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3m Schützengraben.

(Nachdruck verboten.)

Seit bald zrvei Jahren lese ich die Schilderungen in, ans und UM den Schiitzengraben, und nun, wo ich endlich als aktiver Hckiützengrabenmensch mich von der Wahrheit des Gesagten über­zeugen kann, sehe ich, daß alles anders ist. Es gibt vermutlich Jo viel Schützengräben, wie Bewohner solcher lind Länge in laufenden Metern vorhanden.

Nehme ich! nur die paar hundert Schritt, auf die sich unser Abschnitt erstreckt, so kommen schon die verschiedensten Bilder heraus. Bei dem einen Teil herrscht die deutsche Ordnungsliebe, die die Bauleiter auszeichnet, daneben paart sich diese beim Soldaten selbstverständliche Genauigkeit im Ausführen des Be­fehls mit einer gewissen graziösen Genialität, sei es auch im Rhythmus der aufeinander geschichteten Rasenstücke.

Ter nächste Teil des Gaabens zeigt eine erstaunliche Mannig­faltigkeit, erstaunlich aber nur dem, der nicht weiß, daß den Führer dieses Llbschnittes der unerbittliche Tod heimholte, che er seinen Plan vollführen konnte. Nun baut der neue Herr nach neuen Gedanken. Manchmal ist es auch vorgekommen, daß die feindliche Arttllerie den Lehrmeister spielte und ein Graben­stück einriß, das für unüberwindlich galt.

Auch die Natur hilft nach. Das Wasser, das aus den Schnee­massen herausdringt, ersäuft die Unterstände, sprengt frierend Wände auseinander mtb macht aus dem Graben eine Festung. Tie Sohle muß höher ^gelegt werden und damit Bor- und Rücken­deckung ebenfalls steigen. Kunstvolle Entwässerungsalllagen werden gebaut, um der Frühjahrsüberschtoemmung vorzubeugen.

Mitten zwischen den sich abwechselnden Schlitzen ständen mrd Schulterwehren bocken wie bösartige kleine Raubtiere unter ihren bombensicheren Verschalungen die Muschineugewehre.

.Hundertmal sind die Höhleuwohnnugen geschildert worden, aber dennoch, ist gerade die, wo ich jetzt schreibe, durch kein Klischee belegbar. Sie sieht nicht viel anders aus wie eine Dachstube in einem Bauernhause. Nur daß es hier nicht reinregnet, sondern reinquillt. Morgens schöpfen fleißige Hände zahllose Eimer voll Wasser heraus, um das wir des Nachts bereichert sind. Ein Pfosten tragt die Decke, die sich höhnisch den feindlichen Granaten. entgegenbläht. Da unser Raum annähernd zwei Meter hoch ist, so trieben wir mit 16 Kubikmetern Luftraum für, zfvei Mann eine grenzenlose Verschwendung, wäre die Luft hier so selten wie Butter in Berlin.

Die Hälfte des Zimmers dient zum Schlafen. Die Lagerstatt ist stehengebliebene Erde, darauf Bretter und darüber Stroh, das Federbett des Feldsoldaten, mit seiner Seltenheit willen - ans Flaschenhülsen ergänzet, aber auch stets bereit, bundweise in den kunstvoll gemauerten Ofen zu verschwinden, um dem. nassen Holz die erste Feuchtigkeit auszutreiben. Dieser Ofen ist schön. Treppen- förmig ist sein Oberteil abgeschlossen und bestimmt, eine Klaviatur aus geleerten Wein flaschen aufzunchmen, falls die Einwohner nach Musik dürsten. Die macht er im übrigen allein, sobald sich ein fleißiger Dragoner herbeiläßt, ihn zu heizen. Tann kann er' fick) nicht genug tun an Fauchen und Zischen und Knattern, daß es klingt wie fernes Maschinen gewehrfeuer. Aber sobald der dienende Geist mit den blasenden Backen verschwindet, sinkt me Glut in sich zusammen und die mühsam erwärmte Luft begibt sich in den Weltraum.

Die Wände sind mit einer äußerst geschmacklosen Tapete überklebt, deren Vorhandensein zu berechtigter Begeisterung Anlaß gibt. Mit Reißzwecken sind allerhand Reproduktionen daraus be­festigt, meist au Stellen, wo man- sie nicht erwartet, wahrscheinlich war dann dort vorher ein Loch im Wandpapier.

