Sole.
Skizze» von E. Vely (Berlin).
(Nachdruck verboten.)
Eine sckwüldrnckende Nachmittagsstunde' blauweih der Himmel; träge die Schritte der Gehenden, schläfrig die Gruppen der Großen und Kleinen auf dem Viktoria-Luise-Platz. Nur ein paar Jungen schreien beim Kriegsspiel und hauen auf den kleinsten, der als Russe am Boden liegt und grauen Sand in seinei schwarzen Stoppelhaare gestreut bekam. Damit er ganz echt ist.
Auf den.SLeinvorsprung, der das Gitter eines kleinen Vorgartens in der Winterfeldtstraße trägt, hat sich ein blondes, krausköpfiges Mädchen gehockt. Sein Köpfchen sucht eine Stütze an den schwarzen Stäben. Auch seine Augen sind etwas müde, beharrlich aber auf die Pracht eines blühenden Rosenstrauches gerichtet, der seinen Duft hinübersendet. Die linke kleine Faust umfaßt eine halbverblühte, abgeknickte Blume. Der Mann, der das Gärtchen begoß, reichte sie ihr durch die Stäbe. Am rechten Arm trägt das Kind eine weiße Binde. Darauf steht mit sorgsam gemalten Tintenbuchstaben: „Schwerhörig!", kleiner, in Maschinenschrift, darunter: „S. Müller" und die Nummer eines Gartenhauses in der Gossowstraße. Vorübergehende sehen das kaum, lesen tut's niemand; es beachtet auch keiner das einsame, Ln sich hinein lächelnde Kind.
D-er kleine Befehlshaber drüben entfaltet eine rege Tätigkeit. Er schreit den Kameraden Kn:
„Nu komme, Max, nu komm' Franzos!
Ün Fritz, du Russe, komm' Galopp!
Hier hast du einen Rippenstoß!
Hier hast du einen Katzenkopp!"
Die Helle Knabenstimme überschlägt sich im Eifer, das her- -uszubringen, was ihm sein Onkel Rimbart aus einem Auch so lange vorgesagt hat, daß er es kann.
Nante Kiepold kneift die Augen zusammen und hält ein Pappfernrohr über seine Stupsnase. Aba — das Mädchen mit der Binde! Er muß auch einen Verbandplatz haben. Mehr-- mals hat er schon über den Anmeldezettel am Arm von dem dummen Ding gelacht. Jetzt kann's die richtige Pflegeschwcster darstellen. „Ran, for's Vaterland!" kommandiert er. Die verträumten Blanaugen sehen ihn an, die kleine Faust schließt sich, auch der staunende Mund.
„Ran, sag ich! Auf 'n Verbandplatz." Uub wie sich die Schultern ängstlich znsammenducken, hilft seine zerrende Hand nach. „Ob de nu tust, was ich will!"
Ein Knabe ist ihm gefolgt und stellt sich neben das Kind. „Du läßt ihr! Se hört doch schlecht! Da steht et! Ihre Rkutter wohnt doch bei uns. Die is Wat Feines."
Da richtet sich Kiepold zu seiner ganzen Höhe auf. „Achtung! Drei Mann! Hier is 'n gefangener Engländer!"
Die Burschen fliegen herber, der Rote ist überwälttgt. Mer er ruft: „Söte! Lauf, lauf nach. Hanse!" Dann erliegt er der) Uebermacht, wird von Flinte und Säbel befreit, bekonrnrt nach- helfende Fäuste zu spüren und wird abtransporttert. Einstweilen hat der Befehlshaber über dem neuen Vorfall seine Ansprüche an die Schwester vergessen. Das Kind ist aufgesprungen. Eine zitternde Angst liegt in seinen Mienen. Es gleitet mit der Geschmeidigkeit eines Kätzchens an den Vorgärten bin. Rasch nur! So schnell die Füße können — fort von den wilden, bösen Jungen, die mit so gewaltsamen Spielen drohen. Trapp, trapp! hallen die Schritte. Es wagt nicht, sich umznsehen, glaubt die Verfolger hinter sich. Wagt nicht einznbiegen in die nahe Straße, wo es mit der Mutter seit kurzem wohnt.
