Mittwoch, den 2Y. MSr;

Die arme Prinzessin.

Roman von Fedor von Zobeltitz.

(Nachdruck verboten. ^

(Fortsetzung.)

Der Kandidat strich mit der Rechnen über seine hohe, etwas vorspringende und eckige Stirn. Da schwand die Falte, die auf ihr gelegen hatte, und es wutzde ganz hell in dem Augen und guten Gesicht.Herr Herzog, es hat manche Stunde gegeben, in der mir bange wurde und ich fragtet mich: was soll werden, wenn du immer nur an andre denkst und am wenigsten an dich selbst? Ja, solche Zeiten kamen, denn ich bin eine gesunde Natur und frei von altruistischer Enipsindsamkeit. Aber gerade deshalb bin ich geblieben ,aus Egoismus, 'aus dem Gefühl heraus, daß ich ein unglück­licher Mensche werden würde, wenn ich Gotternegg verlassen mußte. Durchlaucht haben gehört, was Jost vorhin sagte: ein Teil von ihm sei ich, ein Stück seiner Seele. Das bin ich. Ich habe nichts aus der Welt, aber ich habe ihn. Er gehört mirz ja, er ist mein. Als ich hierher kam, wsar er ein Kind; ich habe ihn erzogen; ich habe sein Innerstes er­schlossen, ich kenne jede seiner Regungen, ich weiß, was er denkt und fühlt, er ist mrr mehr als Sohn und Bruder und Freund. Ich möchte bei ihm bleiben, solange es möglich ist. Er'bedarf meiner, Durchlaucht, es steckt viel Gutes in ihm, das will noch geweckt werden und soll treiben. Er wird keilt Held werden unter dem Fürstenhut, uird vielleicht dennoch ein Held. Sie sprachen von ihm als unserm blassen Stillsitzer und ich wiederholte das. Aber so Gott w^ill, wird sich die Blässe in die frische Farbe der Gesundheit wandeln; Manches ist schon erreicht, viel wird noch, zu erreichen sein. Und da komme ich aus einen Punkt, den rch ungern berühre. Wer tnein Widerstreben nützt nichts, ich muß Eurer Durch­laucht die Wahrheit sagen. Der amerikanische Goldstrom wird sich vielleicht über Gotternegg ergießen, doch nicht über meinen Jost, lieber ihn gewiß nicht; wie ich ihn kenne, wird er jedwede Unterstützung von jener Seite strikte ab- lehnen. Unb und, Durchlaucht die beiden Kinder wer­den größer und die Anspriiche wachsen, und wenn nicht die Ansprüche, so doch die Pflichten der Erziehung!". . . Er brach plötzlich ab und blieb mit starkem Aufatmen stehen. Man merkte ihm an, wie schwer es ihm wurde, diese heikle Frage zu berühren.

Der Herzog galt für geizig; jedenfalls war er kleinlich in Geldsachen bis zu einem gewissen Punkte. Er konnte zögern und handeln und schachern, um dann aus einmal mit voller öaitb zu geben. So wurde auch jetzt sein Gesicht fin­ster, lind er wiegte den mächtigen Landsknechtskops hin und her.Hm," sagte er mit knurriger Stimme,ein Drittel der Überschüsse aus Gotternegg silid für die Erziehung der Minderjährigen bestimmt "

Durchlaucht, die Überschüsse sind durch die notwendig

gewordenen Abschreibungen so minimal geworden, daß sie kaum für die Bedürfnisse des Fürsten genügten."

Sapperlot, wovon lebt ihr denn hier?"

Ich habe seit langem gehofft, Euer Durchlaucht wür­den einmal darnach fragen. . . ." Velten ärgerte sich über die absichtliche Blindheit des alten Herrn .,. .Wovon wir leben? Madame Balsour kann darüber berichten, auch Bey- fuß. Aber das Leben ist das wenigste. Es schadet nichts, daß die Armut mit uns zu Tische sitzt und daß sich Prinz Jost ein paar Hosen von mir ändern lassen mußte, um seinen fürstlichen Bruder empfangen zu können"

Daß dich die Schwerenot!" fluchte der Herzog.

Ganz richtig, Durchlaucht: es ist zuweilen eine schwere Not. Aber sie tut uns nicht viel, soweit sie das Materielle betrifft. Prinzeß Annemarie ißt einen Teller Dickmilch ebenso gern wie Rebhuhnpastete, und Prinz Jost schlüpfte mit frö^ lichem Lachen in meine Hosen hinein. Die Armut ist auch eine Macht: sie klärt die Seelen und stärkt den Charakter. Ich würde kein Wort darüber verlieren, kämen nicht Er- ziehungsfragen in Betracht"

Verstehe," brummte der Herzog.Es wird ia nun an­ders. Bolko bedarf der Ueberschüsse nicht mehr; da können sie gänzlich für die Geschwister verwendet werden."

Es zuckte grimmig um die Augen Veltens.Geizhals wollte er sagen. Aber er lächelte nur.Die Ueberschüsse ver­bleiben bis aus ein Drittel dem Fürsten," erwiderte er, daran ist nichts zu ändern. Außerdem kennen Euer Durch­laucht unfern Rentmeister schlecht. Wenn er ein paar tausend Mark übrig hat, konstruiert er die absolute Notwendigkeit, irgendwo eine neue Scheune zu bauen, ein Dach aufzufetzen oder eine Drainage anzulegen. Nur eine freie Hand kann uns helfen. . . ." Einen Aügenblick pausierte er; dann spielte er seinen letzten Trumps aus...Auf die Zahlung unserer Ge­hälter haben wir seit länger als Jahresfrist nicht gedrungen. Aber wir bedürfen ihrer zur Lebensführung. Ich habe bereits ein kleines ererbtes Kapital in die Masse geworfen" Was?" schrie der Herzog,Sie haben Ihre paar Kröten geopfert?"

Ich war so frei, Durchlaucht Aber das ist ja eine niederträchtige Wirtschaft! Gegen die Wirtschaft an sich läßt sich nichts sagen, das Niederträchtige liegt in den Verhältnissen."

Na also, Velten, das geht so nicht weiter. Ein Onkel ist zwar nur ein Onkel, und unsre Verwandtschaft mit den Gotterneggs datiert über einen Scheffel Erbsen. Aber knausrig sein will ich auch nicht"

Das war's, was ich zu hören wünschte, Durch­laucht." t _

Kommen Sie morgen zu mir -- abends, zwischen Sechs und Sieben. Wir wollen einen Rehbock schießen und dabei die Sache besprechen. Wir haben sowieso ... ja, wir haben sowieso noch allerhand miteinander zu reden . . . Herr von Velten, ich weiß nicht: wenn ich Sie wäre, ob ich da geradeso handeln würde. Aber das kann ich Ihnen sagen: ich habe den