Das Gemöbel besteht aus einemTisch, einer Bank, einem Scheinet und ein paar Kisten, die sich bei näherem Zusehen als gefüllt mit Reservemuuition erweisen. Aber man sitzt auf diesem Vulkan ruhiger, als matt aus dem richtigen tanzen dürste. Auf einem Waubbreit und vor dem Festster steht allerhand- und Trinkbares, vermischt in lieblicher Gemeinde mit Sprengstoffen wie Tabakspäckchen.

Der Ofen hat eine Eiseitplatte. Dort brodelt im Kochgeschirr das lehmgraue Wasser, aus dem so sehr leicht mit wenig Bohnen ein tiefschwarzer, baumstark erscheinender Kaffee gebraut wird.

Zur sinkenden Sonne kommt die Feldküche in erreichbare Nähe. Tann gibt es warmes Essen und Post und allerhand Genießbares.

So ist des Menschen äußere Umgebung int Schützengraben meines Begriffs!reifes.

Sich selbst umhüllt mau ntif allerhand Tüchern und Pelz­werk, bemüht sich aber, möglichst. Unauffällig! zu bleiben. Denn drüben am Waldrand steht der sagenhafte russische Kriegsfrei-, willige Lausislaus mit seiner Fernrohrbüchse, au die inan glauben lernt, wenn so ein Singvögelchen fröhlich und ganz dicht an uns vorbeizwitschert. Siehaben ganz verschiedene Laute. Einntal klingt es wie das Meißen eines Telephondrahtes, ein andermal, als würfe ein Junge einen Stein auf eine Eisfläche, und die dritte Sorte zischt wie eine Schlange.

^ Anders loirb es mit der Tonfolge, wenn die größeren Kaliber etnfetzen. Daun faucht es und jaucht daher; man sucht mir den Mugeu den Schallerreger, aber er ist ja schneller als der Ton, und

darum ist es ein Unsinn, sich zu bücken, ivenn die Grattateu über uns fortsausen. Sie sind schon längst wo anders, hört man sie. Denn träfe sie uns, hörten jgir sie nicht vorher. Aber sie halten! sich noch imnter an das alte Lied. Selbst der oben erwähnte! LausislauS schießt meist vorbei, gestern sogar zweimal recht dicht an mir, weil ich das Rot meiner Mütze nicht bedeckt hatte wie nrir nachher klar wurde

DiesNachher" gehört auch zu den subjektiven Schützen- grabenempsindungen. Ich habe gegenüber den Schießversuchen ein ganz objettives Gefühl der interessierten Neugierde, ein tech^- nisch physikalisches Einpfinden, vergleiche Licht- nud Schall- geschwindigkert, berechne Entfernungen, versuche zu wissen, ob ein Geschütz schwer oder leicht ist, und will den dumpfer: Klang des Russeusämsses von unserem peitschenähnlich Hellen unterscheiden.

Geradezu imponierend ist es, wenn unsere Artillerie ihre schweren Geschosse losschießt. Das klingt tatsächlich wie ein D- Zug, der riicht einmal übermäßig schnell durch die Lust rumpelt und dann Rache und Feuer speiend irgendwo zersplittert. Nachher pflegt es von daher abends einen schönen Feuerschein zu geben.

Ein Ding, das ich« Ar: den Zeitungsenten verweisen rnöchts, ist die Langeweile im Schützengraben. Zu solcher müßte man Zeit haben. Aber die Ungewißheit über das, was der Feind vor­hat, läßt uns nie zur Ruhe kommen. Die Wacktätigkeit Tag und Nacht nimmt soviel Schlaf, der in den freien Stunden nachgeholt werde,: muß, die Arbeit am Graben selbst hört nie auf, weil wir ja versuchen, uns unser Heim so wohnlich und sicher als möglich zu gestalten. Zum Lesen und Schreiben in dem oft vorgegebenen Umfange komntt es auch nicht. Selbst wenn uns die feindliche Artillerie aus der: Gräber: in die Unterstände schickt und wir unfreiwillige Muße genießen, dam: stört das enge Zusammen- sein mit so vielen Menschen.