Frau Maretzki, die Pförtnerssrau, schickte es nach denl Platz. -„Da geh' man hin, sind viele Kinder, kannste mitspiel.en, Sötchen!"
Es drängen sich die Gedanken, Furcht und Entsetzen in dein blorrden Köpfchen. Wenn die Jungen sie schlagen und stoßen, wie den Fritz? Irgendwie sich verstecken ! — schnell! schneller! Mit keuchendem Atem über die Krengung der Straße — Hupen ruf und wildes Brüllen verschwimmen in eins. Sötes Blanaugen starren. In dem Auto, das vor den: nächsten Hanse halt macht, sitzt ein feldgrauer Mann, ganz aufrecht, ganz stolz. Aber sein rechter Aermel ist leer. Das ist einer von den Aermsten, denen die bösen. Feinde»so viel Leid getan. Das kleine Herz puckert, daun lacht der Mund. Die schöne Blume soll der Mann haben, da freut er sich gewiß. Ganz langsam ist "der Entschluß gekommen, zu spät — denn der Feldgraue ist schon, uns denr Auto und rasch in dem. Hausflur verschwunden. Wenn Mutti nicht Söte sagt, scherzt sie v.mettt Bedenklein" — .warum', begreift das Kind jetzt plötzlich. Und dann bedenkt eö sich wieder. Das Auto wartet, der Mann wird wiederkommen — ja, und dann soll er die Rose haben. Dort ist wieder ein Vorsprung und ein kleiner Garten, da läßt sich auch aut sitzen.
Allerlei Liedchen surren durch das Köpfchen. Mütterchen kann solch schöne. Mer eins hat sie neulich ganz barsch verboten: ^Maikäfer flieg'! Dein Vater ist im Krieg. Dein' Mütter ist in Pommerland —"
Bang! Bum! die Haustür. Der schlanke Mann reckt sich, und zwischen den Brauen ist eine Falte. Nun wird er wieder einsteigen. Söte springt ans, ihr Gesichtchen ist rot. Mit einem
Husch ist sie neben dein Ernstsehenden, hebt ihr Händchen, scheu blickt sie, aber, der sieht das gar nicht. Er spricht ein paar Worte ?u dem Fahrer, stützt sich mit dem linken unversehrten Arm und sitzt. Hupenruf oder wildes Knabengebrüll im Rücken? Söte weiß nichts wohin. Ein keuchendes Ungett'un ist plötzlich da, sie läuft chm in den Wyg und es wiüft sie um. Und dann- wird alles schwarz, der.Himmel, die Erde —
Das eine Auto hält rasch wieder, das fahrende kommt zum Stillstand. Die Chauffeure und ein paar Vorübergehende eilen herbei. Am schnellsten ist der Feldgrane. Das blasse, bewußtlose Kmd hält er im Arm; guckt auf die blonden Haare, die Lider mit den langen Wimpern, den kleinen angstverzogenen Mund. Wehrt den Leuten und steigt mit der leichten Bürde ein, hebt sie auf die Knie und horcht nach dem Herzschlag.
„Mit einem Arzt folgen, Gossowstraße," herrscht er dem andern Fahrer zu. Der kleine Arm mit der Binde, die Hand mit der halb- cntblätterten Rose haben so etwas unendlich Rührendes.
„Das Kind ist direkt in mein Fahrzeug gelaufen!" verteidigt sich der zweite Chauffeur. Der Offizier winkt ab. Das Auto saust. So nahe die Straße, es dünkt dem Mann, als vergingen Stunden.
„Ach, nur eine Ohnmacht, eine tiefe Ohnmacht," denkt er. Ein unbehütetes Kind aus dein Volke. Aber so fein, fast prinzessen- hast. Konnte nicht ständig beschützt werden, darum das .Abzeichen am Arm.
Da — eh das Auto völlig zum Halten gekommen und er die kleine Last emporhälten kann, fühlt er, daß sich die Beine bewegen, ein Arm sich streckt, das Köpfchen den Versuch macht, sich zu heben. Dann sehen ihn zwei tiefblaue Augen an. Ein Begreifen, was mit ihm geschehen, liegt ans dem Gesichtchen.
