Ausgabe 
8.4.1916
 
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mit einem gewaltigen Sprunge; dann ertönte aus dem Fond der Karosse ein vierstimmiges brüllendesHaaau . Der Schneckenzng war nicht mehr zu ertragen; man wollte zu Fuß ans den Götzen; man kannte Seitenpfade durch die Taimen imb kleine schmale Wege, die das rinnende Rcgen- wasser gebildet hatte, und die die Fahrstraße abschnitten. Die beiden Mädchen waren allen voran, sie wußten am besten Bescheid. Sie kletterten tapfer und unter ihren derben Snefelchen sprang das Geröll bergab; sie bogeii die Zweige zur Seite und schlüpften unter ihnen durch, und glitten sie einmal aus den trockenen Tannennadeln am Boden aus unb fielen hin, dann fuhren sie mit fröhlichem Lachen wieder empor und eilten weiter; sie waren die Wegweiser. Der letzte war Jost; er stieg geniächlicher, er atmete auch schwerer^ seine Wangen erhitzten sich.Geht es noch, Prinz?" fragte Velten, stehen bleibend.Soll ich Otto rufen? Wir kreuzen die Hände und Sie setzen sich auf unsre Arnie wie in eineni

Lehnstuhl_"Fällt mir nicht ein, Belten// entgegnete

Jost;es muß gehen, es geht auch, es ist lächerlich. Die verdammte Verpimpelung rächt sich Ich bitte Sie: rufen Sie Otto nicht, ich schäme mich; ich komme schon allein!

vorwärts_" Velten schwieg, aber er blieb dicht hinter

Jost und ließ ihn nicht aus den Augen. Sein Blick hing voll Zärtlichkeit an dem Knaben, aus dem er doch noch einen ganzen Mann zu entwickeln hoffte wenn ihm die .Hände frei blieben.

Ein schallendes Hurra der Mädchen kündete an, daß sie den alten Burgzingel erreicht hatten. Das verfallene, ge­borstene und zerbröckelte Manerwerk des ehemaligen Um-

e ungsringes lag heute mitten im Walde. Die schwarzen te der Tannen umschatteten es, junge Schößlinge sprieß­ten zwischen den Steinen hervor, Ginster hing vorn Rande herab, und auf dem Gestein bildete das Moos große grüne Hauben. Noch sah man hie und da die Ueberreste der Wart- nirme; es war altes zertrümmert, nur die mächtigen Fun­damente aus Feldsteinen hatten standgehalten. Aber die Trümmermassen waren weithin durch den Wald verstreut; Regen und Schneewasser hatten sie fortgeschwemmt, sie hatten starke Stännne gebrochen und junge Kiefern ent­wurzelt. In einer Bogenlinie umzog der Zingel den Berg. Oben auf der Höhe machte der Waldwuchs halt. Da stand nur eine alte Eiche mitten im Burghof, die mochte noch gesehen haben, wie brandendes Leben hier oben herrschte, loie sich die Reisige sammelten, wenn der Türmer ins Horn stieß, und vielleicht hatte sie ihre Zweige schon über der Leiche jenes Gotzeneck gebreitet, den der schwere Mehl­sack des leibeigenen Reschke erschlagen, da des' Grafen höhnende Stimme ihm zugerufen hatte:Reschke, bu bist grau geworden, aber die Esel sind es auch und bleiben doch fest im Buckel!". . . Hier oben tonnte man ziemlich genau die Bauart der alten Burg verfolgen, die in ihrer Ursprünglichkeit sicher unter den ersten Ottonen entstanden war. Ter Zingel, der Umfassungswall, 11111^0^ vor allen: den Burgsried, den mächtigen Schutzturm, der noch in halber Höhe stand, auf riesigem viereckigen Sockel, oben ausgefranst vom Sturme der Zeiten, wie zerrissen, mit nackten Mauersplittern; er stand allein und ein Kranz hoher Farcen umgab ihn. Unweit davon starrten aridere Mauern, empor; das mochte der Palas gewesen sein, die Halle des Burgherrn, im Anschluß an die Kemenate der Hausfrau, und davor hatte der innere Hof sich gebreitet, wo unter der Eiche wohl auch Gericht gehalten worden war. Ueberall sah man Spuren von Nachbesserung; noch der verstorbene Fürst hatte für die Erhaltung der Ruine viel getan, hatte die Gelvölbe neu stützen und ausmauern lassen und den Burgfried in Eisenschienen gelegt. Aber die Administration ließ stürzen, was stürzen wollte; der Blitz hatte den Turm getroffen und hie e:ne Seite gespalten; sie klaffte auseinander, ein Eisen­band war geschmolzen und hatte schwarze Tropfen über die Mauern gestreut. Ein Chaos von Geröll füllte die offen liegenden Kellergewötbe; der Ansatz einer Steintreppe war geborsten, Lebermoos kletterte über einen Säulenknauf, im Hof wucherte die Erika.

