesen, waren schweigsamer wiedergekommcn als sie ausgezogen waren und hatten, als ihre hartgeschlossencn Lippe»» sich endlich öffneten, viel zu berichten und zu sagen.
So war wieder fast eine Stuiroe vergangen, und es war nicht Wehr weit von Mitternacht, als Jürgen teu Brinck, der Rittmeister, ein Bettet des Hauses, plötzlich den Kopf zur Tür hereinsteckte, Um uns zu sagen, daß er noch, nicht schlafen könne. Er müsse utit Uns durchaus noch eine Zigarette rauchen.
Er warf sich in einen Sessel, zog seine langen Beine wunderlich ein und machte es sich bequem. Katzenbequem', wie er es nannte. Ms er hörte, daß wir vom Ktiege sprachen, zog er ein Gesicht. -„Wenn mair ein Jahr lang draußen war, spricht man lieber vom RSctter und von den Blumen," sagte er. Plötzlich fuhr er aus und begann, ohne sich um das Gespräch der andern zu kümmern, eine Entdeckungsreise in dem weitläufigen, halbdunklen Zimmer, das Unt vielen Ecken Und Winkeln, mit schönen, alten Möbelstücken aus der Großväterzeit behaglich und traulich eingerichtet war. Eine ganze Weile hatte er sich so, stumm und ganz für sich, beschäftigt. Plötzlich sagte er, irgendwo curs der Tiefe des Zimmers
t r, neben einem Glas schrank stehend: „Hier liegt, in einer chale eingesargt, eine zertretene Rose, die noch nicht alt i|t. Was bedeutet das? Rosen, die man sich aufhebt, haben immer eine Geschichte. Und nun erst gar eine zerttetene Rose. Das ist schon beinah ein Roman. Erzähl' mir die Geschichte dieser Rose, Jobst."
Jobst war der Jüngste von uns, der Herr dieses Zimmers, Und ein schmächtiger, blasser, ewig kränkelnder Mensch, der zu Hause geblieben war, weil Herz und Lunge ihm so viel zu schaffen wachten.
Er hatte mit glänzenden Augen dagesessen und hatte dem Leutnant zugehört, der viel von dem Uebergang über den großen Fluß und dem schweren Geschützfeuer des Feindes berichtete.
„Nein," sagte er nebenher und mit einer erschrockenen Miene, ^.nein, davon wollen wir lieber nicht reden. Von der Rose da Anten, mein ich. Das ist eine Geschichte, die nur für mich Sinn hat."
„Das sind Geschichten, die es nicht gibt," sagte der Rittmeister, „aber wenn du nicht willst, schön. Natürlich ist es eine Liebes- oeschiichte. . . . Was mit Rosen zusammen hängt, sind überhaupt immer Liebesgeschichten."
Das Gespräch! war unterbrochen, und alle sahen mit einem kleinen Lachen, halb mitleidig, halb neugierig, zu Jobst herüber, der plötzlich! den Kopf tief sinken ließ und schwer atmete.
„Nanu " sagte der Leutnant, der gerade von den großen. Mörsern gesprochen hatte, „was ist denn los?"
Jobst wandte sich ein wenig nach ihm um, zuckte die Achseln' Und sagte leise: „Ihr glaubt mir meine Geschichte ja doch nicht. . . Warum also davon reden? Außerdem ist es eigentlich gar keine Geschichte, sondern höchstens, höchstens. . . ."
Er brach ab, bedeckte die Augen mit der Hand Und schauderte wie fröstelnd zusammen.
„Mso was ist es?" fragte der Rittmeister und sah gelangweilt auf die Ringe an seinen Händen. Jürgen ten Brinck hatte die Gewohnheit, mit seinen Gedanken die weitesten Reisen zu machen Und niemals lange bei den Gesprächen der andern zu bleiben. -,Eine Begegnung," sagte Jobst.
„Begegnungen können sehr nett und hübsch sein," sagte einer jder Leutnants. „Es kommt nur daraus an, wem man begegnet."
„Ties war eine Begegnung mtt denr Tode," sagte Jobst aufstehend. Dann ging er langsam mit seinen müden, gleitenden Schritten, in denen immer etwas von Unsicherheit war, tief in das Dunkel der entlegensten Ecke hinein.
