Ausgabe 
5.4.1916
 
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Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.'»

^Fortsetzung.)

Annemarie kannte die Oertlichkeit. Sie klopste an die Tür rechts vom Flureingang.Man komme!" rief drinnen Mrbringers Stimme. Da Bolko die Tür öffnete, schlug ihm eine heftig wogende grane Wolke entgegen. Es war, als fülle Pulverdampf dies Gemach. Doch Fürbringer rauchte nur stark; er studierte gerade. Es war ein seltsames Stu­dium. Er saß auf einen: Stuhl von Strahgeslecht an einem großen Tische und manövrierte mit Zinnsoldaten; vor ihm lag ein zerlesener Band von FörstersBefreiungskriegen", in dem er zuweilen blätterte; er schob dann die Pferser^ spitze in den rechten Mundwinkel, feuchtete Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand an. den, Lippen an und wandte hierauf die Blätter nur. Er baute die Völkerschlacht ber Leipzig auf; die gedachte er in den bevorstehenden Kar­toffelferien mit seinen Fungen einzuüben. Ein Schemel stand neben seinem Stuhl und auf diesem lag der geöffnete Tabaksbeutel. Fürbringer saß wie in Wolken; der graue Rauch umschwamm ihn und umzog seinen Körper mit Saturnringen; wenn der Alte den Arm reckte, um Napoleon eine andere Stellung zu geben, zerteilte sich plötzlich das Gedämpf, fuhr in die Höhe und glitt fledermausartig dre Decke entlang; die kleinen grünen Fensterscheiben erschienen wie beschlagen. t ^

Fürbringer sah gar nicht nach, wer da erntrat. Er ev- wartete einen Nachsitzer.Bist du fertig, Karle?" fragte er und gab der Aufstellung der Alliierten eine Flankenwendung nach links;wenn du wieder einen Klecks gemacht hast, schneid' ich dir die Ohren ab. Tritt näher, mein Sohn, aber nicht z u nahe. Du sollst Herkommen, Lümmel!" schrre er und rückte mit dem Korps Oudinot errtschlossen vor;daß du Mir dein Heft nicht etwa mitten in die Schlachtordnung/ legst!..." Nun pruschte Annemarie lustig heraus und rief: Herr Generalfeldrnarschall, ich übergebe mich!../' und Fürbringer schnellte in die Höhe. Er zerteilte mit der flachen Hand das olympische Gewölk, rückte an seiner Horubrrlle, und dann fuhr er zusammen wie ein erschreckter Bataillons

kommandeur vor seinem General, nahm dre Pferse alerch einem Gewehr am Arm und schloß die Hacken und sagte in dienstlichem Meldeton, nrehr schreiend als sprechend, mrlr- tärisch hervorpolterird:Euer Durchlaucht... allergehor- sanrst zur Gtelle..." t pv, ^

Rührt Euch," antwortete Bolko lachend und schüttelte Fürbringer die Hand. Der ritz schleunigst das Fenster auf und schleppte Stühle herbei; dis langen Rockfchöße flogen um die hohen Stulpenstiefel, der ganze kleine Mann zitterte vor inrrerer Aufregung. Da stand die Durchlaucht vor ihm in der Stube, es war ein Gotteruegg, einer aus dem alten

mti, i-u cau /4 v..v v.it.|Befreiungskriegs .

seine Schlachtordnung und rief:Durchlaucht, das lese rch eben, das studiere ich es waren auch zwei GotterneggÄ dabei, Fürst Heinrich führte das Regiment Alt-Dessau, «ein Pferd wurde ihm unter dem Leibe erschossen, eine Kugel rrn ihm den Tschako vom Kopf, mit acht Wunden anr Lerbe fand man ihn auf dem Schlachtfelde. Und dann Prinz Eduard, Durchlaucht, er hatte Herr Fahnenträger zur Seite, der freu er nahnr die Fahne und stürmte vorwärts, fcanzoflsche Kü­rassiere überritten ihrr, nrarr hieb ihm die rechte Hmrd ab, die Säbel zerfetzten ihn, da ries er, was rief er, rch werst nicht mehr, er rief etwas, i<ch glaubeHurra", und hrerauf starb er. So starben zwei Gotterneggs..." Er schwenkte den Arm, er war begeistert. Dann wollte er davonrasen, von seinem Stachelbeerwein zu holen. Bolko dankte, aber Für- brinaer hörte es nicht; Annemarie hielt ihn an den Rock­schößen fest, und der Kantor brüllte:Manschken!" Frau Manschte führte ihm die Wirtschaft; doch die Manschten kam nicht, und Fürbringer sagte seufzend:Alles errerche rch, es ist Disziplin und Zucht in meiner jungen Gesellschaft, eS herrscht militärische Ordnung in dem Gehost. Wer die Manschken! Sie hat keinen Drill, sie ist nre da, und ist sie da, so zertrampelt sie meine Bastionen, und hinten ber den Kirschbannren, wo rneine Vogesen liegen, buddelt sie ein Kartoffelloch. Sie ist ein entsetzliches Weib, Gott verzeih mir die Sünde ich liebe die Pünktlichkeit, und sie hat keine Uhr im Kopse, ich liebe die Ordnung, und sie rst der Gegen­satz zu dem, was kosrnische Wohlreihe heißt. Durchlaucht, rch bitte gehorsamst zu platzen..." Er ließ Bolko gar nrcht zu Worte kommen, während er ihm einen Stuhl rn dre Knre- kehlen schob; er sprach immerfort. Er hatte viel zu erzählen, auch zu klagen. Ein neuer Schulrat war da, der seiner Päda­gogik widersprach: ein Kantor skr kein Feldwebel, eure Dorf­schule sei keine Kriegsakademie; wir lebten rm Deutschen Reiche uüd nicht im alten Sparta; Soldatenlieder konnten Lüe Jungen, aber die Liturgie gehe miserabel. Der neue Schulrat habe an allem etwas auszusetzeu; ob man srch dav gefallen lassen müsse, iueim man seine Pflicht tue? Ferner die Baulichkeiten. Die Administration Hobe taube -hren; die Schulstube müsse frisch geweißt werden, der Zregenstall falle auseinander, der Taubenschlag sei ein schreser ^urm zu Pisa, im Dausdach seien zwei Locher. Ferner bte Küsterwiese; er könne zwei Fuhren Dung beanspruchen, man gebe 'hm nur eine Ob;das in der Ordnung sei? Vor der letzten Ädahl Labe er zwei Sozialdemokraten bekehrt, und jetzt verweigere man ihm den kontraktlichen Dung! Die Administration sei die Republik; und nun geriet Fürbringer m rhythmische Be­geisterung; er wollte dieRückkehr zur Monarchie , er bat Bolko, sich an hie Spitze der Herrschaft zu setzen, wieder selbst das Patronat zu übernehmen, wieder ddr Fürst zu sein seinen getreuen Untertanen.Durchlaucht, es geht nicht anders, sagte er,es zerfällt, was dastand, und was gut war, wird