Unzutreffend wäre es, wollte mau von dem Ernst einer Lage, der Gefahr eines Zustandes auf eine Vertiefung der Empfindung schließen. Zunächst, sobald wir uns im Unterstände bei begin­nender Beschießung zusam-uensinden, wird die Sicherheit des Raumes erwogen und daß, wenn nun doch ettva eine Schlvere durchschlüge, cs immerhin noch lange nicht gesagt wäre, daß dann alle tot seien. Eine gewisse Erregung, die wegzustreiterr Feigheit wäre, weil sie eben rein körperlich» ist und nicht im entferntesten mit Augst etwas zu tun hat an die mark sich in diesem Krieg zu gewöhirer: Zeit und Gelegen­heit gehabt hat macht sich bei jedem besonders bc-

merklich. Der eine beginnt zu schreiben, aber es wird ein Durcheinander, weil die Gedanken der andern sich Unter­haltenden hmcinkrc-uzen. Denn ein gewisses Vielsprechen ist sowohl Zeichen der Erregung selbst wie ein Versuch sie abzulengnen. Der dritte greift zum Buch, aber er wird nicht viel davon haben. Am vernünftigsten sind jene, die das Strohlager aufsuche,: und wirklich schlafen. Im Unterstand fällt jetzt das Technische fort, das mein Interesse draußen al'lenkt; beobachte sch mich so unbefangen wie möglich. so stelle ich fest, daß ich nicht stärker fühle als bei einen: Gewitter, uw auch jeden Augenblick der Blitz einschlagen kann. IN beiden Fällen sind die Wahrscheinlichkeiten vielleicht gleich groß, nur daß hier die Bosheit mrd Absichtlichkeit deS Verfahrens kränkt.

Oder es ist wie im Schnellzuge, früher im Lärche Frankreich, wo man gar nicht sicher war, heil arrzukommen. Da saß man gotter­gebet: drin und freute sich daun doppelt, wenn die Reise fertig war. Zumal sie hättfig in einen: schönen Fleckchen Erde endete.

Auch bei schwererr: Sturm auf Sec ist es ähnlich. Mär: kam: nicht auösteigei: und muß stillhaltcu.

Dies absolute Muß, sei es nun Physisch oder moralisch, ist etwas .Hervorragendes, und das Mort vor: den gottgewollter:' Abhängigkeiten gewinnt in diesem Kriege neuen Wert.

Dem: endlich! hält jeder Zug, jedes Schiff und jedes Artillerie­feuer hört auf. Für manchen zwar, mit Charons Nachen zu be­steigen, aber für die Mehrzahl glücklicherweise, um aus Dem Unterstand ins Freie zu treten urw sich au der schonen Sonne zu freuen, die ,vir jetzt die letzte Zeit in Rußland hatten. Möge sie Uns aller: bis zmu fröhlichen Sieg und Frieden leuchten!

Vermischtes.

* D e r N a m e H i n d e n b u r g. Von verschiedenen Seiten hat inan den Namen unseres großen Volksbclden Hindenburg in verschiedener Weise gedeutet. Daß aber auch schon Jakob Grinm: sich zn der Streitfrage geäußert bat, dürste doch überraschen. Pro­fessor Franz .iknntze macht im letzten Heft derNeuen Jahrbücher für das klassische Altertum" darauf anßnerksam, daß unser bedeu­tendster Sprachforscher in seiner Vorrede zr: Liebrechts Uebersetznng des Pontamerone folgendes sagt: ..In Panzer und Helin geschlossen schläft sie (Brunhild) auf einen: flammenumgebenen, unnahbaren Saal des Hindar siall (Berges der Hindin, wie es noch in West­falen eine Hinninbnrg, Äindinbnrg gibt)/ Als Hnfchbura, eigent­lich Hirfchknhburg. also der Nanre Hindenburg zu erklären Er hängt weder mit dem altdeutschenHund'', den: alten Wort für Hundert, zusammen, noch ist er etwa mit einer Burg des Hunno oder Hindo in Beziehung zu bringen; auch die Gleichung Hinden- bnrg-Hinterbnrg ist falsch. Ebenso hat der Hauptname der Familie