Es war herrlich hier oben. Das fand auch Bolko. Seit seinen Kindertagen halte er nicht mehr den Götzen besucht. Nun stand er, Mann gclvorden, ans der Stätte, da sein Ge­schlecht erblüht war. Er war ein schlvacher Charakter, war auch keine geistige Größe, aber es, lebte viel Stimmungs- empfinhen in ihm; es beschlich ihn ein eigenes Gefühl, da er aus diesem heiligem Boden stand, der den Vorfahren Kraft verliehen hatte und der: großen Namen: der,,Götzen" war

einEck" des Deutschtums gewesen, als die slawnche Sturm­flut das Land überschwemmt hatte. Unten dehnte, das ^nl sich aus. Es war ein schönes Stück Erde. Es lag am Aus­gang der heimischen Mark, doch es war e:n .fruchtbarer Winkel in der Sandbüchse des weiland römischen Reiches deutscher Nation. Jii schönen Linien nmkränzten btc wald­geschmückten Hänge die Niederung: zwischen Feld und Wiese blitzten blaue Wasser auf, am Rain blühten Hagerosen und reiften die Brombeeren. Ein wonniger Duft stieg aus der Tiefe empor, frischer Erdgernch und das Harzaroma der Tannen.

Velten trat nebei: den Fürst, während die Bdädchen mit Jost und Otto zu einer Entdeckungsreise in die Burgkcller rüsteten.Sie sind still geworden, Durchlaucht," sagte der Kandidat,aber ich meine, das Herz spricht um so lauter.

Bolko nickte.So ist es, Velten. Ich begreife nicht, das; mich nicht längst die Sehnsucht nach der Heimat gepackt hat. Aber sie blieb fern; ich konnte nie ein Gefühl des Un­behagens los werden, wenn ich an Gotlernegg dachte^ Viel­leicht, weil dann die Sorgen in mir ausstiegen doch uem, Sorgen Hab' ich mir nie gemacht aber mich belästigte das Empsiiiden, n:ich gegen den Verfall unseres Besitztums nicht wehren zu können, tyic Ohnmacht brachte das Unbehagen. Ich dachte immer, ich müsse ein Fremder- sein :n der Heimat."

Durchlaucht, auch die Alten wurden zuweilen der Hei­mat fremd. Es drängte sie in die Welt, aber immer waren sie klug genug, sich das Siedelrecht zu wahren. Das ist auch Ihnen geblieben. Ein großer Teil dessen, was Sie vor nch sehen, gehört Ihnen, ist Ihr Eigentum und könnte Ihnen nur unter ungünstigen Umständen genommen werden; auch die Majoratslehen find altgermanische Uebcrlieferung. Ich habe nicht mitzusprechcn, ich fühle niich nur als Freuud Ihres Hauses und als solcher möchte ich mir ein ratendes Wort erlauben. Ich weiß nicht, ob Ihrer gnädigsten Braut Wunsch ist, daß Sie im Dienste verbleiben. An Ihrer Stelle, Durchlaucht, würde ich durchzusetzen versuchen, die Verwal­tung der Herrschaft in eigene Hand zu nehmen. Das Admini- strationsversahren wird ja sowieso sein Ende erreichen. Aber ich halte es für gut, daß das Auge des Herrn wieder icher den Besitz wacht. Durchlaucht, Sie haben eine große Mission vor sich, vergessen Sie das nicht. Inimer lag die Quelle der Kraft unserer alten Geschlechter iin Landbesitz; in der Be­rührung mit der Mutter Erde faiiben sie wie Antäus sich stetig crucuerude Stärke. Die Quelle war im Versiegen, aber Sie sind in der Lage, ihr neue Zuflüsse zuznführen: Sie allein. Die Ahnen haßten die Städte, dieGräber, die mit Netzen umspannt siud", sie kannten ihren Verjüngungsquell. Durchlaucht, läg' alles aiiders, ich würde uicht so sprechen. Nicht, daß Sie die Krone retten, bewegt mich. Die meine lvarf ich von mir, da ich sie nicht mehr mit Würde tragen konnte. Ich habe zi: starkes historisches Empfinden, um mich der Einsicht zu verschließen, daß der Adel ruif materieller Macht fußen inuß, wenn er in geschichtlichen: Sinne den Nest seiner Selbstständigkeit wahren will. Der arme Adel n: resignieren. Das brauchen Sie nicht. Für Sie hört auch die Kastenfrage auf; es gilt nicht mehr, das adlige Blut zu hüten, sondern beu adligen Besitz. Es ist das letzte Band, das Sie mit der großen Vergangenheit verknüpft; die andern rissen. Durchlaucht, hinter Ihnen schallt das Lachen Ihrer Geschwister. Die sind Ihres Blutes, aber nicht Jnnker- schlag wie Sie. Sie [mb der letzte Junker Ihres Geschlechts; wollen Sie, daß die Gotterneggs ihre bistorische Tradition auch in die Zukunft tragen sotten, so vteiben Sie auf dey Scholle. .

(Fortsetzung folgt.)

Der Ztulphandschuh.

Skizze von Georg von der G a b e l e n tz.

(Nachdruck verboten.)

Ich war iu Marchais, dem Schloß des> Fürsten von Monaco, einquartiert, und zwar in einem der Türme, die an die Seitcn- ftügel schlosse::. Eines Tages hatte mich mein Bollblntsuchs spat erst vom Ordonnanzritt heimgelragen, und als' ich in mein dunkles Zimmer tappte, fand ich es zu meinen: Erstaunen von einem fremden Mohlgeruch erfüllt, als l)abe es sich in das Boudoir einer Dame verwandelt. Ich machte Licht und sah nrich um. Mles war noch, wie ich eS au: Morgen verlassen. Nur auf den: Tisch, dal lag: kleiner, gelber Stulphandschuh, kvic Dame»: ihn beim! Reiten tragen, und ihm entströmte der feine, doch starke Geruch.