Ein betretenes Sck)weigen antwortete ihm, verwunderte Blicke liefen hinter ifym her. Der Rittmeister machte eine kleine Bewegung mit denr Kopse, eine sehr vieldeutige Bewegung, Und schloß für einer: Augenblick feine wcisserklaren Augen. Dann sagte er: „Ja . . . das . . . das kommt vor .... Erzähl' uns doch davon .... Wir sind ja nicht so schreckhaft .... Nicht wahr? Wir stehen uns ja alle mit dem Tode beinahe auf du und du . . . Und außerdem ist es oft wie eine Erleuchtung, wenn. man vergleichen kamr, wenn man nebeneinanderstellt, was der und teuer erlebt."
Die Offiziere wunderten sich urrd fragten, seit wann Jürgen an Gespenster glaube.
Der Rittmeister zückte die Achseln, lächelte verbindlich, wie es seine Gewohnheit war, und sagte: „Laßt es nur gut sein .... Gespenster sind eine sehr schätzbare Angelegenheit.... Das heißt, wenn ritam die Gabe hat, mit ihnen umzugehen." Und dann, schnell den Don ändernd, wandte er sich wieder $u Jobst hiniiber und sagte: „Also erzähl' doch. Es ist gleich Mitternacht. Mso die richtige, ordentliche und gehörige Zeit für deine Geschichte."
Jobst kam Unter dem gespamtten Schweigen der andern lang' sank »weder in den Kreis der Lampe zurück und sagte: „Wenn ihr denn durchaus wollt, gut, daun kann ich ja erzählen. das war so: Ich hatte von Kindheit an einen Freund, den jungen Grasen Halgerode, mit dem ich mich besser verstand, als mit irgend einen: andern. Er hatte immer Geduld mit mir, und er gab sich immer MüW, daß er sich mir anpaßte ... Ja . . . Das wißt ihr . . . Uno ihr wißt auch, daß er hier bei uns gewesen.
ist, neulich, vor drei Mbnaten, als er verwunde! war, und daß wir ihn hier, nicht ohne Mühe, gesund gepflegt haben."
Das wußten wir alles.
„Daß er die Zeit nicht erwarten konttte, wieder ins Feld zu kommen," fuhr Jobst fort, „begriff ich gut, denn er gehörte zu den Menschen, für die Jagd und-KUieg der natürlichste Zustand von der Welt such. Ich beneidete ihn, als er wicher hinaus konnte. Und war doch sehr traurig, ihn herzugeben. Aber er lachte immer, wenn ich von schwarzen Dingen sprach, und er meinte, ihm könnte nichts geschehen. Er hätte schon mit der schweren Wunde dem Tode seinen Tribut gezahlt und hätte nun ein Anrecht auf ein/ langes, fröhliches Leben in Sonne und ^Licht."
„Das glauben wir gern," sagte der Rittnreister. „Wie man ja überhaupt gern das Helle und Hübsche glaubt und in seinen! Gedanken'dem Dunklen und Trüben aus dem Wege geht. Sofern man Kultur hat wenigstens. Und das ist es ja schließlich, worauf es ankommt."
Wir anderen wurden ungeduldig, Jobst hatte nicht recht zugehört.