„Tut dir nichts weh, mein Kind?" forscht er liebevoll. Ein Kopfschütteln. „So such wir mit dein Schrecken davon gekommen." Die Kleine legt ganz zutraulich die Arme um seinen Hals, als er mit ihr aufsteht..
„Nicht Mutti sagen. Ich soll doch nicht über'n Damm laufen." „Zn Mutti geh'n wir jetzt, nein, sie wird nicht böse sein — kleine — wie heißt du?" „Söfchen — aber Mutti sagt Söte — söte Teern!"
„Hm! Söte Teern!", so ein lieber norddeutscher Kosename. Und ihm ist, als er das nachspricht, ein Klang aus ferner, ferner Zeit im Ohr. Manchem hübschen Ding hat er's wohl zugeflüstert.
Bor dem Haufe, — die Nummer hat er von der Armbinde des Kindes gelesen — stoppt das Auto. Zwei rundliche Frauen stehen im Gespräch; erst neugierig, dann erschreckt blickt die eine mit schwarzen, unruhigen Augen auf. „Löschen, was hast'n gemacht?"
„Die Kleine wurde von einem Auto niedergeworfen. Sie hat es wohl nicht kommen hören."
„Na jkt!" mischt sich die andre ein. „Wer läßt 'n auch so'n taubes Dmg rumlaufen? Fein in frische Blusen ausgehen. So is et immer, Maretzkin — kennt me doch!."
„Sie is doch auf Arbeit, un wenn — der Herr Major —" sie befördert den Offizier um einen Grad, „mir nu de Kleine übergeben, bring ich sie hinter. Jott, det Eiserne Erster — da gehört sich ne besondere Referenz —" und sie macht den Versuch eines Knixes. „Mein Mann is auch in Krieg. Er is 'n Osten und macht Körbe for de Munition."
Die entblätterte Rose liegt mm just zu den Füßen des Mannes. Die Kleine hat sie fallen lassen und hält die Linke des Feldgrauen fest. „Wenn ich selber das Kind begleiten kann?'Ich habe nämlich das andere Auto nach einem Arzt geschickt. Muß sicher gleich hier sein."
„Besser is natürlich besser," gibt beflissen die Maretzki zu. „Bergern, sagen Se doch den Doktor Besck-eid."
Die Maretzki schwänzelt durch die spiegelbekleidete Voritnr dann über den gelben, steinbelegtcn Pfad zwischen zwei grünen Rasenplätzen mit armseligen Bäumchen, einem .Hintereingang zu.
„Just uns gegenüber, die zwei Stuben un de kleine Küche hat" — sie schluckt eine Bezeichnung herunter „Müller! En Schlüssel Hab ich!" Er kreischt im Schloß. Sie stößt dann eine Tür ans. Alles einfach, sauber. Weiße Mullgardinen blähen sich vor einem offenen Fenster, das ein Brett mit blühcndellj Geranien hat.
„Wat Söfchen ihre Mama is, die hält was auf sich un de Wohnung. Na, un auf das Kind erst. Es wird ja auch balde wieder besser hören. Un nich vor de Alttos laufen. Nee, wir sagen am besten Muttchen nichts —"
Es pocht. Der Arzt. Erst drückt sich die Kleine fest an ihren Beschützer, dann ist sie auf sein Zureden willig.
„Nichts," sagt der eilige Mann, „gar nichts. Glücksache, Kinder haben ihren Engel!"
Hans von Seesen sicht sich in dem einfenstetigen Stübchen um, während der Arzt hantiert. Ein mit einer Schreibmaschine bestellter Tisch, Arbcitsatmosphäre. Er reicht dem sich empfehlenden Arzt seine Karte. Ans die Bemerkung, daß er selber kommen wird, sagt der: „Bitte! War mir eine Ehre! Lassen Sie mich Ihre Linke drlicken." Dann ist er draußen.
Hauptmann von Seesen will nun auch gehen. Er streicht der Kleinen über die blonden Haare. Weich — Seide. El- wird dem Kinde Süßes und Spielzeug senden. Es hat gar so liebe Augen.
Die Maretzki geleitet beit Arzt; in die Tür, der sich Seesen zu- wendet, tritt eine neue Gestalt.