„Tie letzte Zeit seines Hierseins lief wie ein Traum hin," fuhr er fort, „und es kam ein Morgen, an dem stand der Koffer gepackt, Und es ging wieder hinaus in die Welt und in den Krieg. Er fuhr in die Stadt, au den Schnellzug. Tie Schnellzüge halten in unferm Dorf ja nicht . . . Ich konnte mich nicftf ent* schließen, ihn zu begleiten, und ich habe meinen Abschied von ihm im Hause genommen. Aber verabredet hatten wir, daß ich aus unfern Bahnhof hier gehen sollte, wenn sein Schnellzug durchs fuhr . . . Daun wollten »vir uns nach einmal sehen, uns noch einmal im schnellen Vorüberfliegen grüßen ... Ja . . . Das tat ich denn auch . . . Urrd ein glücklicher Zufall lieh es geschehe^ daß der Schnellzug auf unserem Bahnhof ein wenig langsamer fahren mußte, als sonst. So konnte ich! ihn deutlich erkennen, »vir konnten uns ein paar Worte zurufen, und ich konnte ein paar! Schritte neben dem Wagen hergehen, der ihn fortführte. Plötzlich, als der Zug wieder ansing schneller zu fahren, riß er eine Rose von der Brust, die er sich selbst am frühen Murgen geschnitten hatte, und er warf sie mir mit einem, helken Aufleuchten seiner! Augen zu. Sie siel dicht vor meinen Füßen hin. Aber als ich mich schnell bückte, tun sie auszuheben, — da trat plötzlich eins plumper, häßlicher Stiefel dicht neben meiner Hand zur Eide nieder und zermalmte die Rose. Ich sah auf, ein Fremder mit einem schmutzigen Mantel, ein Fremder mit einem grauen, grinsenden Gesicht, ein Mensch, den ich ganz gewiß zwei Au g en blicket vorher noch nicht gesehen hatte, stand neben mir, grinste Und sah mich mit fletschenden Zähnen an. „Warum haben sie das getan?" fragte ich. Ein Lachen war die Antwort, und dann sagte eines knarrende, häßliche Stimme: „Eine Rose und ein Leben — waS liegt daran?" In diesem Augenblick sah ich, daß der Zug schon seine Biegung machte, daß er gleich hinter dem Wäldchen verschwunden sein mußte, und ich lief schnell vorwärts, an dem Fremden vorüber, um den Freund noch einmal zu grüßen. 9f&er sein Wagen hatte die Wendung schon gemacht. Ueber dem kurzen Gespräch! mit dem Manu, der seine Rose zertreten hatte, war mir der letzte Blick des Freundes verloren. . . . Ich kehrte traurig um'. Ter Bahnhof war leer, nur ein paar Bauerniveiber waren da und sprachen mit lauten Stimmen über die Waren in ihren Körben. Mir würbe plötzlich bang und schtver zumute. Mir war, als hätte jemand nach meinem Herzen gegriffen. . . . Trotzdem! dab ich mir Mühe, den Fremden zu ffnden, der mir so arg init-- gespielt hatte. Aber niemand hatte ihn gesehen, niemand konnte mir Auskunft geben. Ich spürte, daß man »»sich mit sonderbaren Blicken ansah, als ich die Frauen und die Beamten nach einetm Menschen fragte, den nur ich allein gesehen haben ivollte. . .. Ttt gab ich denn das Fragen auf. . . Mer die zertrete»»e Rose hob ich aus den» Schmutz auf und nahm sie mit mir und legte sie dort in die Schale, w'o sie jetzt noch liegt. Solange noch ein, wenig Leben in ihr war, gab ich ihr Wässer, und ich pflegte sie . . Schließlich ist sie verdorrt. . . Ein paar Tage dauerte das . . . Das geht ja'schnell im Sommer, »venu die Tage heiß sind-. . . Und nach acht Tagen kam denn auch die Nachricht, daß Halgervde gefallen war . . . Irgendwo in Flandern, in seinem ersten Gefecht. Die andern glaubten, sie dürften es mir nicht sagen, aber ich merkte an ihre»» Miene»» Und air ihrem ganzen geheimnisvollen Gebaren, was geschehen »var ... Es schl»»g mich auch nicht zu Boden, imb es hat mich auch nicht getötete ich war ja vorbereitet. Ich hatte? nichts anderes erwartet. Es mußte so kommen."
Jobst »var im Sprechen und Erzählen langsam im ZimUker auf- und abgegangcn und stand nun, als er geendigt hatte, dicht neben der Tür.
Er öffnete sie leise, sah uns mit einem Lächeln an und sagte: „Nicht wahr, ihr träumt »richt davon? Gute Nacht."
Tann ging er, ganz leise. Sehr langsam schloß sich hinter ihm die Tür.
Wir andern waren sehr still, sahen aneinander vorbei und tranken und rauchten, schweigsam, mit allerlei Gedanken.
Ter Rittmeister war aufgestandcn und hatte ein Fenster geöffnet. Draußen stand eine blaue Nacht mit viele»» Sternen, mit einer schmalen Mondsichel imb dem süßen, reifen Duft, den der Herbst hat.


